HochschulenNote Drei? Ist wie Note Sechs

Ein inoffizieller Nichtangriffspakt sorgt dafür, dass Studenten immer besser bewertet werden. von Barbara Kuchler und Stefan Kühl

Dass man in den meisten Fächern an den Universitäten oder Fachhochschulen gute oder sehr gute Noten bekommt, ist seit Längerem bekannt. Bei Absolventen aus Fächern wie BWL, Soziologie oder Psychologie, in denen 70 bis 90 Prozent mindestens mit einer Zwei im Abschlusszeugnis auf den Arbeitsmarkt entlassen werden, sind gute Noten für die Personaler in der Regel Voraussetzung – ohne dass diese aber in irgendeiner Form über Einstellung oder Nichteinstellung entscheiden. Es gibt wenige Ausnahmen wie Jura und Medizin. In den meisten anderen Fächern aber, zum Beispiel Pädagogik, Biologie oder Geografie, müssen sich Dozenten gegenüber ihren Studenten sogar fast schon dafür rechtfertigen, wenn sie für eine Hausarbeit oder ein Referat lediglich »befriedigend« vergeben.

Die Inflation guter Noten hat sich – so das Ergebnis einer neuen Studie des Wissenschaftsrates – weiter verstärkt. Auf einem bereits sehr hohen Niveau haben sich in den letzten sechs, sieben Jahren die Noten noch einmal signifikant verbessert. Während im Jahr 2000 durchschnittlich 70 Prozent eines Abschlussjahrgangs eine gute oder sehr gute Note erhielten, waren es 2011 über 80 Prozent.

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Für die allseits beklagte Inflation guter Noten lassen sich eine ganze Reihe an Gründen anführen: eine laxe Benotungspraxis gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, gute Noten als Belohnung für Studierende, die in vermeintlich schwierigen Fächern wie Chemie, Physik oder Mathematik durchgehalten haben. Auch: kompensatorisches Verschenken von guten Noten in Fächern mit schlechten Berufsaussichten. Das Interesse, seinen eigenen Studenten bildungsbiografische Vorteile zu verschaffen. Und, gerade an den privaten Hochschulen: Hemmungen, Studenten, die hohe Gebühren gezahlt haben, mit schlechten Noten nach Hause zu schicken. Jeder kann sich aus dieser Liste die ihm genehmen Gründe für die überraschend guten Noten in Deutschland heraussuchen.

Eine Vier muss gerechtfertigt werden, eine Eins nicht

Es gibt aber noch eine andere, ganz praktische Erklärung, warum Dozenten versuchen, schlechte Noten möglichst zu vermeiden. Schlechte Klausurergebnisse führen dazu, dass Studenten in Sprechstunden kommen, weil sie wissen wollen, was sie falsch gemacht haben. Das Durchfallen bei einer Hausarbeit führt nicht nur zu Protesten, sondern schlimmstenfalls dazu, dass ein Student diese vielleicht noch einmal schreiben will. Das alles kostet die Dozenten Zeit. In mündlichen Prüfungen müssen Dreien oder Vieren gegenüber den Prüflingen gerechtfertigt werden – während eine Eins oder Zwei den Aufwand eines Nachgesprächs erspart. Es herrscht deswegen ein Nichtangriffspakt zwischen Lehrenden und Studierenden. Motto: Belästige du mich nicht bei meiner exzellent geclusterten Forschung, dann bekommst du bei mir ohne großen Aufwand auch exzellente Noten!

Das Problem liegt jedoch nicht nur darin, dass Dozenten eigentlich eine schlechtere Note für angebracht halten, aber aufgrund der äußeren Umstände davor zurückschrecken, sie zu geben. Vielmehr ist in vielen Fächern der Prozess bei der Anfertigung von Prüfungsleistungen – ganz besonders von Abschlussarbeiten – so angelegt, dass die Dozenten in eine Positivhaltung gegenüber den durch sie betreuten Studenten hineinwachsen. Der Dozent wird in seiner eigenen Urteilsbildung durch den Betreuungsprozess geprägt und beeinflusst.

Die Autoren

Barbara Kuchler und Stefan Kühl lehren beide Soziologie an der Universität Bielefeld.

