Zwei Menschen, die auf der Flucht vor Nazis ihre Stadt verlassen müssen – in Deutschland, 2012? Polizeibeamte, die Bürgern erklären, es sei wohl besser, sich zu verstecken – um der Sicherheit willen? Das klingt wahrlich nach dem Ende des schützenden Staates. "Es kann nicht sein, dass man Leuten, die in Gefahr sind, die bedroht werden, als Ultima Ratio anbietet, die Stadt zu verlassen", schäumte Sachsens Ex-Polizeipräsident Bernd Merbitz, der künftig landesweit verantwortlich ist für den Kampf gegen Rechtsextremisten.

Und Innenminister Markus Ulbig ( CDU ) schalt seine Beamten: "Es ist die Aufgabe der Polizei, die Menschen in Sachsen zu schützen. Das bedeutet, dass jeder in seiner Heimat sicher wohnen und leben kann." Der zuständige Polizeichef hat die Opfer inzwischen besucht.

Es wäre reichlich wohlfeil, die Schuld nur bei jenen Polizisten zu suchen, die mit dem Vorfall betraut waren. Wieso wird noch nicht diskutiert, dass, als der Notruf einging, der nächste Funkstreifenwagen 25 Kilometer weit anfahren musste – und erst nach 20 Minuten am Tatort war? Dass die beiden Polizisten in diesem Wagen offenbar auf Verstärkung aus 30, 60 und 90 Kilometer entfernten Orten warten mussten, ehe endlich auch ein Dutzend Polizisten vor Ort war? Erst gegen 23 Uhr, fast zwei Stunden nach dem Notruf, soll die Polizei handlungsfähig gewesen sein. Ist das der Normalzustand, fernab der Großstädte, im Osten? Minister Ulbig hat jetzt sofort die Polizeipräsenz erhöhen lassen, in Hoyerswerda sollen die Neonazis den Druck spüren. Außerdem plant er ein großes Forum, auf dem die Lage der Stadt diskutiert werden soll.

Dass Menschen, die bedroht werden, eine Zeit lang an einen sicheren Ort verbracht werden, löst im Normalfall keine solche Empörung aus. Wenn ein derartiger Fall im Symbol-Ort Hoyerswerda passiert, dann schon. Der Aufruhr erklärt sich auch aus Verbitterung über das anhaltende Nazi-Problem in Sachsens Provinz. Aus dem Umstand, dass hier die Staatsregierung zwar die NPD verbieten möchte – aber immer wieder den Eindruck erweckte, der Extremismus rechts sei ja nicht wesentlich schlimmer als der Extremismus links. Caren Lay, die Vizebundesvorsitzende der Linkspartei , muss das vor Ort ertragen: Sie hat ein Wahlkreisbüro mitten in Hoyerswerda. Regelmäßig beschmieren Neonazis dort die Fassaden, zerstören Scheiben, zeigen ihr pöbelnd den Hitlergruß. Unlängst versuchten sie sogar, am helllichten Tag einzubrechen.

Dass ein junges Paar von einer Horde Radikaler aus der eigenen Wohnung vertrieben wird, ist eine neue Dimension. Den besonderen Charakter sieht auch Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU). Die größte Kritik an seinem Umgang mit Neonazis, zumal im Jahr nach dem NSU-Schock , lautete stets: Er finde nicht deutliche Worte, er halte sich das Thema vom Leib, er sei nicht bereit, vor Ort zu zeigen, dass er die Probleme ernst nimmt.

"Ich nehme den Vorfall ernst", sagt er nun im Interview mit der ZEIT . "Politik und Polizei sind gefordert, mit allen rechtsstaatlichen Mitteln gegen die rechtsextremistische Bedrohung vorzugehen."

Dabei hatten in der Vergangenheit oft Politiker wie der CDU-Abgeordnete Frank Hirche die Diskussionen bestimmt: In einer Landtagsdebatte zum Rechtsextremismus ließ Hirche, Abgeordneter aus Hoyerswerda, sich im vorigen Jahr noch hinreißen zu dem Satz: Er finde es "unverschämt" gegenüber Hoyerswerda, "dass diese Stadt immer wieder hingestellt wird, als wenn dieser rechte Charakter noch vorhanden wäre". SPD-Fraktionschef Martin Dulig konnte da leicht kontern: "Sie haben nichts verstanden", sagte er. Und nun, im Licht der neuen Debatte, müsste Hirche sich diesen Vorwurf ja erst recht gefallen lassen. Doch der neue Ton selbst seiner Regierung hat wohl auch ihn erreicht. Wer ihn anruft, kann das vernehmen: "Es darf keine rechtsfreien Räume geben", sagt er. "Es kann nicht sein, dass ein Paar sich nicht zurücktraut nach Hoyerswerda." Hirche sagt auch: "Man bemüht sich täglich, dass sich nicht wiederholt, was hier 1991 passiert ist." Probleme kann nur lösen, wer sie erkannt hat.