Klimawandel : Die Klimakrieger
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"Der Hockeyschläger"

Um das komplexe Atmosphärensystem der Erde zu verstehen, haben mehr als hundert Regierungschefs im Jahr 1988 den Weltklimarat ins Leben gerufen, ein Gremium, in dem die renommiertesten Wissenschaftler der Welt sämtliche Ergebnisse der Klimaforschung auswerten.

Die Daten sind eindeutig: Die globale Erwärmung ist nur noch mit großer Anstrengung zu bremsen. Der Temperaturanstieg erhöht die Gefahr starker Stürme. Dürren und Überschwemmungen werden häufiger. Gletscher und Polkappen schmelzen. Der Meeresspiegel steigt. Das ist es, was die Wissenschaftler in ihre Berichte schreiben.

Unser Ziel ist es, die schlechte staatliche Politik zu stoppen, die auf unbegründeten und hysterischen wissenschaftlichen Behauptungen zur menschengemachten Erderwärmung beruht.

»Wir dachten, wir hätten unsere Arbeit erledigt«, sagt der amerikanische Forscher Michael Mann, der dem Weltklimarat angehört. »Wir dachten, ab jetzt geht es um Politik und nicht mehr um Wissenschaft.«

Mann ist ein kleiner, rundlicher Mann in ausgetretenen Schuhen. Er leitet das Zentrum für Geowissenschaften an der Pennsylvania State University, es ist das wichtigste meteorologische Institut Amerikas. In seinem überfüllten Büro stapeln sich Fachzeitschriften, an der Wand lehnt ein abgewetzter Hockeyschläger, das Geschenk einer Collegemannschaft aus Vermont.

»Mit dem Hockeyschläger ging alles los«, sagt Mann.

Es ist das Jahr 1998, Mann ist damals 33 Jahre alt, ein junger Wissenschaftler, der davon träumt, die Schwankungen des Klimas zu erklären. Gemeinsam mit zwei Kollegen sammelt er Temperaturdaten aus Tausenden von Jahren, sie analysieren Korallen, Baumrinden und Bohrproben aus dem Polareis.

Als das Ergebnis schließlich in einer Grafik aufleuchtet, staunen die Forscher: Bis zum Jahr 1850 verläuft die Temperaturkurve der Erde weitgehend waagrecht, dann aber, genau zu dem Zeitpunkt, als die Menschen anfingen, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen, steigt sie steil nach oben.

Ein merkwürdiges Diagramm, denkt Mann: Es sieht aus wie ein liegender Hockeyschläger, ein langer gerader Stiel und eine fast senkrecht aufgestellte Kelle am Ende.

Mann und seine Kollegen veröffentlichen ihre Arbeit in der Fachzeitschrift Nature: »Der Hockeyschläger«, wie ihr Diagramm fortan schlicht heißt, katapultiert sie ins berühmte Time- Magazin, er bringt Michael Mann, schüchtern und unvorbereitet, in die wichtigsten Nachrichtensendungen des Landes.

Der Hockeyschläger ist der Beweis für die Schuld des Menschen am Klimawandel. Anfangs überzeugt er auch die Konservativen. Der einflussreiche republikanische Senator John McCain entwirft gemeinsam mit dem Demokraten Joseph Lieberman ein Gesetz, das den Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren soll. Sie nennen es Climate Stewardship Act, Gesetz zur Klimaverantwortung.

Aus Kohle gewonnene Energie ist einer der größten Erlöser der Menschheit in der Geschichte unseres Planeten.

Die National Academy of Sciences, die ranghöchste amerikanische Wissenschaftsvereinigung, bestätigt die Aussage von Manns Studie. 928 Fachaufsätze, die zwischen 1993 und 2003 zum Thema Klimawandel veröffentlicht werden, kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Erde durch menschlichen Einfluss erwärmt. Der Chefredakteur der renommierten Fachzeitschrift Science spricht vom wohl außergewöhnlichsten Wissenschaftskonsens in der Geschichte.

»Der Hockeyschläger«, sagt Michael Mann, »war das Schlimmste, was der Industrie passieren konnte.«

Womöglich ist das der Grund, weshalb im Jahr 2002 ein PR-Berater des damaligen Präsidenten George W. Bush das Drehbuch für einen groß angelegten Gegenschlag verfasst. »Die Umwelt ist vielleicht das Thema, bei dem die Republikaner – und Präsident Bush im Speziellen – am verletzlichsten sind«, schreibt er in einem Strategiebericht für das Weiße Haus. Es komme jetzt darauf an, die Wissenschaftler »frontal zu attackieren«, um bei den Wählern Zweifel an deren Glaubwürdigkeit zu säen. Die Debatte sei zwar fast abgeschlossen – »gegen uns«, heißt es in dem Bericht. Aber es sei immer noch Zeit, um Experten zu finden, die »mit unserer Haltung sympathisieren«.

