Klimawandel : Die Klimakrieger
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Climategate

Während Michael Mann und die übrigen Wissenschaftler des Weltklimarates unentgeltlich arbeiten, schreibt das Heartland Institute in einem kürzlich der Presse zugespielten internen Budgetplan für das Jahr 2012 über Fred Singers Verein NIPCC: »Momentan sponsern wir das NIPCC, um den offiziellen Bericht des Weltklimarates der Vereinten Nationen zu untergraben. Wir haben einem Autorenteam 388.000 Dollar gezahlt, um an einer Reihe von Publikationen zu arbeiten.«

Und weiter heißt es in dem Papier des Instituts: »Unser aktuelles Budget schließt die Unterstützung von Personen mit hohem Bekanntheitsgrad ein, die regelmäßig den Aussagen der Alarmisten der Klimaerwärmung widersprechen. Momentan geht diese Unterstützung an Craig Idso (11.600 Dollar pro Monat), Fred Singer (5.000 Dollar pro Monat) und Robert Carter (1.667 Dollar pro Monat).«

Insgesamt rund 420 Millionen Dollar investiert die Öl- und Gasindustrie in die Produktion des Zweifels – allein in den Jahren 1997 bis 2004.

Ende 2007 wird der Weltklimarat für seine Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Von überparteilichem Konsens, von gemeinsamen Gesetzesinitiativen zum Schutz des Klimas aber ist in Amerika längst keine Rede mehr. Im Gegenteil: Erneut findet sich Michael Mann in Washington auf der Anklagebank wieder. »Offene Fragen rund um den Hockeyschläger« heißt die Anhörung, zu der ihn dieses Mal der Energieausschuss einlädt. Mann weiß, es gibt keine offenen Fragen, seine Ergebnisse sind unstrittig. Trotzdem ist er nervös.

Vor dem Rayburn House, dem Sitz des Repräsentantenhauses, stehen die Übertragungswagen aller wichtigen Sender. Mann steigt die Treppe hinauf, Kameramänner laufen neben ihm her, Journalisten mit Mikrofonen und Diktiergeräten. Mann ist gerade zum ersten Mal Vater geworden, sein Vertrag an der Universität ist noch nicht entfristet. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er einen Anwalt kontaktiert. Es geht für ihn jetzt nicht mehr nur um Wissenschaft. Es geht um seine Existenz.

Drei Stunden dauert die Anhörung. Ein Statistiker, der bislang nichts mit Klimaforschung zu tun hatte, beschreibt Mann als Drahtzieher einer internationalen Verschwörung, ein früherer Industrieberater behauptet, Mann habe unsauber gearbeitet.

Während Michael Mann versucht, die Angriffe abzuwehren, verfolgt Marc Morano das Schauspiel aus dem Zuschauerraum. Er weiß: Wenn er Mann und seinen Hockeyschläger erledigt, dann erledigt er den Weltklimarat. Dann erledigt er jedes Gesetz, das künftig das Verbrennen von Öl, Gas oder Kohle verteuern könnte.

Als sich der Saal in Washington leert, steuert Morano auf Mann zu. Lächelnd streckt er den Arm aus, Mann gibt ihm höflich die Hand. Morano muss heute noch lachen, wenn er daran denkt: »Der wusste nicht einmal, wer vor ihm steht.«

Am Ende bringt die Anhörung keine neuen Fakten. Die American Geophysical Union, die American Meteorological Society und 30 weitere wissenschaftliche Vereinigungen springen Mann in den folgenden Tagen zur Seite. Der Zweifel aber bleibt.

Wenn sich Mann heute in seinem Büro in der Pennsylvania State University an das Verhör in Washington erinnert, muss er tief durchatmen. Längst weiß er, wer Marc Morano ist. »Diese Leute sind Zyniker«, sagt er. »Mir ist klar, dass Morano mich nicht persönlich meint. Er will mich nur einschüchtern. Er will ein ganzes Fach einschüchtern.«

Mann spricht leise, sein Gesicht ist blass. Im Dezember wird er 47, aber er hat noch immer die Scheu eines Mannes, der sich im Labor wohlerfühlt als unter Menschen.

Michael Mann mag es, in den Wäldern von Pennsylvania zu wandern, er mag die Ruhe des Universitätsstädtchens State College, an dessen Rand er mit seiner Frau, einer Biologin, lebt. Es gefällt ihm, dass der Strom in seinem kleinen Haus durch Windkraft erzeugt wird.

»Haben Sie mal von der Serengeti-Strategie gehört?«, sagt Mann. »Die Raubtiere in der Serengeti erlegen ihre Beute, indem sie ein Tier an den Rand der Herde treiben, und wenn sie es isoliert haben, töten sie es.«

Es ist das Jahr 2009, die Finanzkrise hat auch die Medienunternehmen erreicht. Verlage und Fernsehsender verkleinern ihre Redaktionen, jeder dritte amerikanische Nachrichtenjournalist verliert seinen Arbeitsplatz, wer übrig bleibt, hat kaum noch Zeit, um Fakten zu prüfen. CNN löst seine gesamte Wissenschaftsredaktion auf, der Wetteransager Chad Meyers ist nun der Experte für den Klimawandel. Meyers sagt: »Es ist anmaßend, zu denken, wir Menschen könnten das Wetter so stark beeinflussen.«

Was schlecht ist für Leser und Zuschauer, ist gut für Marc Morano: Viele Redaktionen gehen jetzt dazu über, jede Meinung mit einer Gegenmeinung zu neutralisieren. Jede Aussage eines Klimawissenschaftlers ergänzen sie mit der Aussage eines Klimawandel-Leugners – so sparen sie sich die Antwort auf die Frage, was richtig ist und was falsch.

