Männer Das große Schweigen

Kaum war die erste Kolumne erschienen, passierte es. Location: Gemeindesaal, nach der Chorprobe. Ein Tenor nähert sich, mit Buch. Nichts von Bach, es ist etwas mit Piratenschiff drauf. Ein Krimi! Der Mann trägt das Buch vor sich, er hält es mir mit beiden Händen beschwörend hin. Er nickt, ich nicke. Beidseitiges Schweigen. Er sagt: »Männer!« Ich sage: »Danke!« Pause. Ah, noch was, er sagt: »Ich habe ja Zeitung gelesen!« Nicken. Und Cut!

Gänsehautschauer! Einmal an einer Männerunterhaltung teilnehmen! Danke! Dieses tiefe Schweigen! Dafür sind Männer ja bekannt. Neulich, im Café Newport, leiser Jazz, sitzt ein Herr und liest Zeitung. Liest, blättert um, liest. Rechts von ihm sind drei Japanerinnen wie weiche Birnen auf ihre Barhocker platziert, zu deren Füßen sich Einkaufstüten stapeln, als habe Sandy sie herangeweht. Links, an der Wand, drei weitere Frauen, langbeinige Wesen mit blonden Strähnen in Reithosen, eine Hansespezialität. Die Japanerinnen beugen sich zu ihren Tüten und zerren unter Gekicher Kleidungsstücke hervor, zeigen die Blüschen, Höschen etc., reichen sie weiter, Ohs und Ahs. Der Mann liest. Die Reithosenmädels halten ihre iPhones hoch, Gekreische von »O ist der süß« und »Zeig noch maaaal«. Der Herr blättert um, liest. Hört er das Geschnatter? Würde er auch gerne mal so kreischen? Seinen Freunden die neuen Socken zeigen?

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Die männliche Aura des Schweigens hat etwas Geheimnisvolles. Schon weil Männer in Wahrheit unablässig reden, wie schaffen sie es, den Eindruck zu erwecken, sie würden schweigen, während sie so viel reden? Steinbrück! 89 Vorträge in 150 Wochen. 15000 Euro pro Stunde, 250 Euro pro Minute, goldene Worte! Männer sind die Wortführer der Nation, in Gemeinderäten, Vorständen: Männer reden. Man kann nicht ausschließen, dass Männer in Vorständen auch mal schweigen und keine Frauen dabeihaben wollen, damit die das nicht ausplappern. Aber öffentlich! In britischen Zeitungen werden 78 Prozent der Kommentare von Männern abgegeben. Auf der 15. Euro Finance Week in Frankfurt werden am Wochenende 82 männliche Redner die Krise erklären, die Anzeige in der FAZ zeigt zarte und pausbäckige, schmunzelnde, verkniffene, bärtige, glatzköpfige, bebrillte Männer, mit roten und pinken und gestreiften und gepunkteten Krawatten, und acht Frauen. Drei von den Frauen sind blond, zwei dunkelhäutig, unter den Männern ist ein Farbiger, auch interessant.

Reden, Schweigen, der Übergang vollzieht sich in der Art einer Wackelkontaktschaltung. An, dann aus. Im Newport saßen neulich zwei Männer beieinander, die auch viel redeten, man musste einfach ein bisschen lauschen: »Habe ich Müller gesagt, er solle...« Ob sie auch mal gerne über was anderes reden würden als über das Controlling von Müller?

In der New York Times schrieb der Schriftsteller Ben Schrank, er verspüre Sehnsucht nach der Intimität mit Dan, seinem Buddy, mit dem er im Alter von sechs Monaten süß sabbernd in die Kamera schaute. Wie kam es, dass sie sich mit 30 nur noch ab und zu trafen, ein paar Worte tauschten, dann dieses harte Lachen? Mit 40 gar nicht mehr trafen? Wie schafft es seine Frau, sich mit ihrer besten Freundin ständig zu zanken, wieder zu versöhnen? Selbst Obama, klagt Ben Schrank, habe nur einen Freund, Michelle.

Es klang, als habe Schrank Angst, so zu enden wie der Herr, der neulich vor der Bäckerei saß, in einem Meer von leeren Stühlen. Es war feucht, wie oft in Hamburg, in München sagt man Regen. Er saß da, natürlich schweigend. Was lief in ihm ab? Die Endlosmonologe seiner Frau? Die von Müller? Reden, die er einmal gehalten hatte? Vor sich selbst? Man hätte ihn fragen können. Wetten: 9 zu 1, er hätte nichts gesagt.

 
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