KunstmarktKunst für Zahnwälte

Anselm Reyle und Bruno Bruni haben beide großen Erfolg – in den Parallelgesellschaften des Kunstmarkts. Ein unerhörter Vergleich. von Maximilian Probst

Was wird dem Kunstmarkt nicht alles nachgesagt: Er jubele hoch, speie aus, drehe durch oder beruhige sich wieder. Offenbar ein unsteter Zeitgenosse, launenhaft, vergesslich, nervös. Allerdings wäre das ein arg pauschalisierendes Urteil – schon, weil es den Kunstmarkt gar nicht gibt.

Es gibt mehrere Kunstmärkte, mindestens zwei. Kunstmärkte, so verschieden, dass sich deren Protagonisten nie und nirgends über den Weg laufen. Das lässt sich gerade aufs Schönste am Beispiel zweier Künstler in Hamburg besichtigen. Der eine ist Anselm Reyle, knapp über 40. Gepusht von der New Yorker Erfolgsgalerie Gagosian, betreibt er ein Großatelier nach dem Muster von Andy Warhols Factory in Berlin. Lehrt als Professor an der Hamburger Hochschule und bespielt gerade mit einer Solo-Show die Deichtorhallen der Stadt. Der andere ist der Hamburger Künstler Bruno Bruni, 76. Nie gehört?

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Der Boxer Dariusz Michalczewski ist sein Kumpel, und Schröder, Gerhard, war sein Trauzeuge. Seine Bilder hängen beim Italiener Cuneo, einer Institution auf dem Hamburger Kiez. Ohne Frage, auch Bruni ist ´ne ziemlich große Nummer. Auf dem zweiten Kunstmarkt.

Die großen Auktionshäuser winken da ab. »Spielt international überhaupt keine Rolle«, lässt Sotheby’s verlautbaren. Dort wollte Bruni allerdings auch nie hin. Dem Spiegel sagte er mal, er stelle lieber bei Karstadt aus als in der Kunsthalle. Jetzt geht es zu seiner Hamburger Retrospektive durch ein Industriegebiet, entlang eines wilden Straßenstrichs: zur Fabrik der Künste, einer privat betriebenen Ausstellungshalle mit fließendem Übergang zur Event-Location.

Zu sehen und kaufen gibt es dort, was die Umgebung schon vorwegzunehmen schien: Frauen, nackt. Lederhandschuhe. Trenchcoats. Dazu umgekippte Espresso-Tassen. Es gibt Lithografien mit diesen Motiven, Zeichnungen, Ölbilder, Bronzefiguren. Das bekannteste Motiv des Künstlers Bruno Bruni ist fraglos die Summe all dessen: eine nackte, gesichtslose Frau, die sich in den Trenchcoat eines gesichtslosen Mannes mit Hut schmiegt. Den Rest des Brunoschen Universums zaubert die Fantasie des Betrachters mühelos zur Szene hinzu: ein durchwühltes Bett, Vase mit Tulpe, Revolver in der Manteltasche.

Das sei keine Kunst, sagt der Chef des Auktionshauses Ketterer, »höchstens Kunsthandwerk«. Poster-Kunst. Überzuckert. Gefällig. Bruni darauf: »Warum sollte Kunst kompliziert sein?« Wo es doch einen »unglaublichen Hunger nach lesbaren Bildern« gebe. Er selbst nennt sein Werk eine Auseinandersetzung mit den Alten Meistern. Und unter welcher Rubrik man die am Ende einordne, sei ihm herzlich egal.

In den siebziger Jahren hingen seine Motive in jeder zweiten Zahnarztpraxis. Ein Anwalt erzählt, dass damals die Einrichtungsausstatter für Kanzleien zusammen mit den Tischen und Stühlen die Bruni-Bilder gleich mitlieferten. Ganz im Sinne Brunis: Kunst für alle, hieß das Programm, und Bruni verfolgte es wie sein Lehrer Paul Wunderlich und sein Freund Horst Janssen mit hohen Auflagen seiner Werke. Jahrzehntelang vertrieb sie ein Kunstverleger aus Offenbach über Prospekte. Bruni hat damit bestens verdient. Ungefähr ebenso viel wie die Topverdiener in seiner Klientel. Wie die Zahnwälte, die ihn kaufen, hat er sich ein Häuschen in seiner alten Heimat Italien geleistet. Er hat sich eine wilhelminische Badeanstalt zum Wohnatelier umgebaut, und er hat seinen zwei Kindern ein Studium finanziert.

Alles paletti? Für seine Kunden vielleicht nicht immer. So wurde die kleine Bronzeskulptur Mignon, etwa von der Höhe eines gestreckten Mittelfingers, 1998 für 590 Mark im Versandhandel angeboten, bei einer Auflage von 5.000 Stück. Heute taucht Mignon regelmäßig bei eBay auf, 350 Euro zahlt man für sie bei Händlern im Sofortkauf. In den Auktionen kann man die Hübsche auch mal für die Hälfte bekommen. Die »schnelle Wertsteigerung«, die der Offenbacher Kunstverleger einst versprach? Eine hohle Verheißung.