Kurz darauf stellt Bush eine Gruppe von Beratern zusammen, in der die mächtigsten Vertreter der Ölindustrie sitzen. Die republikanische Parteiführung bestimmt den Senator James Inhofe zum Vorsitzenden des Umweltausschusses. Inhofe ist ein 70-jähriger Republikaner aus Oklahoma; die Umweltbehörde, eine unabhängige Einrichtung der Regierung, die die Umsetzung von Umweltschutzgesetzen begleiten soll, verhöhnt er als »Gestapo-Bürokratie«; seine Wahlkämpfe finanzieren Energiekonzerne. Bald stellt er einen neuen PR-Strategen ein: Marc Morano.

Inhofe führt eine Neuerung im Senat ein: Er veranstaltet sogenannte Scientific Integrity Hearings, Anhörungen zur Integrität der Wissenschaft. Er macht den Senat zu einem Wissenschaftsgericht. Auf die Anklagebank setzt er renommierte Forscher, deren Arbeit hundertfach bestätigt wurde. Als Ankläger beruft er Laien wie den Schriftsteller Michael Crichton, in dessen neuestem Thriller korrupte Klimaforscher die Welt an den Abgrund treiben.

Ob sich die Erde erwärmt oder nicht, soll keine Frage des Wissens mehr sein – wie eine Frage des Glaubens soll es aussehen.

Kurz bevor der Senat das von den Senatoren McCain und Lieberman eingebrachte Gesetz zum Emissionshandel verabschieden soll, lädt Inhofe auch Michael Mann vor. Inhofe konfrontiert Mann mit den Forschern Willie Soon und David Legates. Biede ließen sich mehrfach von der Industrie bezahlen, allein Soon hat bis heute mehr als eine Million Dollar von ExxonMobil und anderen Konzernen erhalten. In einer umstrittenen Studie, mitfinanziert vom American Petroleum Institute, hat er behauptet, Manns Daten seien falsch.

»In vielerlei Weise«, beginnt Inhofe, »verschiebt diese Studie das bekannte Paradigma.«

»Das Klima des 20. Jahrhunderts ist weder unüblich noch in irgendeiner Weise extrem«, referiert Soon.

Dann fragt Inhofe die Anwesenden, ob sie darin übereinstimmen, dass ein erhöhter Kohlendioxidausstoß viele Vorteile für Flora und Fauna habe.

»Ich stimme zu«, sagt Soon.

»Ich sehe wenig, was dafürspricht«, sagt Mann.

»Ich würde tendenziell zustimmen«, sagt Legates.

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Kommentare

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"Fix it, close it or sell it"...

... einer der Lieblingssätze von Jack Welch, der sich als Manager des Jahrhunderts bezeichnet, und CEO von GE war, einem der größten Unternehmen der USA. Ich gratuliere Ihnen für diesen tollen Artikel, mit dem Sie den amerikanischen CEOs genau ins Gehirn geschaut haben und deren Denkweise beschreiben. Die USA kümmern sich nicht um die Welt. Daß sie am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen, kümmert sie nicht. Typisch Ami. Als Verkaufstrainer empfehle ich jedem, niemals ein langfristiges Ziel aufzugeben für einen kurzfristigen Erfolg. Die USA verstoßen mal wieder gegen diesen wertvollen Grundsatz.
Wir werden sie nicht ändern können. Laßt uns unseren Weg gehen - einen erfolgreichen Weg! Ich bin bereit auf kurzfrisitge Rendite zu verzichten. Ich bevorzuge es, langfristig Früchte zu ernten. Unabhängig von den Amerikanern -laßt uns die Welt ein Stück besser machen - für die Sicherung des Klimas zum Wohl der gesamten Welt!

Ein selten wertvoller Artikel

Vielen Dank an Anita Blasberg und Kerstin Kohlenberg für diese umfangreiche Recherche. Die geschilderte Struktur der komplexen Desinformationskampagnen entspricht durchaus meinen Erfahrungen mit US-Unternehmungen.

Ein Hinweis: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Anthony Sampson die „erfolgreich“ umgesetzten Methoden und Strategien der auch hier erwähnten Ölkonzerne detailliert beschrieben: „Die Sieben Schwestern. Die Ölkonzerne und die Verwandlung der Welt.“ alternativ „Weltmacht ITT“. Auch für die FDP-Strategen sind diese Bücher sehr zu empfehlen, denn sie zeigen, dass Manipulationen an wissenschaftlicher Redlichkeit und Volkverdummung auch eleganter zu erreichen sind, als durch simples Wegstreichen unliebsamer Passagen z. B. aus einem Armutsbericht.