Separatismus : Am prächtigsten allein

Reiche EU-Regionen wollen raus aus ihren Staaten.
Flämischer Nationalist: Bart De Wever © GEORGE GOBET/AFP/Getty Images

Ihre größte Dichte, so lehrt die Astronomie, erreichen Sterne, kurz bevor sie explodieren. Steht Europa vor einem solchen Supernova-Moment? Etliche kleine Regionen des Kontinents sind im Begriff, sich aus ihren jeweiligen Staaten zu lösen. In Schottland, Flandern, Katalonien, Südtirol und Norditalien rufen immer mehr Menschen immer lauter nach Unabhängigkeit, nach eigenen Ministaaten. Welche Kräfte treiben diese separatistische Bewegung an? Ist es schlicht und einfach der Überdruss am »Suprastaat« EU, welcher sich anmaßt, immer mehr Schicksalsentscheidungen über die Köpfe der Bürger hinweg zu treffen? Oder erscheint die Trennung vom nationalen Staat gerade deswegen so verlockend, weil Europa einen so herrlich verlässlichen Stabilitätsrahmen geschaffen hat? Weil, anders gesagt, Separatismus aus Sicht von Separatisten noch nie so ungefährlich war wie heute?

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Viel spricht dafür, den neuen Lokalismus als Gegenreaktion auf suprastaatliche Steuerung zu deuten, auf die Globalisierung überhaupt. Je weniger der Bürger Kontrolle oder echtes Wissen darüber besitzt, wie mit Abermilliarden Steuergeldern jongliert wird, desto wichtiger wird ihm die Gestaltung des Gestaltbaren. Wie groß die Sehnsucht nach heiler kleiner Welt, Übersichtlichkeit und Ureigenem ist, lässt sich im reichen Deutschland ablesen an den gewaltigen Verkaufszahlen von Zeitschriften wie Landlust oder dem Absatz der neuen Orts-Autokennzeichen. Dieses Neo-Biedermeier ist das eine. Es bleibt harmlos, wenn es sich nicht mit anderen Affekten mischt. Genau das passiert allerdings gerade in jenen Regionen Europas, deren nationale Zugehörigkeit schon immer eine emotional aufgeladene Frage war.

Der Separatismus geht dort einher mit Zorn, Missgunst und Überlegenheitsgefühlen. Diese Mischung ist gefährlich, weil Europa sie so noch nie erlebt hat. Der Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts war ein Staatsnationalismus. Der jetzige ist ein Antistaatsnationalismus, und er macht sich ausgerechnet zu einer Zeit breit, in der das gemeinsame europäische Schicksal wie noch nie von der Solidarität der Staaten untereinander abhängt.

Eigentlich spricht nichts dagegen, so viele politische Entscheidungen wie möglich so nahe wie möglich an die Bürger heranzurücken, im Gegenteil, dieses Prinzip der Subsidiarität ist im deutschen Verfassungsrecht leitendes Prinzip der Demokratie. Auch wirtschaftlich ist es keineswegs ein Nachteil, wenn ein Staat klein ist. Estland hat 1,3 Millionen Einwohner. Geht es ihm deshalb schlecht? Nein, finden viele Esten, gerade deswegen gehe es ihnen gut. Ohne das Gefühl, zu einer überschaubaren Schicksalsgemeinschaft zu gehören, sagen sie, hätten sie die opferreiche, aber letztlich erfolgreiche Radikalliberalisierung der neunziger Jahre nicht bewältigen können. Kleinere Systeme sind außerdem weniger stör- und chaosanfällig als große.

Die Kraft kleiner Gemeinschaften, die auch andere Gemeinschaften anerkennen, ist eben durchaus etwas anderes als die Pathologie des Nationalismus, der andere Völker für minderwertig erklärt. Die Kleinen sind in Europas Geografie übrigens deutlich in der Mehrheit: Fünfzig Prozent des Kontinents bestehen aus über dreißig Ländern mit durchschnittlich fünf Millionen Einwohnern. Es gibt Chinesen, die beneiden Europa um dieses Wabensystem. Zum Beispiel Liao Yiwu, der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der über die Selbstverbrennung tibetischer Mönche sagt: »Könnte Tibet einfach ein freies Land sein, das Grenzen mit Sichuan und Yunnan teilt und nicht von einer fernen Diktatur in Peking unterdrückt wird, dann würde niemand aus diesem lebensfrohen Volk des Hochplateaus je einen Grund haben, sich ein solches Leid anzutun.«

Warum also sollten Flamen und Wallonen nicht eine Viertelstunde Mut aufbringen, wie es ein belgischer Politiker einmal sagte, und sich trennen? Warum sollte man Angst haben vor einem Norditalien, das sich wahrscheinlich anständiger regieren ließe als Gesamtitalien? Warum nicht den Katalanen erlauben, sich vom spanischen Zentralstaat zu lösen? Tschechen und Slowaken haben doch vor 20 Jahren vorgemacht, wie friedlich so eine Scheidung ablaufen kann. Klein und frei zu sein hieße schließlich auch nicht zwangsläufig, in Brüssel an Gewicht zu verlieren – man muss sich nur geschickt verbünden, so wie es in der Euro-Politik gerade die Holländer und Finnen mit Deutschland tun. Oder optimiert in alle Richtungen netzwerken, wie Luxemburg.

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51 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Einst war der Wohlstand anderswo

Wenn man bedenkt, dass das heutige Italien nur von Norditalien gewollt wurde, die sich heute so beklagen anstatt die Dokumente und nicht die Interpretationen ihrer machthungrigen Vertreter (Bossi & Co. ist nicht lange her, dass sie sich als billige, korrupte Aufwiegler entpuppt haben) zu lesen. Das Königreich der zwei Sizilien und die Hauptstadt Neapel waren für die Norditaliener wie Chimären. Sie kamen um Kultur einzuatmen, um essen zu lernen, um sich zu kleiden und allerlei Schönes für ihre schüchterne Weiber zu erwerben. Und heute mit ihrer Handwerksarroganz haben den Tod Millionen Menschen, die Kriege für das sogenannte Italien in den Schlamm ihrer winterlichen Dörfer gezogen. Wenn sie nicht dazu gehören wollen, wollen es die anderen noch weniger. Sie haben für den Aufbau und die Sanierung ihrer maroden Regionen Geld gebraucht. Geld, dass man damals dem Süden geraubt hat, in Form von Steuern. Dann haben sie mit gewieften Politikern den Rest vollzogen. Wo kamen die ganzen Politiker der DC, die jahrzehntelang den Süden bewusst zu einem Stimmensee verwandelt haben. Und wenn ich noch genauer und noch länger argumentieren würde, nichts würde man in diesen undankbaren und selbstherrlichen Gestalten in Bewegung setzen. Bauernschläue und die Grenzen von Bergen lassen keinen Raum zum Nachdenken und begreifen.