ZEIT: Wieso identifiziert sich Großbritannien so wenig mit Europa? Liegt es wirklich an der Insellage?

Norman: In den 1720er Jahren kam Voltaire hierher und sagte: Warum kann Frankreich nicht wie England sein?! Er hat uns als freies und tolerantes Land gesehen. Die britische Aufklärung war prägend für die Entwicklung des Rechts– und Nationalstaates. Historisch gesehen, gehörten wir also schon immer ins Herz von Europa. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Briten ein neues Bewusstsein für ihre Identität als Insel entwickelt. Die Haltung zum europäischen Projekt war von Anfang an ambivalent.

ZEIT: Inwiefern?

Norman:Winston Churchill hat die frühe Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft sehr unterstützt, auch wenn Großbritannien nicht Teil davon war. Viele europäische Länder misstrauten dem Nationalstaat und wollten ihn durch etwas anders ersetzen, um Harmonie zu schaffen und Krieg zu vermeiden. Die Briten haben das respektiert. Sie haben das europäische Projekt immer als eine wichtige politische Entwicklung gesehen, an der sie teilhaben wollten. Aber sie würden dafür nicht jeden Preis bezahlen, denn es ist nicht Teil ihrer Identität.

ZEIT: Fühlen sich die Briten von Europa auch unabhängig, weil sie den Commonwealth haben?

Norman: Ich glaube nicht an solche psychologischen Erklärungen. Aber es ist ein historischer Fakt, dass wir enge Bindungen zu den Ländern des Commonwealth und den USA haben. Als Handelsnation waren diese Verbindungen immer Teil unserer Weltanschauung.

ZEIT: Für Deutschland hingegen war Europa entscheidend.

Mayer: Das hat natürlich mit unserer Geschichte zu tun. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir froh, dass die westlichen Alliierten zu uns gehalten haben. Europa hat uns dabei geholfen, die tiefe Krise mit Frankreich zu überwinden; heute haben wir freundschaftliche Beziehungen zu allen neun Nachbarländern. Meine Sorge ist, dass wir die tieferen Werte der EU im Zuge der Krise vergessen; dass wir nur noch über die Währung und die Wirtschaft reden. Die junge Generation, die mit den Vorteilen der EU aufgewachsen ist, weiß sie nicht mehr wirklich zu schätzen.

ZEIT: Die deutsche Seite ist davon überzeugt, dass der einzige Weg für Europa eine tiefere Integration ist. Die Briten wollen da nicht mitmachen.

Mayer: Die EU ist dann am stärksten, wenn sie homogen ist. Ich will keine Union, in der sich jeder aussuchen kann, was ihm am besten passt und was nicht. Großbritannien ist weder dem Euro noch Schengen beigetreten. Noch mehr Ausnahmen können wir nicht akzeptieren. Die deutsche Position ist, dass die Vertiefung der 27 EU-Länder unausweichlich ist. In den nächsten Jahren muss darauf der Schwerpunkt liegen.

Norman: Die Briten glauben nicht, dass es so etwas wie eine europäische Nation geben sollte. Sie identifizieren sich eher mit de Gaulles l´Europe des patries, dem Europa der Nationen. Einem losen Verbund von Ländern, dessen Architektur flexibel ist, sodass das europäische Ideal der Freiheit auch dem Nationalstaat zugute kommt. Schengen ist das beste Beispiel dafür, dass nicht immer alle mitmachen müssen.

ZEIT: Bei so unterschiedlichen Ansichten ist eine Trennung doch unausweichlich, oder?

Norman: Das glaube ich nicht. In Großbritannien haben viele das Gefühl, dass Europa eine Art Einbahnstraße ist: Man gibt immer mehr Souveränität an eine höhere Ebene ab. Es wäre viel glücklicher, wenn die Struktur der EU flexibler wäre. Wenn Deutschland und Frankreich zum Beispiel unterstützen würden, dass bestimmte Gesetze wieder an die nationale Regierung übertragen werden. In den letzten zwei Jahren habe ich verfolgt, wie die deutschen Steuerzahler immer größere Summen für die europäische Integration verbürgen mussten. Ich glaube nicht, dass das ewig so weitergehen kann.

Mayer: Natürlich ist es wichtig, dass wir den Menschen erklären, warum wir ihre Steuergelder für andere Länder ausgeben. Aber ich bin überzeugt, dass es richtig ist, Solidarität zu zeigen und sie an bestimmte Bedingungen zu knüpfen.

ZEIT: Welchen Einfluss kann Großbritannien in Europa noch haben?

Norman: Die Briten haben nichts gegen eine rationale Debatte darüber, welchen Teil der Bürde sie tragen sollten. Aber die Frage ist, ob der Integrationsprozess zu Ende gedacht ist. Die Gefahr ist, dass er zu einer Spaltung führt zwischen den deutschen Steuerzahlern und den Länder, für die sie zahlen, aber zu denen sie historisch gesehen keine enge Verbindung haben. Die Briten helfen gern mit, aber sie vergessen dabei ihr nationales Interesse nicht.