LeihmutterschaftBauch zu vermieten

Elternschaft mit Leihmüttern, Ei- und Samenspendern wird kompliziert – besonders für Standesbeamte. von Burkhard Straßmann

Theoretisch können in Zeiten fortgeschrittener Reproduktionstechnik bis zu fünf Personen am Entstehen eines Kindes beteiligt sein: ein "genetischer" Vater als Spermalieferant, eine "genetische" Mutter als Eizellspenderin, eine das Baby austragende Leihmutter und die beiden "sozialen" Eltern, die alle Reproduktionshelfer bezahlen und das Kind großziehen.

Eine solch "wuchernde Familienkonstruktion", dieses "genetische Patchwork", wie der Münchner Kulturwissenschaftler Andreas Bernard formuliert, stellt unsere Vorstellungen vom Kinderkriegen, von Familie und Verwandtschaft grundsätzlich infrage. Dabei führt die Vermehrung der Reproduktionsbeteiligten auch zu juristischen Komplikationen. Dieser Tage scheint es sogar so, als kämpften an vorderster Front mit den neuen Tücken kindlicher Herkunft ausgerechnet unsere Standesbeamten. Zumindest hielt zu diesem Thema kürzlich der Bundesverband der Deutschen Standesbeamtinnen und Standesbeamten eine Fachtagung ab.

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Nicht zuletzt aus erbrechtlichen Gründen versuchen die meisten Kulturen, genealogische Fragen per Gesetz zu klären. Fast überall gilt dabei: Die Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat. Beim Vater ist es schwieriger. Zunächst ist Vater, wer mit der Mutter zur Zeit der Geburt verheiratet war. Doch auch ein anderer Mann kann an dessen Statt seine Vaterschaft anerkennen. Und ein Gericht kann eine Vaterschaft feststellen.

Kompliziert wurde die Abstammungs- und Verwandtschaftsfrage, als in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Karriere der "heterologen" Insemination mit Spendersperma begann. Um 1980 tauchte die Leihmutter auf, also eine Frau, die sich mit dem Samen eines fremden Kinderwunsch-Mannes befruchten ließ und stellvertretend für dessen Frau das Kind austrug. Den Gipfel der "assistierten Empfängnis" stellt jedoch die "Tragemutterschaft" dar – durch die Übertragung eines befruchteten Eis (von der Kinderwunsch-Frau oder von einer beliebigen anderen) in eine "Mietgebärmutter". Dann ist die Leihmutter genetisch nicht mehr mit dem Kind verbunden.

Die Leihmutter, die für Geld das Baby des Kinderwunsch-Paares austrägt, ist aber laut BGB immer noch die rechtliche Mutter; deren Mann gesetzlich der Vater. Die stolzen sozialen Eltern dagegen, die das Neugeborene überglücklich abholen, haben manchmal schon auf der Heimfahrt ein gewaltiges Problem. Jedenfalls, wenn sie dabei über eine Grenze reisen müssen.

Das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1991 verbietet Leihmutterschaft. Das bedeutet für Paare mit Kinderwunsch, bei denen die Frau keine Schwangerschaft austragen kann, oder auch für schwule Paare, dass sie versuchen müssen, ein Kind zu adoptieren. Oder ins Ausland ausweichen, wo andere Gesetze gelten.

Als gut, aber teuer gelten einige Staaten der USA, zum Beispiel Kalifornien. Dort kostet eine Mietschwangerschaft 60.000 bis 150.000 Dollar. In einigen europäischen Ländern wird das Thema liberal gehandhabt und nicht kommerzielle Leihmutterschaft geduldet, so in Griechenland, Großbritannien und den Niederlanden. Eine kommerzielle Leihmutterschaft erlauben neben den USA auch die Ukraine, Russland und Indien. In Indien kostet sie etwa 25.000 Dollar, bis zu 1.500 surrogate births werden hier bereits jährlich verzeichnet.

Abgesehen von Kosten und Organisationsschwierigkeiten, kann die Rückkehr mit dem Winzling nach Deutschland zum Horrortrip werden. Sobald deutsche Behörden auf illegale Leihmutterschaft erkennen, lassen sie Babys mit fraglicher Abstammung nämlich nicht einreisen. "Da die Kinder von Leihmüttern im Rechtssinne nicht mit den ›Wunscheltern‹ verwandt sind, erwerben sie keine deutsche Staatsangehörigkeit durch Geburt. Die Auslandsvertretungen können in solchen Fällen daher keine deutschen Pässe für die Kinder ausstellen!", warnt das Auswärtige Amt. Der Familiennachzug solcher Kinder zu den "Wunscheltern" nach Deutschland sei "gemäß Aufenthaltsgesetz nicht möglich".