Zunächst muss gerade bei einer größeren Arbeit der Student durch den Dozenten angenommen werden – das heißt, er formuliert ein anfängliches Positivurteil über den Studenten, der anfragt, ob seine Arbeit betreut werden kann. Der Dozent kommuniziert und glaubt in diesem Moment, dass der Student geeignet ist, eine Arbeit in seinem Bereich zu schreiben, andernfalls würde er schon an diesem Punkt versuchen, ihn zu entmutigen und an andere Betreuende abzuschieben. Der weitere Betreuungsprozess zementiert oft – jenseits der Fälle kläglichen Versagens – die grundsätzliche Positivhaltung des Dozenten, oder jedenfalls trägt er nicht zu seiner innerlichen Distanzierung bei, da der Dozent, indem er Kritik äußert und Hinweise für weiteres Vorgehen gibt, einen Teil der Verantwortung für die Gestalt des Endproduktes übernimmt. Gegen dieses eigene Urteil und die eigene Mitverantwortung müsste der Dozent sich später wenden, wenn er eine schlechte Note vergibt.

Vermutlich ist etwa ab der Note Drei der Zustand erreicht, wo der Dozent mit dem erreichten Ergebnis eigentlich nicht mehr zufrieden ist (trotz des Wortlauts »zufriedenstellend«). Er ist deshalb im Interesse seiner eigenen Psychohygiene dazu prädestiniert, die Note nicht in diesen Bereich sinken zu lassen.

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Leserkommentare
  1. Fragt sich, was die AutorInnen des Textes nun vorhaben. Strenger bewerten um der Inflation entgegenzutreten, so aber die StudentInnen im Wettbewerb mit anderen "benachteiligen"? Oder ebenfalls eher gute Noten verteilen, wie inzwischen anscheinend üblich?

    Es scheint mir keine wirklich praxisnahe Lösung zu geben, außer etwas Grundsätzliches zu ändern (mehr Motivation/Zeit von Professoren, anderes Notensystem, anderer Studienaufbau, ...).

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    Die Lösung des Problems liegt in der Änderung der Prüfungsordnungen, die vorsehen sollten, dass Studienarbeiten (Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten) nicht von demjenigen benotet werden, der das Thema vergibt, sondern von einer Prüfungskommission, bei Doktorarbeiten vorzugsweise unter Heranziehen mindestens eines externen Gutachters. Auch sollte die Betreuung dieser Arbeiten nicht ausschließlich durch eine Person erfolgen, sondern auch mindestens durch ein weiteres Fakultätsmitglied, das an dem Thema der Arbeit kein eigenes Interesse verfolgt.

    Das ist zwar keine Garantie gegen "Gefälligkeitsnoten", würde aber das gesamte Verfahren wesentlich transparenter und überprüfbarer machen - auch im Hinblick auf Plagiate, gekaufte Titel, etc..

    Allerdings sollte der Anstoß zu einer derartigen Reform der Prüfungsordnungen (im eigenen Interesse) aus den Fakultäten selber und nicht von oben verordnet kommen.

    Im Übrigen: Die Noteninflation ist ja keine große Überraschung und auch in den Personalabteilungen durchaus bekannt. Gerade deswegen haben die Noten auch so eine geringe Bedeutung (Staatsexamina ausgenommen), und die Hochschulabsolventen müssen bei Bewerbungen aufwendig auf andere Art und Weise Ihre Eignung dokumentieren.

    • riessm
    • 04. Dezember 2012 8:41 Uhr

    ...dass Bologna hier auch nicht nur "nichts besser", sondern auch "vieles schlechter" gemacht hat - wie eigentlich überall.

    Das Problem, dass die Studenten in die Sprechstunde kommen, ist zu einem Problem, dass die Studenten - weil alles ja Abschlussrelevant ist - mittlerweile deutlich mehr gegen kleine Noten klagen. DAS ist dann wirklich ein Stress, den Dozenten (verständlicherweise) eher nicht auf sich nehmen, auch wenn ich einige Positivbeispiele kenne. Zum Beispiel Matheprofessoren, die (noch) Idealismus haben.

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    "Das Problem, dass die Studenten in die Sprechstunde kommen..."

    Ja, das ist nun wirklich ein Problem, dass die Leute sich für ihr Studium und ihre Bewertungen interessieren.

