Studieren im AuslandWarum nicht mal Hongkong?

Weshalb man den Bachelor in Asien machen sollte und woran es liegt, dass China keinen Bill Gates hervorbringt, erklärt Uni-Präsident Tony Chan

DIE ZEIT: Herr Chan, Sie als Präsident der Hongkong University of Science and Technology wollen mehr Deutsche an Ihre Hochschule holen. An wen denken Sie dabei?

Tony F. Chan: Man kann als Austauschstudent zu uns kommen oder für den Master. Wer schon promoviert hat, kann sich bei uns für einen Job bewerben. Das Schulsystem in Hongkong wurde gerade um ein Jahr verkürzt, das heißt, wir haben ein Drittel mehr Studienanfänger und stellen etwa hundert neue Mitarbeiter ein. Wir möchten aber auch die Abiturienten erreichen und ihnen sagen: »Vielleicht klingt das nach einer verrückten Idee, aber macht euren Bachelor doch in Hongkong!«

ZEIT: Warum sollten sie das tun?

Chan: Da gibt es viele Gründe. Immer wenn man seine Kultur und seine Komfortzone verlässt, lernt man etwas über sich, was man sonst nicht erfahren hätte. Hongkong ist eine internationale Stadt, aber mit besten Beziehungen zu China. In zwei Stunden ist man in Shanghai. Wenn man sich ein Netzwerk in Asien aufbauen möchte, dann ist die Stadt ein guter Ausgangspunkt. Wenn jemand zum Beispiel in zehn Jahren für Siemens arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Unternehmen etwas mit China zu tun haben wird. Und dann hilft es, wenn man alte Studienfreunde dort hat, die auch bei großen Firmen arbeiten.

ZEIT: Weshalb sollten die deutschen Studenten Ihnen das glauben?

Chan: Weil sich die Zeiten ändern: Vor hundert Jahren war Europa das intellektuelle Zentrum der Welt, dann wurden die USA zu einer riesigen, dynamischen Kraft, die viel Innovation und Kreativität hervorgebracht hat. Heute lassen sich viele dort ausbilden und kommen dann nach Asien, denn am Ende geht es immer nur um Jobs. Junge Akademiker werden da sein, wo es Arbeit gibt.

ZEIT: Seit 15 Jahren gehört Hongkong nicht mehr zu Großbritannien, sondern zu China. Wie sieht es mit der akademischen Freiheit aus?

Chan: Viele westliche Medien glauben, Hongkong habe durch China seine Freiheit verloren, aber ich kann Ihnen versichern: Wir haben völlige akademische Freiheit! Wir gehören zwar zu China, aber wir haben ein eigenständiges politisches System. Wir haben eine freie Presse und freie Wahlen. Das System ist noch nicht ganz demokratisch, aber wir sind auf dem Weg dorthin. Mit einem Pass aus Hongkong kommen Sie übrigens ohne Visa in mehr Länder als mit einem amerikanischen Pass.

ZEIT: Sie unterrichten chinesische Studenten in Wirtschaft, obwohl es in China noch eine Art Planwirtschaft gibt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Chan: China ist eigentlich auch sehr kapitalistisch. Überall auf der Welt gibt es Wettbewerb.

ZEIT: Aber Sie bekommen doch Geld aus China?

Chan: Nein, wir bekommen kein Geld. Wir haben unsere eigene Währung. Natürlich können wir uns in China bei Ausschreibungen für Forschungsmittel bewerben, aber das können wir genauso beim Europäischen Forschungsrat.

ZEIT: Viele chinesische Geschäftsleute besuchen Kurse an Ihrer Universität.

Chan: Na und? Sie bezahlen dafür wie alle anderen auch. Hongkong ist wirklich ganz anders als China. Ich als Präsident der Universität bekomme keinen Anruf von irgendeinem Ministerium in Peking. Wir unterstehen auch gar nicht dem chinesischen Bildungsministerium, sondern dem der Regierung in Hongkong. Unsere Uni hat einen akademischen Senat, so wie viele Unis in Amerika. Ich bin der Vorsitzende, und nicht mal ich kann den Lehrkörper zu irgendetwas zwingen.

