Der flämische Nationalismus hat ein Gesicht oder, genauer gesagt: zwei. Als Bart de Wever 2010 bei der belgischen Parlamentswahl triumphierte, war er ein fülliger Mann ohne Kinn. Wer wollte, konnte seine Physiognomie damals als Ausdruck einer festen Verwurzelung in Kultur und Küche seiner Heimat deuten. Mittlerweile hat de Wever 60 Kilo abgenommen, ein Buch darüber verfasst und die nächste Wahl gewonnen: Der 41-Jährige wird demnächst Bürgermeister von Antwerpen, der wirtschaftlich stärksten Stadt Flanderns.

Für de Wever ist dieser Sieg nur eine Etappe. »Belgien ist eine gescheiterte Nation«, glaubt er. Sein langfristiges Ziel ist ein unabhängiges Flandern – ein Schritt, der gleichbedeutend wäre mit dem Ende des belgischen Staates. Die 6,5 Millionen Flamen sind dort die Mehrheit. Während es bei den Autonomiebestrebungen der Schotten oder Katalanen um Abspaltung geht, geht es in Belgien um Teilung.

Mächtig ist der flämische Nationalismus geworden, seit sich die wirtschaftlichen Gewichte im Land verschoben haben. Früher war der niederländische Norden arm, im frankofonen Süden schaffte die Schwerindustrie Arbeitsplätze und Wohlstand. Mit ihrem Niedergang kehrten sich die Verhältnisse um. Heute sind die Finanztransfers von Nord nach Süd der ideale Nährstoff für Neiddebatten und de Wevers separatistische Partei N-VA.

Europa ist für die flämischen Nationalisten kein Argument gegen Kleinstaaterei. Im Gegenteil: Gerade weil es die EU gebe, betont de Wever, sei Belgien überflüssig. Die großen Dinge, etwa Verteidigung oder Migration, müssten ohnehin supranational geregelt werden. Kompetenzen, die Bürgernähe erforderten, seien hingegen besser in kleineren Einheiten aufgehoben. »Ein stärkeres Flandern in einem stärkeren Europa«, so steht es im Programm der N-VA.

Matthias Krupa