"Die Grenzen des Wachstums" : Simulierter Untergang

40 Jahre nach dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" – was haben wir für den Umgang mit Prognosen gelernt?

Die Zeichen stehen auf Krise. Nach Jahren des Booms stagniert die Wirtschaft. Die Rohstoffpreise steigen in schwindelerregende Höhen. Die Eckpfeiler der Finanzwirtschaft geraten ins Wanken. Umweltaktivisten propagieren düstere Untergangsszenarien. Politiker üben sich in hektischem Krisenmanagement.

Was klingt wie eine Beschreibung der Gegenwart, galt ebenso für die frühen siebziger Jahre. Die Situation vor vier Jahrzehnten ähnelte der unseren auf frappierende Weise. Das macht es reizvoll, sich erneut mit jener Studie zu beschäftigen, mit der der Club of Rome die damalige Stimmung auf den Punkt brachte: Die Grenzen des Wachstums wurde gleichsam zur Chiffre einer Zeitenwende. Die Studie beruhte auf einer Computersimulation und warnte vor sich erschöpfenden Vorräten und explodierenden Preisen für Rohstoffe und Energie.

Die Studie war das erste handfeste Produkt des Club of Rome, der 1968 als elitäres Diskussionsforum gegründet worden war. Die über die ganze Welt verteilten Mitglieder – handverlesen, vorzugsweise männlich und sämtlich in einflussreichen Positionen – sicherten der Studie globale Beachtung. Und doch löste sie zunächst vor allem Ratlosigkeit aus. Leser und Rezensenten waren unsicher, was sie von der überraschenden »Weltuntergangs-Vision aus dem Computer« (Der Spiegel) halten sollten.

Frank Uekötter

Der Historiker Frank Uekötter ist Fellow am von ihm mit begründeten Rachel Carson Center for Environment and Society in München und Mitorganisator eines internationalen Symposiums, das die Volkswagen-Stiftung am 28. und 29. November zum 40. Jahrestag von »The Limits to Growth« in Hannover veranstaltet. Gast ist unter anderem Dennis Meadows.

Ein Jahr später flimmerten Bilder gespenstisch leerer Autobahnen über die Bildschirme. Am 17. Oktober 1973 war der Ölpreis von rund drei US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf über fünf Dollar und dann im Laufe eines Jahres auf mehr als zwölf Dollar gestiegen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden an vier Sonntagen im November und Dezember 1973 private Autofahrten untersagt. Die steigenden Kosten für die Ölimporte führten bald zu einem Anstieg von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit.

Die eigentlichen Ursachen der Krise, der Jom-Kippur-Krieg zwischen Syrien, Ägypten und Israel sowie die Preispolitik des Opec-Kartells, hatten die Forscher natürlich nicht vorhersehen können. Aber eben durch jene erste Ölkrise (der 1979 noch eine zweite folgen sollte) gewann die Studie fast über Nacht prophetische Qualität. Das im Computer simulierte Szenario schien mit beängstigender Geschwindigkeit Realität zu werden. Die Grenzen des Wachstums wurde in 35 Sprachen übersetzt und insgesamt neun Millionen Mal verkauft.

Dabei war die Studie eine Billiglösung gewesen, ihr Autor ein Experte zweiter Wahl. Ursprünglich hatte der Club of Rome den türkischen Ökonomen und Zukunftsforscher Hasan Ozbekhan mit der Durchführung des Projekts beauftragen wollen. Dessen aufwendiges Konzept stieß im Exekutivkomitee des Clubs jedoch auf Zweifel, auch die Stiftung Volkswagenwerk in Hannover als angefragte Geldgeberin zeigte sich zunächst reserviert. Um Geld zu sparen und möglichst schnell Resultate vorweisen zu können, beschloss man, den Auftrag an das Team von Dennis Meadows vom Massachusetts Institute of Technology zu vergeben. Das MIT war damals schließlich eine der ersten Adressen auf dem Gebiet der Modellierung. MIT-Computerpionier Jay W. Forrester, der »Vater der Systemdynamik«, hatte den jungen Dennis Meadows als Projektleiter vorgeschlagen. Meadows versprach, nur wenige Monate für die Untersuchung zu brauchen. Das Kuratorium der Stiftung war skeptisch und fasziniert zugleich. Die neuartige Methode der computergestützten Simulation schien vielversprechend, der Bewerber aber noch unerfahren. So bewilligte die Stiftung zunächst nur 200.000 Mark für eine Voruntersuchung. Erst als diese vorlag, gab das Kuratorium »einmalig und letztmalig« 775.000 Mark für die eigentliche Studie frei. Nach fünfzehn Monaten Arbeit lag das Ergebnis vor.

Der Preis für die Eile wie für die computertaugliche Aufbereitung der Daten in den Frühzeiten der kybernetischen Modellierung waren drastische Vereinfachungen. Das Weltmodell der Meadows-Studie verhielt sich zur Realität etwa so wie eine Modelleisenbahnanlage zum Betrieb der Deutschen Bahn. Freimütig erklärten die Autoren, ihre Prognosen besäßen »im Sinne einer exakten Voraussage [...] keinen Aussagewert«. Schon gar nicht ging es um eine Vorhersage der Preisentwicklung, denn die hängt bei Rohstoffen von einem kaum zu durchdringenden Gewirr von Faktoren ab. Aber just der gewaltige Anstieg der Ressourcenpreise galt seit der Ölkrise als Beweis für die Richtigkeit der Prognose.

