Künstler Dieter Meier"Ich hatte die Taschen voller Geld"

Der Künstler Dieter Meier kam von der Zockerei am Pokertisch erst los, als er sich eine Gitarre kaufte. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Herr Meier , haben Sie schon als Kind davon geträumt, Musiker zu werden?

Dieter Meier: Nein, als Junge hatte ich Gitarrenunterricht, aber ich war ein fauler Schüler. Als mein Gitarrenlehrer sich damit abgefunden hatte, dass ich keine Fortschritte machte, spielte er mir einfach eine Stunde lang vor, anstatt mit mir zu üben. Ich gab ihm dafür jedes Mal eine Montecristo-Zigarre aus der Sammlung meines Vaters. Das war meine musikalische Erziehung. Erst als meine Karriere als Pokerspieler zu Ende ging, habe ich mir eine Gitarre gekauft. Obwohl ich gar nicht spielen konnte.

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ZEITmagazin: Wie wurden Sie zum Pokerspieler?

Dieter Meier: Nach meinem Abitur habe ich Jura studiert. Aber das Studium hat mich nie interessiert, ich war kaum an der Uni. Es war so eine Art soziale Tarnung – auf die Frage: »Was machst du?«, konnte ich antworten: »Ich studiere Jura.« Zum Pokern bin ich gekommen, weil in den Billardlokalen, in die ich ging, auch Karten gespielt wurde – tagsüber Tarock- oder Rommépartien, abends dann ging man in die privaten Zockerlogen.

ZEITmagazin: Was hat Sie denn an diesem Glücksspiel so fasziniert?

Dieter Meier: Pokern ist ein Geschicklichkeitsspiel, ein Psychoterrorspiel, ein strategisches Spiel, alles – nur kein Glücksspiel. Es bietet dir das sensationelle Gefühl, alle paar Minuten ein neues Schicksal in der Hand zu haben. Ein neues Blatt ist wie für einen Junkie der nächste Schuss, es ist die totale Reduktion auf das, was das Schicksal dir im Augenblick gibt, mit dem du zwei, drei, vielleicht fünf Minuten lebst. Die Faszination dieses Ersatzlebens, in dem du alles verlieren oder alles gewinnen kannst, absorbiert dich so wie ein Boxkampf. Über dem Pokertisch hängt eine Glasglocke, und dahinter gibt es keine Welt mehr. Es interessiert dich nichts, keine Frau, kein Buch, kein Kinofilm.

ZEITmagazin: Pokern als eine Art Weltflucht?

Dieter Meier: Es ist die perfekte Flucht, um sich nicht mit Sinnfragen auseinanderzusetzen, wie »wer bin ich, und was will ich werden?«. Wer berufsmäßig Poker spielt, ist süchtig, es ist eine psychische Totalabhängigkeit. Manche Partien dauerten 14 Stunden und länger. Letztlich lügt man sich natürlich selbst an. Ich habe mir eingeredet, wenn meine Schachtel, in der ich die Kohle habe, voll genug ist, gehe ich nach Spanien und dramatisiere den spanischen Bürgerkrieg als Theaterstück. Diesen oder andere Fluchtpläne habe ich nie umgesetzt. Als ich aufhörte zu spielen, waren in meinem Zimmer Hunderte von Tüten mit Büchern, die ich nie ausgepackt hatte.

Leserkommentare
  1. 1. Saiten

    An die Redaktion: Statt "Seiten" ist im letzten Absatz hoffentlich "Saiten" gemeint.

    • Leiwond
    • 24. November 2012 19:18 Uhr
    2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    aber eventuell auf dem verkehrten Platz.

  2. sind für mich noch nicht die Taschen voller Geld und auch nicht so richtig erwähnenswert.
    Besser ist schon das hier: https://www.youtube.com/w...
    oder das:
    https://www.youtube.com/w...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der passende Link zum swiss Münchhausen ist leider der hier:

    http://www.youtube.com/wa...

  3. aber eventuell auf dem verkehrten Platz.

    Antwort auf "[...]"
  4. "Die Faszination dieses Ersatzlebens, in dem du alles verlieren oder alles gewinnen kannst, absorbiert dich so wie ein Boxkampf."

    Diese Schilderung dessen, was seine Sucht ausgemacht hat, finde ich eindringlich, und nehme an, dass das Prinzip des "Ersatzlebens" auf viele Süchte anwendbar ist.

  5. [...] als Junge hatte ich Gitarrenunterricht, aber ich war ein fauler Schüler

    Geht man davon aus, dass man nicht Nichts tun kann, gibt es Faulheit in der allgemein gültigen Interpretation gar nicht.
    Vielmehr ist Faulheit ein fehlmotivierter Fleiß, ein geblocktes Schaffen. So, wie Wasser sich einen neuen Weg sucht, wenn das Flußbett versperrt ist.
    Zwar ändert diese Draufsicht nicht das Ergebnis, doch hilft es etwas, jenes produktiver zu vermeiden.

    Poker [...] ist die perfekte Flucht, um sich nicht mit Sinnfragen auseinanderzusetzen, wie »wer bin ich, und was will ich werden?«.

    Der Zufall, dass ich [...] eine Gitarre kaufte, war wie ein dünner Faden, mit dem ich mich in ein anderes Bewusstsein zog. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, etwas zu machen, was mir gefällt und was mir subjektiv einen Sinn gibt.

    Frei nach Erich Kästner:
    ...dabei enstand die schönste Erfindung, Der Umweg, als die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten.

    Music was my first Love ...

    ;)

  6. Zwei einzigartige Charaktere, der Blank und der Meier. Die Biografie der beiden, erschienen im Echtzeitverlag kann man getrost gleich zweimal kaufen. Eins zum behalten und (mindestens) eins zum weiterverschenken. 224 Seiten lang ein Grinsen auf den Stockzähnen. Autor: Daniel Ryser.
    Kann ich also nur empfehlen!

  7. Der passende Link zum swiss Münchhausen ist leider der hier:

    http://www.youtube.com/wa...

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