GoogleFutter für die Glotze

Die Zahl der mit dem Internet verbundenen Fernseher wächst. In den USA beginnt Google ein riesiges Experiment. von 

Die New Yorker Niederlassung des Internetgiganten Google liegt in einem der größten Gebäude des Stadtteils Manhattan, obwohl das kaum ein ahnungsloser Passant bemerkt: Der industrielle Bau nimmt zwar einen ganzen Block an der Eighth Avenue ein, ist aber nicht auffällig hoch. In der rückwärtigen Lobby steht ein schlanker, hochmoderner Fernseher, und darauf läuft Google TV.

Die Fernbedienung dafür ist ähnlich kompliziert wie das Armaturenbrett des Weltraumfahrzeugs Space Shuttle, denn das Programm ist vielfältig. Alle terrestrischen Senderketten sind bei Google TV vertreten: NBC, ABC, Fox, auch PBS gehören dazu, der Kinofilmservice Netflix, CNN, HBO und Al-Dschasira. Und natürlich YouTube, Googles Videodienst im Internet, wo jeder Nutzer seinen Kanal eröffnen kann.

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Von diesen Kanälen gibt es inzwischen mehrere Millionen. Auch mehr als 100000 TV-Sendungen und Filme sind (über das Onlinekaufhaus Amazon) abrufbar, Musik, Internetradio, Zeitungen wie das Wall Street Journal und das Satireblatt The Onion sowieso. Und Google Play, der Android-Onlinestore mit seinen Zehntausenden von Applikationen. Einzig Hulu fehlt noch, die Onlineplattform der amerikanischen TV-Sender, auf der die aktuellen Serien laufen. Aber Google ist bereits in Gesprächen, auch Hulu noch als »Partner« für sein Angebot zu gewinnen. Mit Google TV, sagt Firmensprecher Christian Witt, werde das Fernsehen zu einem »riesigen Smartphone, das an der Wand hängt«. Damit ist das Fernsehexperiment der Internetfirma eines der spannendsten Medienvorhaben der Gegenwart. Aber wie funktioniert es? Wie soll es sich rechnen? Und welche Chancen hat es?

Google TV läuft mit Googles eigenem Browser Chrome; betrieben wird es mittels einer Settop-Box, also einem kleinen Kasten, der an den Bildschirm angeschlossen wird. Der Anschaffungspreis liegt bei 100 bis 200 Dollar, aber in neuere Fernseher ist die notwendige Technik bereits eingebaut. Zur Finanzierung trägt bei, dass manche Angebote ebenfalls Geld kosten. Ein Netflix-Abo etwa schlägt mit acht Dollar im Monat zu Buche, und Amazon rechnet pro Film ab. Das Gleiche gilt für hochwertige Fernsehserien. Nur Google selbst verlangt kein Geld, noch zumindest.

Dennoch zeigt der Konzern, dass sich das Fernsehen nicht nur technisch verändern wird, sondern auch als Geschäftsmodell. Die Ambitionen sind groß. Mit Google TV will der Internetgigant das Fernsehen erobern, so wie Google bereits die Internet-Suchmaschinen dominiert und Google News mit den Verlagen im Wettbewerb steht. Von den 115 Millionen Haushalten in den Vereinigten Staaten können bereits 32,1 Millionen Onlinevideos auf ihrem Apparat sehen, und ihre Zahl wächst stetig.

In der Skylight Lounge, mit Blick auf das Empire State Building, lädt Google an einem Herbstnachmittag Kreative ein, um über die »Herausforderungen und Chancen der neuen Medienwelt« zu diskutieren. Film- und Fernsehmacher sind hier: Sie kreieren Katzenvideos, geben Kosmetiktips vor Spiegel und Kamera oder machen Wahlkampfhilfe für Barack Obama. Sie sind Musiker, die ihre Songs ins Netz stellen. Der Anlass für das Treffen ist eine Kooperation zwischen Google und dem Cirque du Soleil, dessen Repräsentantin rote Schaumstoffnasen an alle verteilt. Der Zirkus mit Hauptsitz im kanadischen Montreal wird künftig auch auf dem heimischen Laptop gaukeln. Auf dem Podium steht plötzlich, nicht angekündigt und ohne rote Nase, Eric Schmidt, der legendäre Chairman von Google. Er kündigt ein »gänzlich neues Ökosystem« an, von Google bestückte Geräte, die »dich aufwecken, deine Stimmung erfühlen, deine Reisen organisieren und dem Arzt mitteilen, wenn du krank bist, sodass er dich anrufen und dir ein Rezept schicken kann«.

Auch Google TV wird in dieser schönen neuen Welt eine Rolle spielen, wo es nicht mehr darum gehen wird, für ein Stück Inhalt etwas Geld zu verlangen, sondern ums große Ganze. »Wir leben in einer Ära des Überflusses«, sagt Schmidt. Dem könne sich keiner entziehen. »Die Hollywoodstudios haben Jahre gebraucht, bis ihre Sachen auf YouTube gelaufen sind, aber nun tun sie es alle. Wir haben einen Weg gefunden, wie wir zusammen Geld verdienen können.« Und so ähnlich werde es auch mit den Fernsehstudios geschehen. Nur manch kleiner Frühstarter habe diese Transition nicht überlebt. »Aber das geschieht oft.«

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