ZEIT: Was halten Sie von den deutschen Unis?

Chan: Sie haben eine Anzahl von Nobelpreisgewinnern hervorgebracht, sie haben nicht nur zur deutschen Kultur beigetragen, sondern zu der der Welt. Deutschland hat eine Weltklasse-Industrie, deutsche Produkte sind nicht billig, aber sie sind beliebt, weil sie gut sind. All das verdankt Deutschland auch den Hochschulen. Aber wenn Sie mich zwingen, auch etwas Kritisches zu sagen...

ZEIT: Ja, unbedingt.

Chan: Europa ist reich, und deshalb sind die Menschen selbstzufrieden. Wer in Berlin wohnt, der hat nicht einmal das Bedürfnis, München kennenzulernen. Und wenn einer internationale Erfahrungen machen will, fährt er vielleicht nur nach Frankreich. Mir ist aufgefallen, dass viele Professoren in Deutschland an derselben Uni lehren, an der sie schon studiert haben. Manche sind sogar in derselben Stadt geboren. Das ist an und für sich nichts Schlechtes, aber so versäumt man, woanders kluge Menschen kennenzulernen, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. In den USA sind 30 bis 40 Prozent der Professoren keine gebürtigen Amerikaner. Die US-Unis wollen einfach die klügsten Köpfe, egal, woher sie kommen. Das macht das amerikanische System so stark.

ZEIT: In der QS-Liste, einem weltweiten Hochschulranking, ist Ihre Universität in diesem Jahr auf dem 33. Platz gelandet – weit vor allen deutschen. Was ist Ihr eigener Maßstab für Exzellenz?

Chan: Idealerweise möchte ich, dass alle meine Studenten erfolgreich sind. Ich meine nicht, dass sie nach dem Studium viel Geld verdienen, sondern dass sie einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und selbst glücklich sind. Das sind die Grundvoraussetzungen. Ich mache mir keine Illusionen: Wenn ich mir anschaue, wer diese Voraussetzungen erfüllt, sind es oft nicht die Studenten, die bei den Examen am besten abgeschnitten haben.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Chan: Vielleicht haben sie sich zu sehr auf die Prüfungen konzentriert, oder ihnen fehlen Soft Skills. Wie man Menschen überzeugt, lernt man nicht in einer Prüfung, das lernt man auf dem Spielplatz und indem man viele Freunde hat. In Asien ist eine der stärksten Traditionen der Respekt vor den Älteren. Das hat seine guten Seiten, denn so bleibt die Gesellschaft stabil. Der Nachteil ist: Wir haben deshalb keinen Bill Gates oder Steve Jobs.

ZEIT: Was hat das mit Respekt zu tun?

Chan: Stellen Sie sich Bill Gates in Asien vor. Er hat einen Studienplatz in Harvard. Nach dem ersten Semester sagt er zu seinen Eltern: »Mama, Papa, ich will die Uni verlassen, ich habe da diesen Freund, und der hat ein kleines Programm entwickelt, MS Dos.« Seine Eltern hätten sich aufgeregt und gesagt: »Was? Wir haben uns solche Mühe gegeben, damit du einen Platz in Harvard bekommst, und du willst abbrechen? Vergiss es. Du bist 17, du hast keine Ahnung von der Welt. Werde gefälligst Anwalt oder Arzt.«

ZEIT: Also brauchen Sie mehr Rebellen?

Chan: Ich wünschte, wir hätten ein bisschen mehr Widerspruchsgeist in Asien, aber so pauschal kann man das eben nicht sagen. Schauen Sie sich an, wie die Schüler aus verschiedenen Ländern bei internationalen Rankings abschneiden. Die Amerikaner sind furchtbar, die Deutschen sind besser, und die Schüler aus Hongkong sind noch besser. Aber wenn man die Kreativität misst, sind die Amerikaner herausragend. Was ist nun besser? Unser kultureller Kontext ist einfach anders als der in Amerika, und er ändert sich auch nicht über Nacht.

