Klimawandel : Die Klimakrieger
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Große Teile der Öffentlichkeit glauben ihm

Kaum ein Journalist hat die Originaltexte der E-Mails gelesen, aber fast alle Medien übernehmen dankbar Moranos Interpretation: »Der letzte Nagel im Sarg der globalen Erwärmung«. Fox News beschwört tagelang »das Waterloo der globalen Erwärmung«, die britische Tageszeitung Daily Telegraph warnt: »Wenn Sie Aktien in Firmen für erneuerbare Energie besitzen, dann verkaufen Sie sie JETZT.« Sogar das renommierte Magazin The Atlantic schreibt angewidert: »Der Gestank von intellektueller Korruption ist übermächtig.«

Die Weltklimakonferenz in Kopenhagen endet ergebnislos. Das lang erwartete, vom neuen US-Präsidenten Barack Obama vorbereitete Klimaschutzgesetz scheitert im amerikanischen Senat.

Wenige Wochen später, im Frühjahr 2010, sprechen parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Amerika und Großbritannien die Forscher von allen Vorwürfen frei: Die belastenden Zitate wurden aus ihrem Kontext gerissen, Michael Mann hat mit dem Wort »trick« lediglich die zulässige Lösung eines statistischen Problems beschrieben, in den Datensätzen finden sich keine Hinweise auf Manipulation. Auch diese Meldung erscheint in den Zeitungen, aber irgendwo auf den hinteren Seiten.

Das erinnert an Hexenglauben im Mittelalter, als wir Hexen für das Wetter verantwortlich machten.

Nicht einmal jeder zweite Amerikaner glaubt jetzt noch an den Klimawandel.

»Morano hat ganze Arbeit geleistet«, sagt Michael Mann im Herbst 2012 in seinem Büro. Morano hat die Erzählung der Leugner verändert. Die Klimaforscher sind nicht mehr bloß im Unrecht – sie sind jetzt Kriminelle, die bewusst betrügen. Große Teile der Öffentlichkeit glauben ihm.

Im August 2010 öffnet Mann in seinem Büro einen Brief. Weißes Pulver rieselt ihm entgegen. Die Polizei evakuiert das Gebäude: Verdacht auf einen chemischen Anschlag, das FBI ermittelt. Das Pulver stellt sich als Mehl heraus, aber Mann dämmert, dass sein Leben nie wieder so wie früher sein wird.

Die Commonwealth Foundation, eine Stiftung aus Philadelphia, die sich für »den freien Markt« einsetzt, fordert die Pennsylvania State University auf, Michael Mann zu feuern. Beinahe täglich organisiert sie Demonstrationen auf dem Campus. Eine von der Kohleindustrie finanzierte Gruppierung ruft auf Facebook dazu auf, Manns Vorlesungen zu boykottieren, auf YouTube kursieren Videos, die ihn mit einer singenden Karikatur lächerlich machen – produziert von einer PR-Firma der Republikaner in Washington. Wenn Mann Vorträge hält, sitzen auf einmal Leute im Publikum, die Schlingen zum Aufknüpfen in die Luft halten. Mann lässt sich eine neue Telefonnummer geben. Später wird er sagen: »Die meisten Drohbriefe habe ich meiner Frau verschwiegen.«

Gemeinsam mit anderen Klimaforschern betreibt Mann jetzt eine eigene Website, realclimate.org. Sie kontern jeden Vorwurf und sind doch hoffnungslos unterlegen: Die Wissenschaftler müssen jede Aussage beweisen, ihre Gegner behaupten, was sie wollen. Die Wissenschaftler sind zu akademischer Langsamkeit gezwungen, ihre Gegner brauchen nur einen Internetanschluss. So treibt ein kleiner Trupp von Radikalen die internationale Wissenschaft in die Defensive, ein von Zeitungen und Fernsehen aufgepumpter Scheinriese, dessen Helfer sich inzwischen auch in der staatlichen Justiz finden.

Ken Cuccinelli, der Generalstaatsanwalt von Virginia, leitet im Jahr 2010 ein Gerichtsverfahren ein, um zu klären, ob Michael Mann der akademische Titel entzogen werden könne. Cuccinelli, ein Republikaner, fordert die Universität von Virginia, Manns ehemaligen Arbeitgeber, auf, sämtliche E-Mails, Dokumente und Daten von Mann herauszugeben. Erst im März 2012 stellt sich das Gericht auf Manns Seite.

Drei Monate später, am 4. Juni 2012, steht Michael Mann in einem blauen Fernsehstudio des Senders MSNBC, die Show heißt Now with Alex Wagner. Mann lehnt konzentriert an einem Stehpult, er sagt: »Seit Jahren versuchen industriefinanzierte Kampfgruppen, mich zu diskreditieren, mit einem einzigen Ziel: politisches Handeln zu verhindern.«

Seit Anfang dieses Jahres tourt er durch Fernsehsendungen und Universitäten, gibt Radio- und Zeitungsinterviews. Mann hat aus seiner Geschichte ein Buch gemacht, Der Hockeyschläger und die Klimakriege. Es sind kleine Radiosendungen, kleine Zeitungen, die sich für ihn interessieren. Er produziert keine großen Schlagzeilen, aber er formuliert präzise und klar.

