Klimawandel : Die Klimakrieger
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Fritz Varenholt

Dött sei falsch zitiert worden, heißt es später aus der CDU. Für Singer hätte es dennoch kaum besser laufen können.

In diesen Tagen, im November 2012, reist er wieder nach Deutschland, wo das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE) eine Konferenz in München abhält, wie immer mit Unterstützung des Committee for a Constructive Tomorrow, des Arbeitgebers von Marc Morano.

»Wir werden im Bayerischen Hof tagen, mit einer internationalen Besetzung vom Feinsten«, sagt Horst Lüdecke. Neben Singer werde jemand vom Heartland Institute reden. Eine kanadische Bloggerin werde ihr neues, kritisches Buch über den Weltklimarat vorstellen.

Horst Lüdecke ist der Pressesprecher von EIKE, ein 70-jähriger emeritierter Physikprofessor, der sich seit seiner Pensionierung mit dem Klima beschäftigt. »Ich habe mich selbst in die Materie eingearbeitet«, sagt er stolz.

Im Fachbeirat von EIKE sitzen ein Journalist und ein Forstwissenschaftler, der Präsident ist ein Historiker, der zweite Vorsitzende ein Elektroingenieur, der bei Vorträgen gerne das Horrorszenario einer Ökodiktatur beschreibt: keine Heizung, keine Autos, keine Fabriken.

»Wir sind fast alle Rentner«, sagt Lüdecke.

Das »Institut« hat keine Büroräume, nur ein Postfach in Jena, trotzdem ist die EIKE-Website die wichtigste deutsche Plattform der Klimaleugner: Ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken spannt sich über eine saftige Wiese. Das blau-gelbe Logo mit dem Sternenkranz erinnert an das EU-Signet, alles wirkt freundlich, seriös, wissenschaftlich. Man findet Links zu amerikanischen Websites wie der von Marc Morano oder zu klimaskeptiker.info, dem »Forum gegen die Irrlehren von Treibhauseffekt und Klimaschutz«.

Seit Kurzem ist das 2007 gegründete EIKE als gemeinnütziger Verein eingetragen. Das Institut darf jetzt offiziell zu Spenden aufrufen.

Wer spendet für EIKE? »Das ist geheim«, sagt Lüdecke. Wie viele Mitglieder hat der Förderverein? »Alles kann gegen uns verwendet werden«, sagt er mit gesenkter Stimme, man habe jedoch beste Kontakte zu Abgeordneten aller Parteien. Zu wem genau? Lüdecke schüttelt verschwörerisch den Kopf. »Zu brisant!«

Man könnte die deutsche Leugnerszene als harmlos belächeln, hätte nicht vor Kurzem ein politisches Schwergewicht die Bühne betreten.

Fritz Vahrenholt ist SPD-Mitglied. Er war mal Umweltsenator in Hamburg, Ende der neunziger Jahre wechselte er als Manager zum Ölkonzern Shell, später zum Energiekonzern RWE, heute sitzt er im Aufsichtsrat des Tochterunternehmens RWE Innogy.

Noch im Jahr 2006 befand RWE in einem Rechtsstreit mit Greenpeace, der Klimawandel sei nur »eine subjektive Wahrnehmung einer angenommenen Gefahr, die weder konkret noch gegenwärtig« sei. Ein Jahr zuvor hatte ein amerikanischer PR-Berater für RWE ein Strategiepapier zur Bekämpfung der Energiewende verfasst. Er empfahl, eine »Koalition mit anderen interessierten Konzernen« zu schmieden und von Amerikanern wie Marc Morano zu lernen.

Anfang Februar dieses Jahres veröffentlichte Vahrenholt im renommierten Verlag Hoffmann und Campe das Buch Die kalte Sonne. Vahrenholt behauptet nicht, die Klimaforscher seien Betrüger, aber er suggeriert, sie seien dümmer als er. In Wahrheit erwärme sich die Erde wesentlich langsamer als bisher angenommen. Er, Vahrenholt, habe das herausgefunden.

Als das Buch erscheint, startet die Bild-Zeitung eine große Serie über »Die CO₂-Lüge«. Vahrenholt wird ausführlich im Spiegel interviewt, der ZEIT ist er eine Titelgeschichte wert, er sitzt in den Talkshows Maybrit Illner im ZDF und Unter den Linden auf Phoenix. Der Hessische Rundfunk lädt ihn zum Gespräch, der Norddeutsche Rundfunk, der Südwestrundfunk.