 
Leser-Kommentare
  1. Habe gerade mal auf deren Homepage geguckt - ansprechende Programme. Allerdings kostet ein Semester $44.000 Honkongdollar (4367.92€). Daher gibt es rein praktisch (monetäre) Probleme, die einen von einem Studium abhalten (abgesehen von vermutlich hohen Zimmerkosten?!).

    4 Leser-Empfehlungen
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    las ich gestern hier:
    http://www.zerohedge.com/...

    Wer den Euro dreimal umdrehen muß, ist in HK definitiv falsch.

    las ich gestern hier:
    http://www.zerohedge.com/...

    Wer den Euro dreimal umdrehen muß, ist in HK definitiv falsch.

  2. las ich gestern hier:
    http://www.zerohedge.com/...

    Wer den Euro dreimal umdrehen muß, ist in HK definitiv falsch.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Klingt gut, aber ...."
  3. Viele deutsche Akademiker, auch einige "Zeit"-Foristen sollten diesen Artikel gründlich lesen, denn er stellt die Verhältnisse zur Abwechslung mal ganz nüchtern dar wie sie wirklich sind, und nicht wie irgendein Autor sie sich wünscht.

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    Auch in den USA mussten sie viele die Augen reiben, als berichtet wurde, dass eine indische Uni mit Technik/Ingenieur-Schwerpunkt die meisten US Studenten ablehnt, weil diese zu unqualifiziert sind.

    "Viele deutsche Akademiker, auch einige "Zeit"-Foristen sollten diesen Artikel gründlich lesen, denn er stellt die Verhältnisse zur Abwechslung mal ganz nüchtern dar wie sie wirklich sind, und nicht wie irgendein Autor sie sich wünscht."
    Also ich kann mangels Erfahrung absolut nix zu den Verhaeltnissen in der asiatischen Hochschullandschaft sagen. Aber das der Praesident einer asiatischen Hochschule die Verhaeltnisse dort ganz nuechtern darstellt, kann ich mir dann doch nicht vorstellen, auch wenn er sich um Objektivitaet in seinen Darstellungen zu bemuehen scheint. Aber es gehoert schliesslich auch zu seinem Job, das Image so gut wie moeglich erscheinen zu lassen. ;)

    Auch in den USA mussten sie viele die Augen reiben, als berichtet wurde, dass eine indische Uni mit Technik/Ingenieur-Schwerpunkt die meisten US Studenten ablehnt, weil diese zu unqualifiziert sind.

    "Viele deutsche Akademiker, auch einige "Zeit"-Foristen sollten diesen Artikel gründlich lesen, denn er stellt die Verhältnisse zur Abwechslung mal ganz nüchtern dar wie sie wirklich sind, und nicht wie irgendein Autor sie sich wünscht."
    Also ich kann mangels Erfahrung absolut nix zu den Verhaeltnissen in der asiatischen Hochschullandschaft sagen. Aber das der Praesident einer asiatischen Hochschule die Verhaeltnisse dort ganz nuechtern darstellt, kann ich mir dann doch nicht vorstellen, auch wenn er sich um Objektivitaet in seinen Darstellungen zu bemuehen scheint. Aber es gehoert schliesslich auch zu seinem Job, das Image so gut wie moeglich erscheinen zu lassen. ;)

  4. Auch in den USA mussten sie viele die Augen reiben, als berichtet wurde, dass eine indische Uni mit Technik/Ingenieur-Schwerpunkt die meisten US Studenten ablehnt, weil diese zu unqualifiziert sind.

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    1. Die Studenten waren nicht unbedingt zu unqualifiziert - der Grund warum Studenten in Indien abgelehnt und von Ivies angenommen werden liegt im mangelhaften Auswahlverfahren der indischen Hochschulen (es geht um einen einzigen Prozentualwert, ähnlich wie in Deutschland) und viel zu vielen Bewerbern für viel zu wenig Plätze.

