FrackingIm Rausch

Fracking, eine neue Gas- und Ölfördertechnik verändert den Energiemarkt dramatisch – auf Kosten der Umwelt. Ein Bericht aus Texas von 

Ein Ölbohrgerät nahe Watford City im US-Bundesstaat North Dakota

Ein Ölbohrgerät nahe Watford City im US-Bundesstaat North Dakota   |  © Jim Urquhart/Reuters

Eine Straßenecke mitten in Gardendale, einem 220-Einwohner-Dörfchen im Westen von Texas: 50 Meter links davon steht eines der typischen einstöckigen Vorstadthäuser mit breiter Zufahrt zum Carport, 50 Meter rechts steht ein weiteres Haus, dazwischen ragt ein Bohrturm in den stahlblauen Himmel. Der Dieselgenerator rattert auf Hochtouren, das Gestänge quietscht, Trucks liefern Wasser und Material. Nur einen Steinwurf entfernt wohnt Joe Paul Wood. »Nachts kann ich nicht schlafen«, klagt er, »es stinkt ständig nach Abgas. Neulich gab es sogar einen Alarm, weil Schwefelwasserstoff ausgetreten war.«

Seit drei Jahren geht das bereits so. Hat der Bohrtrupp die Pumpen und Auffangbehälter für die Förderung installiert, zieht er ein Stück weiter, die Straße hinunter, zum nächsten Standort. Der mit Chemikalien, öligen Gesteinsresten und rostigen Stahlteilen vermischte Aushub bleibt zurück. Alle 200 Meter markieren rote Fähnchen die künftigen Öl- und Gasbrunnen, mehrere Hundert sind es im kleinen Gardendale.

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Die Anwohner sind machtlos, denn Ölfirmen haben die Bodenschätze unter ihren Grundstücken günstig aufgekauft, als noch niemand hier damit rechnete, dass sich die Förderung einmal lohnen könnte. Jetzt dürfen die Unternehmen ihre Bohrtürme gesetzeskonform sogar in Vorgärten aufstellen, wenn das der beste Platz ist, um die Bodenschätze zu heben.

»Für die Öl- und Gasindustrie ist das fantastisch«, sagt Wood bitter. »Uns raubt Fracking das Land und das Leben.«

Hydraulic Fracturing, kurz Fracking, hat die Energiewirtschaft der USA in einen Rausch versetzt. Schon wird es in 29 der 50 Bundesstaaten genutzt, um Schiefergesteinsschichten in ein- bis fünftausend Meter Tiefe mit hohem Wasserdruck aufzusprengen. Quarzsand und chemische Zusatzstoffe sorgen dafür, dass die haarfeinen, aber Dutzende Meter langen Risse über Jahrzehnte für den Abtransport von Öl und Gas offen bleiben. Damit genügend Risse entstehen, muss die Bohrung tief in der Erde um 90 Grad abknicken und horizontal durch das Schiefergestein gefräst werden.

Die erforderliche Technik ist erst seit wenigen Jahren so günstig, dass sich ihr Einsatz lohnt. Doch bereits jetzt sind die Folgen dramatisch. Der Erdgaspreis ist in den USA auf ein Drittel des europäischen Niveaus gefallen. Schon in wenigen Jahren dürfte das Land vom Gasimporteur zum -exporteur werden. Beim Erdöl werde etwa im Jahr 2030 die Selbstversorgung der USA möglich, schätzt die Internationale Energieagentur.

Die Euphorie wirkt ansteckend. Auch Südafrika, Argentinien und China wollen ihre enormen Schiefervorkommen nutzen. In Europa haben vor allem die Ukraine, Polen und Frankreich größeres Potenzial. Sogar Deutschland könnte seinen Erdgasbedarf zehn bis 25 Jahre lang voll aus eigenem Schiefergas decken, hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe errechnet.

Drohen jetzt auch in Hessen und Niedersachsen texanische Verhältnisse? Landauf, landab grassiert die Angst davor. »Gegen Gasbohren« heißt ein Zusammenschluss von über 30 Bürgerinitiativen. Vom niedersächsischen Völkersen über das westfälische Drensteinfurt bis ins bayerische Breitbrunn protestieren sie gegen jede neue Erdgasbohrung, angefeuert von den spektakulären Bildern im Dokumentarfilm Gasland. Ein Mann hält dort ein Feuerzeug an seinen Wasserhahn, daraufhin zerplatzt ein Feuerball. Der erschrockene Kameramann ruft: »Jesus Christ!«

Ähnliche Reflexe zeigt die deutsche Politik. Die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf hat ein Moratorium über das Schiefergas-Fracking verhängt. Das Umweltbundesamt fordert nach einem umfangreichen Gutachten die Einführung verbindlicher Umweltverträglichkeitsprüfungen und Fracking-Verbote in Wasserschutzgebieten. Bundesumweltminister Peter Altmaier plädiert für strenge Auflagen zur »Ausräumung sämtlicher Bedenken«. Für den 3. Dezember hat er zu einem Expertenforum nach Berlin geladen, um die Grundlagen für eine bundesweite Regelung zu erarbeiten.

Der Benzol-Grenzwert im Boden war um das 40-Fache überschritten

Bisher ist die Genehmigung Ländersache. So sieht Niedersachsen, wo 95 Prozent der deutschen Erdgasförderung stattfinden, keinen Handlungsbedarf. Der zuständige Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) hat die antiquierte Genehmigungspraxis durch das Landesbergamt sogar ausdrücklich bestätigt – ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und ohne grundsätzliches Fracking-Verbot für Wasserschutzgebiete.

Trotzdem ist das Schiefergas-Fracking in Deutschland bisher erst an einem einzigen Bohrloch erprobt worden, und das schon vor vier Jahren im niedersächsischen Damme. Gefördert wurde dabei nichts. ExxonMobil wollte bei der Probebohrung lediglich geologische Erkenntnisse sammeln. Seitdem hält sich die Industrie zurück. Selbst konventionelle Erdgas- und Erdölbohrungen sind in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht mehr gefrackt worden. Die Fördermengen gehen deshalb bereits zurück.

Leserkommentare
  1. Siehe Erratum.

    Hier einer der besseren Berichte zum Fracking seitens des Government Accountability Offices, vergleichbar dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags:

    http://www.gao.gov/assets...

    Das Thema bleibt spannend.

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  • Schlagworte Erdölförderung | Erdöl | Erdgas | Energiewirtschaft | Texas
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