Rosa von PraunheimEs lebe der Dalai Rosa

Der 70. Geburtstag des Filmemachers Rosa von Praunheim ist ein erstklassiger Anlass zum Feiern. von 

Und so soll ihm nun liebevoll, zärtlich und ironisch gehuldigt werden, Rosa von Praunheim, dem Filmemacher, Schwulenaktivisten, Dalai Rosa, Sexbesessenen und Träger der exzentrischsten Hutkreationen auf den roten Teppichen dieser Republik, der am 25. November 70 Jahre alt wird. Sein größtes Geschenk, die filmische Überraschungstorte, wird zum Geburtstag ausgestrahlt: Rosakinder, ein Dokumentarfilm von Julia von Heinz, Chris Kraus, Axel Ranisch, Robert Thalheim und Tom Tykwer.

Erfreulich ist, dass Praunheim, der sich immer dagegen gewehrt hat, zur reinen Figur der Zeitgeschichte zu verkümmern, in diesem Film kein bisschen musealisiert wird. Es kommt darin nicht einmal vor, dass er 1971 einen bahnbrechenden Film drehte, der die schwule Subkultur der Republik aufs Korn nahm, aber auch den ersten Kuss zwischen zwei Männern ins deutsche Fernsehen brachte und als Initialzündung der deutschen Schwulenbewegung gilt: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Auch Rosa von Praunheims so spektakuläre wie umstrittene Outing-Kampagne, mit der er Anfang der neunziger Jahre, auf dem Höhepunkt der Aids-Krise, die Homosexualität von Prominenten öffentlich machte, bleibt unerwähnt.

Anzeige

Rosakinder ist vielmehr eine fulminante Liebeserklärung von fünf Regisseuren an ihren Freund und Mentor Praunheim geworden. Und natürlich stellt sich die Frage, was um alles in der Welt die Quersumme sein könnte von so unterschiedlichen Filmwelten wie Hanni und Nanni 2, Vier Minuten, Cloud Atlas, Am Ende kommen Touristen und Dicke Mädchen.

Die Gemeinsamkeit, das wird nach wenigen Filmminuten klar, liegt in der Wertschätzung einer radikal offenen, manchmal nervtötenden, im besten Sinne provozierenden, beiderseits treu gelebten Freundschaft. Indem die fünf Filmemacher Rosa von Praunheims Mischung aus Ehrlichkeit und Exzentrik – ob als Kunstgriff oder als Katalysator – in ihrem gemeinsamen Filmprojekt übernehmen, werden sie tatsächlich zu seinen Kinokindern.

»Verwandtschaft ist keine Frage des Blutes, manchmal«, sagt Chris Kraus, der in Rosakinder der Wahnidee nachhängt, sein SS-Großvater könne 1942 den im Zentralgefängnis von Riga als Holger Radtke geborenen Rosa von Praunheim gezeugt haben. Die Enttäuschung beim negativ ausfallenden Gentest ist Kraus jedenfalls deutlich anzumerken, während Rosa von Praunheim eher erleichtert wirkt. Julia von Heinz wiederum dokumentiert schmerzhaft ehrlich, wie sie sich nach ihrem Spielfilmdebüt Was am Ende zählt aufs Land und in eine Depression zurückzog und von Rosa von Praunheim mit täglichen Anrufen und Gedichten »gerettet« wurde. Robert Thalheim inszeniert in einer kleinen Spielfilmgeschichte seine Furcht vor der eigenen Spießigkeit, die er dank seines Filmhochschullehrers von Praunheim überwinden oder vielleicht auch einfach nur akzeptieren konnte. Axel Ranisch lernte von Rosa von Praunheim schwul zu leben und zu filmen und legt sich auf bewegende Weise nackt in den Berliner Schnee unter eine Straßenlaterne.

Und Tom Tykwer? Der Filmemacher, der Rosa von Praunheim Ende der achtziger Jahre als Betreiber des Berliner Kinos Moviemento kennenlernte, nimmt sich in einem durchgeknallten Videoclip selbst auf den Arm. Mal als Rapper, mal als Hard-Rocker, mal als Songwriter, mal als Countrymusiker singt und tanzt sich Tykwer durch seine von Rosa von Praunheim zurückgespiegelte Angst, nicht authentisch zu sein:

»Ich wär so gern authentisch, doch das gelingt mir nie / Ich suche das Private und finde nur Zitate«.

Und so handelt Rosakinder in einem durchaus universellen Sinne von Freundschaft als der Stärke, die dem anderen ermöglicht, zu seinen Schwächen und Sehnsüchten zu stehen. Rosakinder ist übrigens Teil einer Geburtstagsgroßaktion, die – sonst wäre Praunheim nicht Praunheim – in einen multimedialen Rosataumel mündet: Zum 70. Geburtstag erscheint das so frivole wie lebensweise Bändchen Ein Penis stirbt immer zuletzt mit 70 Praunheim Gedichten, 70 Zeichnungen und 7 Kurzgeschichten. Außerdem hat von Praunheim Rosas Welt gedreht, 70 Kurzfilme (auf Arte laufen 7 davon, der rbb zeigt sie komplett), eine Praunheim-Phänomenologie des Lebens: vom Porträt eines benachbarten Männerpaares, das liebevoll den behinderten Bruder des einen pflegt, über die Betrachtung von Hardcore-Pornodarstellern, Satanisten, schwulen Schornsteinfegern (»Hattest du schon mal Sex auf dem Dach?«), Mopsbesitzern bis zu einer berührenden Begegnung mit der Schauspielerin Eva Mattes.

Da wurmt es nur, dass die 70 ZEIT- Schwerpunkt-Seiten, die eigentlich im Rahmen von 7 Rosa-von-Praunheim-Titelgeschichten gedruckt werden sollten, auf dieses unverzeihlich kurze Textchen zusammengestrichen wurden.

Rosakinder und Rosas Welt, am 25.11., 23:10 Uhr und 0:40 Uhr auf Arte. Die lange Rosa-von-Praunheim Nacht: 70 Filme, RBB, 24.11. von 20:15 bis 8:25 Uhr.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... die Outing-Kampagne verzeihe ich Praunheim nicht. Das war richtig Scheiße!

    • krister
    • 26. November 2012 11:51 Uhr

    Bei allem kann ich bei ihm nur immer wieder seine tiefe Menschenliebe feststellen und sein Interesse an den Menschen,das kommt so authentisch rüber,dass es einen schon sehr berührt,gerade als wir jetzt wieder die lange Nacht sahen RBB.Er ist ein Künstler den man viel öfters hören und sehen sollte!
    Von Herzen alles Gute zum Geburtstag!! vor allem viel Liebe udn viel Gesundheit!!!

    • krister
    • 26. November 2012 11:57 Uhr

    1." Glückwunsch zum siebzigsten Geburtstag, doch ...
    ... die Outing-Kampagne verzeihe ich Praunheim nicht. Das war richtig Scheiße!"

    Heute ist ja viel von Transparenz die Rede in allen möglichen Bereichen,ich glaube Rosa hielt schon immer was von Tranparenz und sehe seine Beweggründe darin.
    Und natürlich kann/wird/ist Transparenz immer "Scheiße" für verschiedene Beteiligte.
    Aber ist Mut und Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit --und dafür steht RvP zweifelsohne--- ohne Transparenz denkbar?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Film | Rosa von Praunheim | Tom Tykwer | Kino | Regisseur | Homosexualität
Service