Fritz Vahrenholt ist der prominente, vermeintlich seriöse Experte, auf den die deutschen Klimaskeptiker gewartet haben.

Als Vahrenholt am 20. September dieses Jahres vor den goldstrahlenden Altar der Dresdner Frauenkirche tritt, breitet er die Arme aus und lächelt gütig. »Ich habe eine gute Botschaft für Sie«, sagt er: »Seit 14 Jahren gibt es keine Temperaturerhöhung mehr, jetzt kühlt sich zudem die Sonne ab, das heißt, die Temperatur wird weiter fallen.« Dann ruft er ins Publikum: »Der berühmte hockey stick – alles falsche Messungen!«

Vor ihm sitzen Pensionäre in teuren Wanderjacken und nicken zustimmend. »Das Ende der Gewissheit« heißt die Veranstaltungsreihe der sächsischen Staatskanzlei. Vahrenholt befindet sich in guter Gesellschaft: Innerhalb der Vortragsreihe sprechen der ehemalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der Sicherheitsexperte Winfried Nachtwei von den Grünen, die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla.

Vahrenholt wird an diesem Abend als Wissenschaftler vorgestellt, als Experte für Klimafragen, als Umweltpolitiker, als Manager, als Buchautor.

Mit keinem Wort wird erwähnt, dass er eine Außenseitermeinung vertritt. Dass Fachjournalisten sein Buch als das populistische Werk eines Laien verrissen haben.

Ein paar Studenten stellen kritische Fragen, aber Vahrenholt hat für jedes Argument eine Studie, für jede These eine passende Zahl parat. Welche Studien, welche Zahlen seriös sind, geht unter. Am Ende sieht es aus, als säßen dort unten ein paar Spinner, als stünde dort oben vor dem Altar ein klar denkender Mann, der alles verstanden hat.

Als Fritz Vahrenholt in Dresden spricht, liegt der Tag, an dem Michael Mann und seine beiden Kollegen das »Hockeyschläger-Diagramm« veröffentlichten, 14 Jahre zurück. In diesem Zeitraum ist der jährliche Ausstoß von Kohlendioxid auf der Welt um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Alle Zitate stammen von Marc Morano oder seiner Website »climatedepot.com«

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Kommentare

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"Fix it, close it or sell it"...

... einer der Lieblingssätze von Jack Welch, der sich als Manager des Jahrhunderts bezeichnet, und CEO von GE war, einem der größten Unternehmen der USA. Ich gratuliere Ihnen für diesen tollen Artikel, mit dem Sie den amerikanischen CEOs genau ins Gehirn geschaut haben und deren Denkweise beschreiben. Die USA kümmern sich nicht um die Welt. Daß sie am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen, kümmert sie nicht. Typisch Ami. Als Verkaufstrainer empfehle ich jedem, niemals ein langfristiges Ziel aufzugeben für einen kurzfristigen Erfolg. Die USA verstoßen mal wieder gegen diesen wertvollen Grundsatz.
Wir werden sie nicht ändern können. Laßt uns unseren Weg gehen - einen erfolgreichen Weg! Ich bin bereit auf kurzfrisitge Rendite zu verzichten. Ich bevorzuge es, langfristig Früchte zu ernten. Unabhängig von den Amerikanern -laßt uns die Welt ein Stück besser machen - für die Sicherung des Klimas zum Wohl der gesamten Welt!

Ein selten wertvoller Artikel

Vielen Dank an Anita Blasberg und Kerstin Kohlenberg für diese umfangreiche Recherche. Die geschilderte Struktur der komplexen Desinformationskampagnen entspricht durchaus meinen Erfahrungen mit US-Unternehmungen.

Ein Hinweis: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Anthony Sampson die „erfolgreich“ umgesetzten Methoden und Strategien der auch hier erwähnten Ölkonzerne detailliert beschrieben: „Die Sieben Schwestern. Die Ölkonzerne und die Verwandlung der Welt.“ alternativ „Weltmacht ITT“. Auch für die FDP-Strategen sind diese Bücher sehr zu empfehlen, denn sie zeigen, dass Manipulationen an wissenschaftlicher Redlichkeit und Volkverdummung auch eleganter zu erreichen sind, als durch simples Wegstreichen unliebsamer Passagen z. B. aus einem Armutsbericht.