Dass man in den meisten Fächern an den Universitäten oder Fachhochschulen gute oder sehr gute Noten bekommt, ist seit Längerem bekannt. Bei Absolventen aus Fächern wie BWL, Soziologie oder Psychologie, in denen 70 bis 90 Prozent mindestens mit einer Zwei im Abschlusszeugnis auf den Arbeitsmarkt entlassen werden, sind gute Noten für die Personaler in der Regel Voraussetzung – ohne dass diese aber in irgendeiner Form über Einstellung oder Nichteinstellung entscheiden. Es gibt wenige Ausnahmen wie Jura und Medizin. In den meisten anderen Fächern aber, zum Beispiel Pädagogik, Biologie oder Geografie, müssen sich Dozenten gegenüber ihren Studenten sogar fast schon dafür rechtfertigen, wenn sie für eine Hausarbeit oder ein Referat lediglich »befriedigend« vergeben.

Die Inflation guter Noten hat sich – so das Ergebnis einer neuen Studie des Wissenschaftsrates – weiter verstärkt. Auf einem bereits sehr hohen Niveau haben sich in den letzten sechs, sieben Jahren die Noten noch einmal signifikant verbessert. Während im Jahr 2000 durchschnittlich 70 Prozent eines Abschlussjahrgangs eine gute oder sehr gute Note erhielten, waren es 2011 über 80 Prozent.

Für die allseits beklagte Inflation guter Noten lassen sich eine ganze Reihe an Gründen anführen: eine laxe Benotungspraxis gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, gute Noten als Belohnung für Studierende, die in vermeintlich schwierigen Fächern wie Chemie, Physik oder Mathematik durchgehalten haben. Auch: kompensatorisches Verschenken von guten Noten in Fächern mit schlechten Berufsaussichten. Das Interesse, seinen eigenen Studenten bildungsbiografische Vorteile zu verschaffen. Und, gerade an den privaten Hochschulen: Hemmungen, Studenten, die hohe Gebühren gezahlt haben, mit schlechten Noten nach Hause zu schicken. Jeder kann sich aus dieser Liste die ihm genehmen Gründe für die überraschend guten Noten in Deutschland heraussuchen.

Eine Vier muss gerechtfertigt werden, eine Eins nicht

Es gibt aber noch eine andere, ganz praktische Erklärung, warum Dozenten versuchen, schlechte Noten möglichst zu vermeiden. Schlechte Klausurergebnisse führen dazu, dass Studenten in Sprechstunden kommen, weil sie wissen wollen, was sie falsch gemacht haben. Das Durchfallen bei einer Hausarbeit führt nicht nur zu Protesten, sondern schlimmstenfalls dazu, dass ein Student diese vielleicht noch einmal schreiben will. Das alles kostet die Dozenten Zeit. In mündlichen Prüfungen müssen Dreien oder Vieren gegenüber den Prüflingen gerechtfertigt werden – während eine Eins oder Zwei den Aufwand eines Nachgesprächs erspart. Es herrscht deswegen ein Nichtangriffspakt zwischen Lehrenden und Studierenden. Motto: Belästige du mich nicht bei meiner exzellent geclusterten Forschung, dann bekommst du bei mir ohne großen Aufwand auch exzellente Noten!

Das Problem liegt jedoch nicht nur darin, dass Dozenten eigentlich eine schlechtere Note für angebracht halten, aber aufgrund der äußeren Umstände davor zurückschrecken, sie zu geben. Vielmehr ist in vielen Fächern der Prozess bei der Anfertigung von Prüfungsleistungen – ganz besonders von Abschlussarbeiten – so angelegt, dass die Dozenten in eine Positivhaltung gegenüber den durch sie betreuten Studenten hineinwachsen. Der Dozent wird in seiner eigenen Urteilsbildung durch den Betreuungsprozess geprägt und beeinflusst.

Zunächst muss gerade bei einer größeren Arbeit der Student durch den Dozenten angenommen werden – das heißt, er formuliert ein anfängliches Positivurteil über den Studenten, der anfragt, ob seine Arbeit betreut werden kann. Der Dozent kommuniziert und glaubt in diesem Moment, dass der Student geeignet ist, eine Arbeit in seinem Bereich zu schreiben, andernfalls würde er schon an diesem Punkt versuchen, ihn zu entmutigen und an andere Betreuende abzuschieben. Der weitere Betreuungsprozess zementiert oft – jenseits der Fälle kläglichen Versagens – die grundsätzliche Positivhaltung des Dozenten, oder jedenfalls trägt er nicht zu seiner innerlichen Distanzierung bei, da der Dozent, indem er Kritik äußert und Hinweise für weiteres Vorgehen gibt, einen Teil der Verantwortung für die Gestalt des Endproduktes übernimmt. Gegen dieses eigene Urteil und die eigene Mitverantwortung müsste der Dozent sich später wenden, wenn er eine schlechte Note vergibt.

Vermutlich ist etwa ab der Note Drei der Zustand erreicht, wo der Dozent mit dem erreichten Ergebnis eigentlich nicht mehr zufrieden ist (trotz des Wortlauts »zufriedenstellend«). Er ist deshalb im Interesse seiner eigenen Psychohygiene dazu prädestiniert, die Note nicht in diesen Bereich sinken zu lassen.