GesellschaftskritikÜber das Schreiben

General John R. Allen

General John R. Allen  |  © Francois Lenoir/Reuters

Ernest Hemingway blieb jeden Tag so lange am Schreibtisch sitzen, bis er mindestens 500 Wörter zu Papier gebracht hatte. Balzac brauchte literweise Kaffee, um schreiben zu können. Nabokov konnte es nur auf besonderem Papier, mit besonderen Bleistiften. Heiner Müller geriet, so heißt es, nach dem Untergang des Sozialismus in eine Schreibkrise. »Die Wörter verfaulen / auf dem Papier«, dichtete er 1990.

Immer wieder erstaunlich: wie leicht das Schreiben ist, wenn die Botschaft nicht an ein anonymes Publikum gerichtet ist, sondern an einen ganz bestimmten Empfänger, an ein geneigtes Ohr, einen wohlgesinnten Leser, einen Menschen, der hören will, was man zu sagen hat. Dann fließen sogar dem selbstkritischsten Charakter die Worte nur so aus der Feder, in genau der richtigen Reihenfolge, in genau dem richtigen Ton. So muss es dem amerikanischen Oberkommandierenden John Allen gegangen sein, der sich in seinen zwei Jahren in Afghanistan zwischen 20.000 und 30.000 Seiten mit seiner Freundin? Geliebten? Seelenverwandten? Muse? militärstrategischen Ratgeberin? schrieb, einer Chirurgengattin aus Tampa, Florida, die er kennengelernt hatte, weil diese dort Willkommenspartys für neu zugezogene Militärs schmiss. Als er nach Afghanistan musste, blieben sie in Kontakt. Der Inhalt ihrer Mails wird jetzt in Folge der Petraeus-Affäre vom FBI untersucht, doch allein die schiere Menge lässt Profischreiber aufhorchen. Bei der konservativen Schätzung von 20000 Seiten, verteilt über, sagen wir, 700 Tage, geteilt durch zwei Schreiber, wären das immerhin 14 Seiten am Tag – ein Wert, von dem selbst Goethe, der den Werther angeblich in einem vierwöchigen Rausch niederschrieb, nur träumen konnte.

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Eine zweite Karriere als Spezialist für Kreatives Schreiben dürfte Allen sicher sein. Was seine Kreativität für Afghanistan bedeutet haben mag, kann man nur erahnen:

(Adjutant klopft an der Tür des Oberkommandierenden)

»Sir?«

»Sekunde noch!«

»Ich hasse es, Sie zu unterbrechen, Sir, aber...«

»Moment bitte.«

»Sir? Die Taliban stehen vor Kandahar.«

»Moment noch.« (tippt)

»Sir? Die Einschläge kommen näher.«

»Bin gleich so weit.« (tippt)

»Sir? Verzeihen Sie, aber die Lage ist...«

»Hergottnochmal, ich sagte doch, ich bin noch am...«

»Sir? Wir verlieren gerade den...«

»So, hier bin ich! Wie ist die Lage? Sorry, dass es etwas länger gedauert hat, aber...« (drückt »send«)

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte USA | Streitkräfte | David Petraeus | Briefwechsel
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