    • DHA3000
    • 04. Dezember 2012 11:20 Uhr

    Ahja, was denn Bolognia schon wieder damit zu tun?
    Wenn ich mich recht erinnere, dann war gerade beim Diplom in Mathe oder Physik die Endnote irgendwas mit 1,4, weil die DA am Ende mit den Prüfungen als "Belohnung" galt (wie der Artikel bereits vereutlicht).
    Durch die vielzahl der Klausuren im BA und MA, die nun alle für die Endnote zählen, würde ich mal tippen, dass die Abschlussnote eher heurunter gegangen ist. Vor allem im Bachelor.

  2. "in vermeintlich schwierigen Fächern wie Chemie, Physik oder Mathematik"

    vergleiche doch bitte mal deren arbeitsniveau und das arbeitsvolumen mit dem von bwlern, pädagogen und geografen.

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    • Jove
    • 04. Dezember 2012 9:33 Uhr

    sondern die Fächer. Ich glaube, auf diesen Missstand wollte Andibdar hinweisen. Ich kann dieses Problem durch mein eigenes Studium (ebenfalls MW) durchaus nachvollziehen: Auf der einen Seite gibt es Fächer, bei denen es ein offenes Geheimnis ist, dass sie mit relativ geringem (Auswendig-)Lernaufwand mit guter Note zu bestehen sind. Zum anderen gibt es genügend Fächer, bei denen selbst nach fleißiger Teilnahme an allen Vorlesungen und Übungen und nochmaliger zweiwöchiger intensiver Vorbereitung eine 2,0 schon ein "sehr gut" bedeutet.
    Wenn ich mir also mein Studium leicht machen will, dann wähle ich ausschließlich Fächer der ersten Kategorie; die Frage ist nur, wie viel ich dabei <em>at the end of the day</em> wirklich gelernt habe.

    Sie haben sicherlich alle genannten Faecher studiert, um sich so ein Urteil zu erlauben? Wenn nicht weiss ich nicht wie Sie das beurteilen wollen? Ich finde Mathematik bspw. subtrivial, habe aber Verstaendnisprobleme mit Weken von Adorno und Konsorten. Muss ich jetzt schliessen, Adorno war schlauer als Euler oder arbeitsamer?

    • Quas
    • 04. Dezember 2012 17:37 Uhr

    Arbeitsaufwand/volumen ≠ hohe Intelligenz erforderlich

    Ich selbst studiere Maschinenbau und kann diese Studie absolut nicht bestätigen.
    Verstehen Sie mich nicht falsch aber es gibt durchaus einen Unterschied zwischen Naturwissenschaften und Studiengängen wie BWL.
    Mich wundert es dabei nicht, dass die BWL´er schon im Studium die Mentalität eingeimpft bekommen, mit der Sie dann später in Unternehmen randalieren gehen.

    Ein Hoch auf die schöne neue Welt!

  3. Das ist die Standardansage von denen, die es mit dem Lernen und dem Einhalten von Regeln nicht so haben.
    Wer will so einen?

    Antwort auf "Abschlußjahrgang 2012"
  4. "Gegen dieses eigene Urteil und die eigene Mitverantwortung müsste der Dozent sich später wenden, wenn er eine schlechte Note vergibt."

    Es hilft, wenn man Noten mit einem unabhaengigen Pruefungsbeisitzer/Zweitgutacher vergibt bzw. vor diesem rechtfertigen muss.

    Dass Studenten inzwischen schneller beim Klagen sind, kann ich bestaetigen. Langfristig kann das aber das Verhaeltnis zu einzelnen Studenten sogar verbessern; nach dem Motto: wir haben schon Schlimmeres zusammen durchgemacht.

    • niquita
    • 04. Dezember 2012 9:01 Uhr

    Ich schließe mich meinem Vorredner an. Wenn man das "vermeintlich" streut sollte man es begründen-meines Erachtens sind diese Fächer wirklich anspruchsvoll: didaktisch und wissenschaftlich.

    Desweiteren: "Das Durchfallen bei einer Hausarbeit führt nicht nur zu Protesten, sondern schlimmstenfalls dazu, dass ein Student diese vielleicht noch einmal schreiben will."
    Soviel Arbeit macht das nachschreiben nicht, glauben Sie mir. Der Vorteil ist, die meisten fallen auch ein zweites Mal durch und dann ist der Dozent einen "Unfähigen" los..viel angenehmer..

    • ralfT
    • 04. Dezember 2012 9:03 Uhr

    da bei vier (ausreichend) für ein Bestehen schon Schluss ist, ist die Überschrift hier irreführend.

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