Helge MalchowDer fliegende Verleger

Warum der Kölner Helge Malchow vor lauter Berlin sogar Paris fast vergessen hat von Maxim Biller

Seit Helge nicht mehr am Zionskirchplatz wohnt, in dem schmutzigen, braunen Haus gegenüber, müssen wir uns verabreden, wenn wir uns treffen wollen. Eigentlich wohnt Helge nicht wirklich in Berlin, sondern in Köln, obwohl er, glaube ich, viel lieber in Berlin leben würde, weil er Berlin heute so gut findet, wie er Köln früher gut fand, in den Achtzigern, und darum hat er in Berlin eine kleine Wohnung. Und weil er fast jede Woche hier ist, kann man eben doch irgendwie sagen, dass er in Berlin wohnt, aber leider nicht mehr am Zionskirchplatz, sondern in Kreuzberg, am Engelbecken, wo bald alle wohnen werden, nur ich nicht. Denn wenn mir erst einmal gefällt, wo ich bin, dann bleibe ich dort, solange es geht, das ist ein altes Emigrantenprinzip.

Früher musste ich nur kurz aus dem Fenster schauen, wenn ich wissen wollte, ob Helge da ist. Oft stieg er gerade aus dem Taxi, oder er stand unten auf der Straße mit Sevgi Özdamar oder Christian Kracht, und er, der Verleger, und sie, die Schriftsteller, strahlten jedes Mal vor Glück. Heute muss ich Helge anrufen oder ihm Nachrichten schicken, und oft erreiche ich ihn nicht, und wenn ich ihn erreiche, ist er in Eile, wirklich in Eile. Darum war ich sehr froh, als er mir eines Nachts um halb eins schrieb: »Komm morgen um 5 in die Volksbühne, Aino und ich stellen Schlingensiefs Memoiren vor, die sie gerade rausgebracht hat, danach können wir essen gehen.«

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Als die Sache in der Volksbühne zu Ende war, konnten wir natürlich doch nicht gleich essen gehen. Helge musste mit Aino sprechen, die, glaube ich, bis heute nicht weiß, ob sie es gut oder schlecht findet, dass alle in ihr die Witwe eines sehr berühmten Theaterregisseurs sehen und nicht die junge, kluge, unsichere Frau, die sie ist. Und hinterher musste er auch noch mit Klaus Staeck reden, dem Akademiepräsidenten, der mich, obwohl wir uns kaum kennen, zwar immer beim Vornamen nennt, aber nie fragt, ob ich gern auch irgendwas in der Akademie wäre, womit er natürlich völlig recht hat. Erst danach konnten Helge und ich losgehen, und schon als wir am großen, stillen Rosa-Luxemburg-Platz aufs Taxi warteten, über uns ein weiter, graublauer Himmel mit ein paar dicken, flirrenden, letzten Sonnenstrahlen genau in der Mitte, merkten wir, dass Berlin heute noch besser war als sonst.

»Hast du schon die Eduard-Limonov-Biografie gelesen?«, sagte ich eine halbe Stunde später zu ihm. Wir saßen im 3 Minutes in der Torstraße, wir hatten Steak mit Pommes frites, Wein und Wasser bestellt, und die Autos, die draußen vorbeifuhren, hatten die Lichter an, obwohl es noch nicht richtig dunkel war.

»Nein«, sagte Helge, »was steht drin?«

»Dass Limonov ein politischer Idiot und ein toller Schriftsteller ist. Glaubst du, man kann Stalin lieben und gute Romane schreiben?«

»Klar«, sagte Helge.

Als das Essen kam, verstummten wir kurz. Woran Helge dachte, weiß ich nicht. Ich dachte an Köln, wo ich ihn früher von München aus oft besucht hatte. Er wohnte direkt am Brüsseler Platz, mit ein paar sehr guten Bars und Galerien um die Ecke, und immer passierte etwas Unvorhergesehenes. Einmal verbrachten wir einen überraschend herzlichen Abend mit Diedrich, der damals auch noch in Köln und nicht in Berlin lebte und den ich kurz vorher in irgendeiner Zeitung als Poptrottel beschimpft hatte. Einmal hätte mich fast draußen vor dem Sixpack Thomas Kling, der sensible Dichter, verprügelt. Und einmal – das war in der Nacht vom 8. zum 9. November 1989 – kamen wir besonders gut gelaunt aus dem Dos Equis nach Hause und machten zufällig den Fernseher an, und als wir sahen, was gerade in Berlin los war, bekam Helge noch bessere Laune. Ich blieb kühl und dachte: Das war ja klar.

»Wir sollten öfter ins 3 Minutes gehen«, sagte Helge. »Es ist großartig hier. Jeder Kellner und jede Kellnerin könnten in einem Film mitspielen, und kein Gast ist wie der andere. Ich weiß nicht, wann in Köln das letzte Mal so ein Restaurant aufgemacht hat. Willst du noch Wein?«

»Ich will nie Wein«, sagte ich.

»Ich war letzte Woche in Paris«, sagte er. »Ich hatte schon ganz vergessen, dass es Paris überhaupt gibt. Früher sind wir von Köln aus ständig hingefahren. Das waren nur ein paar Stunden mit dem Zug. Aber seit alles in Berlin passiert, denkt man, muss man gar nicht mehr hin.«

»Vielleicht sollte man gerade deshalb wieder öfter hinfahren«, sagte ich und schenkte Helge Wein und mir Wasser nach. Dann kam die Crème brulée, dann der Kaffee, und dann zahlten wir. Helge musste früh schlafen gehen, denn sein Flugzeug nach Köln ging am nächsten Morgen um zwanzig nach sechs, und er durfte es nicht verpassen, denn er sollte wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit um halb zehn an seinem Schreibtisch im Verlag sitzen.

Am Rosenthaler Platz nahm Helge, nachdem wir uns umarmt hatten, ein Taxi nach Kreuzberg, ich ging zu Fuß den dunklen Weinbergsweg hoch. Überall waren noch Menschen, manche kamen von der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause, für manche begann gerade erst der Tag. Am Zionskirchplatz war es noch dunkler, weil die Laterne vor Helges früherem Haus kaputt war und nur ab und zu schwach aufflackerte. Ich guckte zu seinen alten Fenstern hoch, und genau in diesem Moment ging dort Licht an, aber es war natürlich nicht er, der es angemacht hatte.

Ein Glück, dachte ich, während ich meine Haustür aufschloss, dass er nur nach Kreuzberg weitergezogen ist und nicht nach Paris.

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