    2. Nur weil die entry requirements einer Universität hoch sind, besteht keine zwangsläufige Korrelation zur Qualität der Forschung und Lehre. Es mag schwieriger sein an einem College der University of Delhi angenommen zu werden, Harvard hat in Forschung und Lehre trotzdem zehnmal so viel zu bieten.

    1. Die Studenten waren nicht unbedingt zu unqualifiziert - der Grund warum Studenten in Indien abgelehnt und von Ivies angenommen werden liegt im mangelhaften Auswahlverfahren der indischen Hochschulen (es geht um einen einzigen Prozentualwert, ähnlich wie in Deutschland) und viel zu vielen Bewerbern für viel zu wenig Plätze.

    2. Nur weil die entry requirements einer Universität hoch sind, besteht keine zwangsläufige Korrelation zur Qualität der Forschung und Lehre. Es mag schwieriger sein an einem College der University of Delhi angenommen zu werden, Harvard hat in Forschung und Lehre trotzdem zehnmal so viel zu bieten.

  5. 5. Falsch

    1. Die Studenten waren nicht unbedingt zu unqualifiziert - der Grund warum Studenten in Indien abgelehnt und von Ivies angenommen werden liegt im mangelhaften Auswahlverfahren der indischen Hochschulen (es geht um einen einzigen Prozentualwert, ähnlich wie in Deutschland) und viel zu vielen Bewerbern für viel zu wenig Plätze.

    2. Nur weil die entry requirements einer Universität hoch sind, besteht keine zwangsläufige Korrelation zur Qualität der Forschung und Lehre. Es mag schwieriger sein an einem College der University of Delhi angenommen zu werden, Harvard hat in Forschung und Lehre trotzdem zehnmal so viel zu bieten.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja, genau. "
  6. "Viele deutsche Akademiker, auch einige "Zeit"-Foristen sollten diesen Artikel gründlich lesen, denn er stellt die Verhältnisse zur Abwechslung mal ganz nüchtern dar wie sie wirklich sind, und nicht wie irgendein Autor sie sich wünscht."
    Also ich kann mangels Erfahrung absolut nix zu den Verhaeltnissen in der asiatischen Hochschullandschaft sagen. Aber das der Praesident einer asiatischen Hochschule die Verhaeltnisse dort ganz nuechtern darstellt, kann ich mir dann doch nicht vorstellen, auch wenn er sich um Objektivitaet in seinen Darstellungen zu bemuehen scheint. Aber es gehoert schliesslich auch zu seinem Job, das Image so gut wie moeglich erscheinen zu lassen. ;)

    3 Leser-Empfehlungen
  7. Und genau hier liegt das große Problem in Hong Kong. Natürlich gilt das nicht für alle einheimischen Studenten dort, aber in Sachen Diskussionswillen und kritischem analytisches Denken sind sie den westlichen Studenten einfach unterlegen. Zu sehr wird auf auswendig gelerntes gesetzt, zu wenig neu gedacht, zu viel Respekt vor dem Professor. Es gab immer sehr angenehme Aussnahmen aber selbst hier waren genau die oft bereits für längere Zeit im Westen.

    Trotzdem eine fantastische Stadt und qualitativ sehr gute Unis. Ich persönlich empfinde andere Studenten als essentiellen Teil des Lernens und der kommt in Hong Kong zu kurz.

    Eine Leser-Empfehlung
  8. Ich studierte, wohne und arbeite zur Zeit in Hong Kong.
    Zusaetzlich zu den Studienkosten sollten alle Interessenten unbedingt auch die Lebenshaltungskosten bedenken.
    Eine Wohnung auf europaeischem Niveau (was Platz und Qualitaet der Wohnlage betrifft) kostet monatlich von 2000 Euro aufwaerts. Guenstiger laesst es sich leben wenn man in die noerdlichen Stadtteile der New Territories zieht. Einfach mal www.gohome.com.hk besuchen und sich anschauen in was fuer teilweise fuerchterlichen Umstaenden viele Menschen mit kleinem Budget leben muessen.

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