Marc Morano hat in seinem Laptop mehrere Tausend E-Mail-Adressen von Journalisten gespeichert, in 19 verschiedenen Listen, sortiert nach »Zeitungskolumnisten«, »Fernsehmoderatoren«, »Überregionale Wissenschaftsredakteure« (»Die sind nicht so zugänglich für meine Themen«) oder »Lokalzeitungen« (»Die nehmen immer gerne etwas«).

Es ist der 17. November 2009, Michael Mann feiert mit seiner Familie Thanksgiving, als sich um 21.57 Uhr eine Person mit dem Pseudonym »FOIA« auf dem Blog Air Vent zu Wort meldet. FOIA nennt die Internetadresse eines Servers, von dem man 1.000 private E-Mails der berühmtesten Klimawissenschaftler herunterladen könne, unter ihnen Michael Mann.

Was ist geschehen? Unbekannte haben den Server der Klimaforschungsabteilung der britischen University of East Anglia gehackt und private E-Mails und Dokumente heruntergeladen. Das alles steht nun aufbereitet im Netz, pünktlich zur UN-Klimakonferenz, die Anfang Dezember 2009 in Kopenhagen beginnen wird.

Marc Morano fährt damals gerade auf dem Rücksitz eines Mietwagens den Pacific Coast Highway hinauf, als sein Handy klingelt. Er ist in Kalifornien, um dort Stimmung zu machen gegen ein neues Umweltgesetz. Ein Bekannter erzählt ihm von den gehackten E-Mails. Irres Zeug sei dabei. Michael Mann zum Beispiel schreibe in einer E-Mail, dass er einen »trick« benutze, um das Sinken der Temperatur zu verdecken. Einen Trick! Heißt das nicht so viel wie: Der ganze Klimawandel ist eine gigantische Fälschung?

Wir sollten die Klimawissenschaftler treten, solange sie am Boden liegen. Sie haben es verdient, öffentlich ausgepeitscht zu werden.

Schnell hat der vermeintliche Skandal einen Namen: Climategate. Marc Morano richtet im Internet einen sogenannten Feeder ein, ein Programm, das ihm sämtliche Nachrichten über die Forschermails meldet. Er sammelt Überschriften und bündelt sie auf seiner Website climatedepot.com, die mit 1.700 anderen Seiten verbunden ist. Er tippt: »Der größte Skandal der modernen Wissenschaft!« Andere Blogger verknüpfen seine Texte mit anderen Seiten, und deren Betreiber wieder mit anderen. Fieberhaft arbeitet Morano die Nacht hindurch, bis »Climategate« wie ein dichtes Netz das Google-Universum durchzieht. In nur zwei Wochen verbreitet sich die Geschichte von den vermeintlich betrügerischen Klimaforschern auf mehr als 25 Millionen Internetseiten weltweit.

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739 Kommentare Seite 1 von 81 Kommentieren

"Fix it, close it or sell it"...

... einer der Lieblingssätze von Jack Welch, der sich als Manager des Jahrhunderts bezeichnet, und CEO von GE war, einem der größten Unternehmen der USA. Ich gratuliere Ihnen für diesen tollen Artikel, mit dem Sie den amerikanischen CEOs genau ins Gehirn geschaut haben und deren Denkweise beschreiben. Die USA kümmern sich nicht um die Welt. Daß sie am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen, kümmert sie nicht. Typisch Ami. Als Verkaufstrainer empfehle ich jedem, niemals ein langfristiges Ziel aufzugeben für einen kurzfristigen Erfolg. Die USA verstoßen mal wieder gegen diesen wertvollen Grundsatz.
Wir werden sie nicht ändern können. Laßt uns unseren Weg gehen - einen erfolgreichen Weg! Ich bin bereit auf kurzfrisitge Rendite zu verzichten. Ich bevorzuge es, langfristig Früchte zu ernten. Unabhängig von den Amerikanern -laßt uns die Welt ein Stück besser machen - für die Sicherung des Klimas zum Wohl der gesamten Welt!

Ein selten wertvoller Artikel

Vielen Dank an Anita Blasberg und Kerstin Kohlenberg für diese umfangreiche Recherche. Die geschilderte Struktur der komplexen Desinformationskampagnen entspricht durchaus meinen Erfahrungen mit US-Unternehmungen.

Ein Hinweis: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Anthony Sampson die „erfolgreich“ umgesetzten Methoden und Strategien der auch hier erwähnten Ölkonzerne detailliert beschrieben: „Die Sieben Schwestern. Die Ölkonzerne und die Verwandlung der Welt.“ alternativ „Weltmacht ITT“. Auch für die FDP-Strategen sind diese Bücher sehr zu empfehlen, denn sie zeigen, dass Manipulationen an wissenschaftlicher Redlichkeit und Volkverdummung auch eleganter zu erreichen sind, als durch simples Wegstreichen unliebsamer Passagen z. B. aus einem Armutsbericht.