Michael Mann hat die öffentliche Bühne betreten, um Marc Morano auf seinem eigenen Gebiet zu schlagen: der Kommunikation. Mann ist immer noch schüchtern, vor der Kamera drückt er den Rücken steif durch, aber er will sich jetzt endlich wehren.

Vor Kurzem hat er wieder eine anonyme E-Mail erhalten: »Sie und Ihre Kollegen sollten erschossen, gevierteilt und an die Schweine verfüttert werden, gemeinsam mit Ihren verdammten Familien«, stand darin. Wenn Mann öffentlich auftritt, wird er inzwischen von Polizisten bewacht. Mehrere seiner Kollegen haben ihre Büros in Sicherheitstrakte verlegt, deren Türen sich nur mit Geheimnummern öffnen lassen.

Warum tut er sich das alles an?

Mann erzählt von seiner siebenjährigen Tochter. »Für sie«, sagt er, »ist dieser Kampf notwendig. Und für ihre Kinder.«

Auch Manns Gegner denken an die Kinder. Das Heartland Institute hat einem Berater des Energieministeriums 100.000 Dollar bezahlt, damit er einen alternativen Lehrplan zusammenstellt, der Schulkindern erklärt, dass der Klimawandel nicht bewiesen sei.

Marc Morano widmet sich inzwischen ganz dem Kampf gegen die erneuerbaren Energien. Er sagt: »Das Thema Erderwärmung ist in Washington durch.« Doha ist die erste Klimakonferenz, zu der er gar nicht erst hinfährt. Er hält den Krieg für gewonnen.

Nur in Europa sind die Klimaleugner noch in der Defensive. Fred Singer, der inzwischen 88-jährige Verkäufer des Zweifels, fliegt jetzt oft über den Atlantik, vor allem nach Deutschland. Hier glauben die meisten Leute noch an die Ergebnisse der Wissenschaft. Singer will das ändern.

Im September 2010 war er auf Einladung der FDP im Deutschen Bundestag zu Gast. Die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Marie-Luise Dött, zeigte sich beeindruckt: »Ich fand Ihre Ausführungen, Professor Singer, sehr, sehr einleuchtend und sehr schön amerikanisch vorgetragen«, sagte sie laut Zeitungsberichten. Die Frage sei nun, wie man die Politik auf einen anderen Kurs bekomme, die Skeptiker bräuchten »gesellschaftliche Mehrheiten«.

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Kommentare

739 Kommentare Seite 1 von 81 Kommentieren

"Fix it, close it or sell it"...

... einer der Lieblingssätze von Jack Welch, der sich als Manager des Jahrhunderts bezeichnet, und CEO von GE war, einem der größten Unternehmen der USA. Ich gratuliere Ihnen für diesen tollen Artikel, mit dem Sie den amerikanischen CEOs genau ins Gehirn geschaut haben und deren Denkweise beschreiben. Die USA kümmern sich nicht um die Welt. Daß sie am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen, kümmert sie nicht. Typisch Ami. Als Verkaufstrainer empfehle ich jedem, niemals ein langfristiges Ziel aufzugeben für einen kurzfristigen Erfolg. Die USA verstoßen mal wieder gegen diesen wertvollen Grundsatz.
Wir werden sie nicht ändern können. Laßt uns unseren Weg gehen - einen erfolgreichen Weg! Ich bin bereit auf kurzfrisitge Rendite zu verzichten. Ich bevorzuge es, langfristig Früchte zu ernten. Unabhängig von den Amerikanern -laßt uns die Welt ein Stück besser machen - für die Sicherung des Klimas zum Wohl der gesamten Welt!

Ein selten wertvoller Artikel

Vielen Dank an Anita Blasberg und Kerstin Kohlenberg für diese umfangreiche Recherche. Die geschilderte Struktur der komplexen Desinformationskampagnen entspricht durchaus meinen Erfahrungen mit US-Unternehmungen.

Ein Hinweis: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Anthony Sampson die „erfolgreich“ umgesetzten Methoden und Strategien der auch hier erwähnten Ölkonzerne detailliert beschrieben: „Die Sieben Schwestern. Die Ölkonzerne und die Verwandlung der Welt.“ alternativ „Weltmacht ITT“. Auch für die FDP-Strategen sind diese Bücher sehr zu empfehlen, denn sie zeigen, dass Manipulationen an wissenschaftlicher Redlichkeit und Volkverdummung auch eleganter zu erreichen sind, als durch simples Wegstreichen unliebsamer Passagen z. B. aus einem Armutsbericht.