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Hmm, naja

Was will uns der Artikel sagen? Ganz am Ende kommt ja noch ein wenig Ratschlag daher. Aber ansonsten hinterläßt er den Leser eher ratlos.
Sollen wir jetzt gar nix mehr planen? Waren die Konsequenzen, die in der Industrie gezogen wurden, z.B. gegen den sauren Regen, nicht Ursache für das Ausbleiben der großen Katastrophe? Was wäre ohne Umsteuerung geschehen?
Sicher ist ein lineares Hochrechnen von Prozessen keine Prognose, die taugt die Zukunft vorherzusagen. Aber sie sagt etwas über Risiken aus, die entstehen, wenn man so weiter macht wie bisher. Daß das dann im Endeffekt nicht geschieht, ist wohl jedem einsichtig. Eben weil in der Regel ab einem gewissen Punkt immer umgesteuert wird. Aber man braucht diese Art von Prognose eben um das Umsteuern erst zu ermöglichen.
Das gilt auch für die "Vorhersagen" des Club Of Rome. Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn alle Warnungen von damals einfach in den Wind geschlagen worden wären.
Die leidige Diskussion über PeakOil ist doch genauso ein Beispiel. PeakOil ist, wenn man die traditionellen, einfach zu fördernden Ölquellen betrachtet, schon Vergangenheit. Aber es grenzt doch an Schwachsinn, wenn man jetzt so tut als würde es diesen Zeitpunkt nie geben und Öl immer sprudeln, nur weil man unter erheblichem Aufwand heute auch Öl aus Teersand fördern kann. Das Ende des Öls wird kommen, genau wie das Ende aller nicht nachwachsenden Rohstoffe.
Ein nicht nachwachsender Rohstoff ist übrigens auch die Erdoberfläche...

Wieso denn?

"Was will uns der Artikel sagen? Ganz am Ende kommt ja noch ein wenig Ratschlag daher. Aber ansonsten hinterläßt er den Leser eher ratlos.
Sollen wir jetzt gar nix mehr planen?"

Ihre Aussage bzw. Frage erscheint mir etwas naiv, denn manchmal kann man eben nicht entsprechende Antworten geben.
Und wenn das Modell der damaligen Simulation eben nur grob war, dann ist das Ergebnis eben in einer entsprechenden Qualität. Der Artikel suggeriert mir, dass immer Kritik angebracht ist, egal was man tut. Als Beispiel nehme ich die aktuelle Klimadebatte. Nach meiner Auffassung ist immer sorgsam mit Rohstoffen umzugehen, aber die Versprechen, die manche äußern, wenn man soundsoviel CO2 einspart, dann steigt das Wasser umsoundsviel Meter weniger ist gelinde gesagt Quark, schon gar um solche Jahrhundert-Zeiträume. Weil die Modelle ganz sicher nicht die Qualität besitzen, um so eine Aussage zu rechtfertigen. Was aber auch nicht bedeutet, das man Leuten, die wegen ihrer Geldgeber so tun, als ob das alles ja nur Gegröle von irgendwelchen Stunkmachern ist. Siehe Fracking, da bin ich ganz grün und sage fort mit dem Mist. Ich muss aber, wenn ich Aussagen mache, diese überprüfen können und die Annhamen derer haben eben eine gewisse Qualität, mit der ich eine gewisse dGüte der Genauigkeit liefere. Ich kann nicht so tun, als ob alles einfach wäre und entweder so oder so ist es richtig. Deswegen ist Bildung ja wichtig und das man eben hinreichend Experten hat, die so unabhängig wie möglich arbeiten.

Hallo y5rx

Mir erging es wie IHnen. Ja was denn nun? Was soll mir der Beitrag bringen. Habe ich ewas dazu gelernt?
Eigentlich nicht. Gut gemacht, aber sonst? Soll der Beitrag zur Verwirrung beitragen: Alles nicht so schlimm oder so?
Öl aus Schiffer mit einem Trakkingverfahren? Wird schon nicht so schlimm werden, wie die Schwarzseher heute meinen? Wirbelstürme, Erdbeben, Überschwemmungen ... Da mal ein Kernkraftwerk das gaut, dort eine Chemiefabrik die ein paar Tausend Anliegern gewisse nachteile bringen?
Kollateralschäden! Für mich das Wort des Jahrtausends.

Kriege zwischen Religionen, zwischen Wirtschaftssystemen, zwischen Kapitalvermögenden, zwischen Energieunternehmen, zwischen Kontinenten und Wirtschaftsgemeinschaften.
Finanzkriege: Hedgefonds gegen Staaten, Banken gegen Staaten, Konzerne gegen Staaten ...
MRSA! "Diese Resistenz wird uns in die Zeit vor Erfindung des "Penezillin (bitte fehler ignorieren)" zurückwerfen" stand in einem Bericht des Robert-Koch-Instituts (für Hygienebeauftragte und andere Interessierte).

Überall gibt es Koll.Schäden. Aber deshalb muß doch niemand verzweifeln. Weder was der Johannes vor 2000 Jahren offfenbarte noch was die Mayas oder die Zeugen Jehovas voraussagten ist eingetroffen.

Also: weiter so. Es gibt bald 10 Milliarden von uns, da werden immer welche übrigbleiben, die weiter machen können. Und die haben es dann auch leichter. Die werden keine Sorgen mehr haben mit Kohle oder Öl oder Gas, die sind bis dahin bestimmt aufgebraucht.