Wer jetzt in der Fabrik der Künste eine bronzene Schleiereule für 1.800 Euro zu kaufen erwägt, für mehrere Hundert Euro eine Lithografie mit Frauenmotiven oder für 35.000 Euro drei Trenchcoats in Öl, sollte dies nur tun, wenn er hin und weg ist von der oft gerühmten handwerklichen Meisterschaft Brunis. Und nicht an Marktentwicklung zu denken braucht.

Das ist bei Anselm Reyle anders. Für ihn kann es noch steil nach oben gehen. Oder nach unten. Ist ja nicht mal klar, in welcher Liga er wirklich spielt. Vielleicht am Ende doch in der von Bruno Bruni? Auch er greift zurück auf bewährte Formen und Ausdrucksmöglichkeiten. Auch er pflegt die Kunst der Wiederholung. Setzt auf Sinnlichkeit. Baut auf Präzision. Bei Reyle allerdings kommen dabei keine Trenchcoats, sondern Streifenbilder heraus, eine aus dem abstrakten Expressionismus leidlich bekannte Form, bei ihm neu aus verschiedenen Verpackungsmaterialien zusammengeklebt. Und wie ist es mit der Skulptur, die nach Henry Moore aussieht, zu allem Überfluss mit blendendem Türkis überzogen? Hyper-Kitsch.

Leserkommentare
    • garl
    • 06. Dezember 2012 14:13 Uhr

    können den mangel (bei reyle) nicht begleichen.. der markt/käufer will den profit, der kenner qualität...wenigstens das sollte man begriffen haben.

    • Mari o
    • 06. Dezember 2012 14:47 Uhr

    bitteschön:wenn ich galleryst wäre,würde ich Ihnen den Anselm ganz ironiefrei z.B als in der Tradition Warhols und der Zero-Gruppe stehend, andrehen.
    Marcel Duchamp soll sich seinerzeit ja auch schon totgelacht haben.
    Bruni is out,weil nackte Mädchen keinen Distinktionsgewinn mehr bringen.oder wir sind aus dem Alter raus ;)

    • garl
    • 06. Dezember 2012 15:54 Uhr

    plagiatoren und akademiker berufen sich gerne auf die tradition...sind aber auch keine künstler..und ja, bruni ist zu dekorativ/konkret, das gabs schon im jugendstil, nur besser.

    • omnibus
    • 06. Dezember 2012 17:05 Uhr
    4. Beide

    finde ich grauenvoll. Reyle scheint nur den Stallgeruch des Kunstbetriebes besser zu durchschauen und passt sein Blabla entsprechend an, während Bruni den Naiven gibt.

    Eine Leserempfehlung
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    Bruno Bruni ist schon vergesen. Anselm Reyle nicht mehr als eine Randnotiz. Auch von der im Jahr 2012 statt gefundenen ducumenta 13 spricht keiner mehr.

  1. Bruno Bruni ist schon vergesen. Anselm Reyle nicht mehr als eine Randnotiz. Auch von der im Jahr 2012 statt gefundenen ducumenta 13 spricht keiner mehr.

    Antwort auf "Beide"
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    • Mari o
    • 08. Dezember 2012 21:46 Uhr

    und z.B. eine Ausstellung mit Wunderlich,Bruni und Gerhard
    Richters Akt auf der Treppe und noch so´n paar Akten dieser
    Periode machte.Vielleicht,wäre,evtl.man weiss es nich

    • Mari o
    • 08. Dezember 2012 21:46 Uhr

    und z.B. eine Ausstellung mit Wunderlich,Bruni und Gerhard
    Richters Akt auf der Treppe und noch so´n paar Akten dieser
    Periode machte.Vielleicht,wäre,evtl.man weiss es nich

  2. "Zum Glück für Reyle kamen ihm just in diesem Moment einige wichtige Player der Kunstwelt zu Hilfe."

    - Klingt so als wäre da plötzlich eine Welle von Rettern aufgebrochen den "armen" Künstler zu beflügeln. Ich glaube jedoch das auch hier im Hintergrund gearbeitet wurde und das nicht nur durch Reyles überzeugende Werke (salopp)gehandelt wurde. Denn der oder die Kunstmärkte sind nicht anders als andere Wirtschaftszweige an bezahlte Arbeit gekoppelt.

    Am Ende gilt es bei diesem Vergleich nach Geschmack zu entscheiden, der aber in der heutigen Zeit schon lange nicht mehr nur anhand des Handwerks oder der Art der Kunst abghandelt werden kann, sondern dank Medien, Kritikern und Publikum mit den Charaktereigenschaften des Künstlers verknüpft wird. Soweit zumindest meine ich diesen Bericht verstanden zu haben.

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