Leserkommentare
  1. Ich bin aktuell im neunten Monat schwanger durch künstliche Befruchtung.
    Das genetische Material ist von mir und meinem Mann.
    Wir haben 4 Jahre vergeblich versucht, ein Kind zu zeugen.
    Nach der zweiten künstlicher Befruchtung hat es geklappt. Seine Samenleiter waren wegen einer Hodenentzündung, die er als Jugendlicher hatte, zu größten Teil verklebt. Seine Spermien sind dadurch zu wenig und zu langsam. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich bin 29.
    Was hat das bitte schön die Tatsache, dass er auf natürlichem Weg nicht zeugen kann, mit seinen Genen zu tun? Er hat überhaupt keine genetische Krankheiten!Warum sollte es sich nicht fortpflanzen?
    Ihr Posting empfinde ich als eine Ohrfeige für alle Paare, die nur durch eine künstliche Befruchtung mühsam Eltern geworden sind, und zeugt von großer Ignoranz in der Materie und Arroganz.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Evolution"
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    Wenn jeder, dessen Eltern ein wenig nachgeholfen hätten, auf der Straße einmal ein Schild hochhalten würde, würde man einmal sehen, wie viele Leute das sind. Ich hätte auch eins in der Hand, ein "kleines", gewissermaßen...
    Wenn man dann noch die sehr große Fraktion "glücklicher Zufall" um ihr Votum bitten würde, blieben vermutlich erstaunlich wenige Leute übrig, die einfach nur geplant auf die Welt gekommen sind. -
    Allein die Art, auf die man gezeugt und auf die Welt gekommen ist, macht, denke ich, niemanden glücklich oder unglücklich. Es kommt darauf an, ob man unter liebenden Menschen aufwächst und wie die mit ihren individuellen Problemen umgehen.
    Sicher - es gibt Grenzen. Manche "Fortpflanzungshilfe" ist nicht unkritisch, allein aufgrund des medizinischen Risikos. Klonen ginge mir defitiv zu weit, weil es ein Kind stigmatisieren würde, und auch, weil es sehr riskant ist. Außerdem könnte es "Modeselektion" und die Diskriminierung von "normalen" Menschen auslösen.
    Zweitens, ICSI würde ich selbst auch nicht benutzen - das ist zumindest mit einer leichten Erhöhung schwerer genetischer Defekte verbunden. Ich glaube, wenn Anzeichen dafür bestehen, dass die Unfruchtbarkeit auch genetische Ursachen hat, ist es klüger, sie zu akzeptieren - ohne irgendjemandem etwas verbieten zu wollen.
    Was Leihmütter betrifft - ich fände es gut, sie in die Familie einzubeziehen (Kontaktrecht?), denn kassandra_k hat recht, eine Schwangerschaft bringt auch eine Bindung mit sich.

    Die meisten Unfruchtbarkeitsfälle sind aber keineswegs genetisch, sie werden durch Krankheiten verursacht. Eine der häufigsten Unfruchtbarkeitsgründen bei Frauen ist die Verklebung der Eileiter, ausgelöst durch Bakterien, die durch ungeschützten Sex übertragen werden. Das gleiche passiert bei Männern, deren Samenleiter verkleben können, dadurch werden die Spermien beschädigt.
    Was hat das mit den Genen dieser Menschen zu tun?
    Das Risiko von Krankheiten bei ICSI-Kindern ist nur geringfügig erhöht, weil der Durchschnitt der ICSI-Patienten älter ist, als die, die auf normalem Weg empfangen. Wenn man die Statistik vom Faktor "Alter" bereinigt, sind ICSI-Kinder nicht öfters krank, als spontan gezeugte.

    • WolfHai
    • 03. Dezember 2012 10:28 Uhr

    "sind doch diejenigen, die hier die Liberalisierung fordern ... in aller Regel die gleichen,
    die dann "Bio" einkaufen ..."

    Trifft bei mir absolut nicht zu. Klischees helfen der Debatte nicht.

    Antwort auf "Ohne den Gegenstand"
  2. Dass Leihmutterschaften in Anspruch genommen werden, ist mittlerweile Faktum - und wird es blieben, solange es kein weltweites Verbot gibt. Das wird es aber nicht geben, und ich denke auch nicht, dass das sinnvoll ist.
    Es wäre viel besser für die Betroffenen, die Leihmutterschaft auch in Deutschland zu erlauben; noch besser fände ich eine europaweite Regelung. - Wir können allen Beteiligten hier viel mehr Sicherheit und Rahmen bitten als wenn es nur mit Schummelei und einem Flug um die halbe Welt funktioniert.
    Erstens: Bei uns ist eine gute Beratung in humangenetischen Fragen möglich und sollte in solchen Fällen vielleicht auch zur Pflicht werden.
    Zeitens: Die Leihmütter hätten optimale medizinische Betreuung in der Schwangerschaft.
    Drittens: Die Leihmütter könnten hier durch unsere Gesetze effektiver geschützt werden.
    Viertens: Alle Beteiligten könnten per Gesetz ihre Plätze in einer "Patchworkfamilie" erhalten. Das stelle ich mir einfacher vor als die Regelung von Patchworkfamilien, die durch Trennungen und neue Partnerschaften entstanden sind - und davon gibt es ja reichlich.
    Fünftens: Wenn alle Mitglieder der Patchworkfamilie innerhalb Deutschlands oder wenigstens Europas leben würden, hätten sie eine Chance, sich auch gelegentlich zu sehen, was vermutlich allen gut tun würde - gerade dem Kind, das wissen möchte, woher es kommt.

  3. Haben Sie Kinder?

    Antwort auf "Evolution"
  4. Das mit der Freiwilligkeit ist so eine Sache, wenn man nichts zu fressen hat. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral - wusste schon Brecht. Und genauso gilt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Freiheit.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Härten des Lebens"
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    Illegalität treibt die Preise, das ist aus ganz andern Bereichen schon bekannt.

    • WolfHai
    • 03. Dezember 2012 11:49 Uhr

    "Das mit der Freiwilligkeit ist so eine Sache, wenn man nichts zu fressen hat."

    Und wer nichts zu Fressen hat, für den ist die Leihmutterschaft möglicherweise erheblich menschenwürdiger als die Alternativen.

    Soll man sie verbieten, weil sie vielleicht nicht so schön ist, wie ein Mittelstandsleben in Freiburg im Breisgau? Man kann nicht das Paradies, nicht einmal die Bedingungen in Deutschland am Anfang des 21. Jahrhunderts überall zum Maßstab der eigenen Empörung nehmen.

  5. Illegalität treibt die Preise, das ist aus ganz andern Bereichen schon bekannt.

    Antwort auf "Wirklich so naiv?"

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  • Schlagworte Eltern | Adoption
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