Film "Stille Seelen"Das letzte Geleit für eine Liebe

Alexei Fedortschenkos zauberhafte Kino-Elegie "Stille Seelen". von Maximilian Probst

Filme und Flüsse. Wir können Filme wie Flüsse sehen und an Flüssen stehen, als säßen wir vor einem Film. Es kann auch sein, dass sich unsere Faszination für den Film zu einem guten Teil aus vorzeitlichen Quellen speist: aus der Faszination, mit der unsere archaischen Vorfahren auf reißende Flüsse geschaut haben mochten. Kleine Kinder erinnern uns manchmal daran. Sie lassen sich vom Schauspiel des Flusses ebenso schwer fortreißen wie ein paar Jahre später von der Mattscheibe.

Dieses unausdeutbaren Zusammenhangs von Film und Fluss hat sich nun der russische Regisseur Alexei Fedortschenko angenommen. Stille Seelen ist ein Film über das Leben am, mit und im Fluss. Es sind ruhig dahinströmende Flüsse, an denen Fedortschenko seine Geschichte spielen lässt. Ruhig, bis zur Apathie, sind auch die beiden Männer, die Fedortschenko mit dem Film porträtiert: Miron, ein Papierfabrikant, und Aist, der in dessen Fabrik die Belegschaft fotografiert. Aber man täusche sich nicht. Der Film ist ein Strudel, ein einziger Sog in die Tiefe, ein unaufhörliches Untergehen.

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Miron und Aist werden als Angehörige der ethnischen Minderheit der Merja vorgestellt, eines finnougrischen Volksstamms, der entlang der Wolga nordöstlich von Moskau siedelt. Von deren Bräuchen und Glaubensvorstellungen ist nur wenig überliefert. Aist beschäftigt sich neben seiner Fotoarbeit als Lokalhistoriker, der über die Welt der Merja schreibt. Als Mirons Frau stirbt, bittet Miron ihn, sie gemeinsam nach altem Brauch zu bestatten. Aist packt, ohne zu zögern, mit an. Solange man seine Toten nach altem Brauch bestatte, sagt er, so lange würden die Merja leben.

Die beiden Männer waschen den Leichnam mit Wodka, knüpfen ihm bunte Fäden in die Schamhaare, hüllen ihn in eine Decke und legen ihn auf den Rücksitz von Mirons Van. Damit beginnt ein kleines Roadmovie, das sie ein paar Tausend Kilometer südlich zum Fluss Oka führt. An seinem Ufer verbrennen sie den Leichnam, streuen die Asche ins Wasser und machen sich auf den Rückweg, der zur Irrfahrt wird. Unterbrochen wird dieser Erzählstrang durch Rückblenden, die Erinnerungen von Aist ins Bild setzen: der frühe Tod der Mutter, der Vater, ein Merja-Dichter, der darüber verrückt wird und seine Schreibmaschine in der Wolga versenkt.

Am Versinken oder bereits versunken scheint auch das Land zu sein, das die beiden mit dem Auto durchqueren. Alles hat Patina. Seltsame Ladengeschäfte aus Sowjetzeiten, bei denen schon die Wandfarben (Türkis!) in Staunen versetzen. Ein andermal kommen sie an einer Kirche im Nebel vorbei. Aist sagt, hier sei einmal ein Ort gewesen, traumhaft schön, den die Menschen von weit her besuchen kamen – bevor er von einer sich ausbreitenden Großstadt aufgefressen wurde.

Der melancholische Blick ist dem Kino nichts Neues. Aber, wie sollte dieser Film auch etwas Neues wollen? Ein Film, dessen Kunststück darin besteht, auch das Neue noch in seinen Untergang hineinzuziehen, in das Licht einer kommenden Vergangenheit zu rücken? Als die beiden Männer in das Zentrum der gefräßigen Großstadt gelangen, zeigt der Film, wie sie am Rande einer Eisbahn vor Plastiktellern mit Sushi sitzen. Ein anderes Mal stromern sie durch die Gänge eines Bau- oder Elektromarkts. Meterhohe Regale. Waschmaschinen. Aber nirgends Leben in diesen Szenen. Alles Totgeburten. Alles Untergang.

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