DIE ZEIT: Herr Hechenblaikner, die kriselnde Schweizer Winterindustrie schaut mit Bewunderung nach Österreich. Es heißt, dort sei man so viel gastfreundlicher, moderner und preisgünstiger als hier. Stimmt dieses Bild überhaupt?

Lois Hechenblaikner: Der wesentliche Unterschied ist, dass die Österreicher im Tourismus wendiger sind als die Schweizer, die sich oft nach dem Trägheitsgesetz verhalten und die antiquiert-barocke Pose pflegen. Bei uns hat man sich den Veränderungsprozessen viel flinker angepasst – vielleicht auch aus einem Überlebensinstinkt heraus. Nur ein Beispiel: Bei uns werden sogar die Liftangestellten von Psychologen in Benimmkultur geschult, damit sie dem Gast möglichst angenehm den Bügel unter den Hintern klemmen können. Und unsere Werbung, im Besonderen die Tirol-Werbung, hat auch eine viel größere Schlagkraft als die schweizerische. Die haben die Medien vollkommen durchschaut. Dazu kommt, dass Österreich eine eigene Tourismusbank hat, die touristische Projekte fördert. In der Schweiz, höre ich, ist das Geld für solche Dinge schwieriger zu bekommen. Ja, wir haben das System perfektioniert. Bei uns kriegt der Gast, insbesondere der Schweizer, mehr für sein Geld. Und wer mehr für sein Geld bekommt, der gibt auch mehr aus.

ZEIT: Man mache auch lieber Urlaub in Österreich, weil die Atmosphäre eine fröhlichere ist.

Hechenblaikner: Bei uns herrscht eine höhere Lach- und Höflichkeitsfrequenz. Man versteht es einfach, dem Gast eine »emotionale Nestwärme« in Form von professioneller Gastfreundschaft zu bieten. Die Schweiz leidet da schon eher unter ihrer tiefgekühlten Atmosphäre.

ZEIT: Liegt der Tourismus den Tirolern im Blut?

Hechenblaikner: Ja. Tirol ist schnurstracks von der Landwirtschaft zur Gastwirtschaft übergegangen. Viele Bauern sind Touristiker geworden. Und die machen das bis zur Selbstaufopferung, der Tourismus ist für die meisten meiner Landsleute der einzige Lebensinhalt geworden. In den Anfängen haben die Gäste gebettelt um ein Bett in Tirol. Die ließen sich sogar zum Schlafen in die Sauna stecken. Deswegen wurden in der Hochsaison sehr viele Tiroler Kinder ausquartiert – man musste Platz schaffen für die Gäste. Ja, das war damals ein reiner Nachfragemarkt.

ZEIT: Was ist der Preis, den die Tiroler für diese Selbstaufopferung bezahlen?

Hechenblaikner: Vor zwanzig Jahren erschien das Buch Almrausch. Die Alltagstragödie hinter der Freizeitmaschinerie. Es beschreibt dieses Drama, das ich gut kenne.

ZEIT: Warum kennen Sie es?

Hechenblaikner: Weil ich in so einem Tourismusbetrieb aufgewachsen bin. Meine Mutter gab alles für den Gast. Der Tourismus war das Familienoberhaupt. Und meine Mutter war ein »Tourismusautomat«. Wenn ich als Bub morgens runterging, um meinen Kakao zu trinken, war ich immer von Gästen umringt. Privatsphäre gab es nicht. Ich habe mich gefragt: Warum liebt die Mutter den Gast mehr als mich?

ZEIT: Tirol hat so sehr auf die Karte Tourismus gesetzt, dass es jetzt an Überkapazitäten leidet.

Hechenblaikner: Völlig richtig. Man misst unseren Erfolg nur an den Belegungszahlen und nicht an der Wertschöpfung. Da belügt sich ein ganzes Bundesland. Deshalb zerfleischen sich die Menschen, damit es noch irgendwie geht.

ZEIT: Man ist zu weit gegangen.

Hechenblaikner: Viel zu weit. Mir gefällt der Satz von Karl Kraus sehr: »Im Fremdenverkehr kommen die Gäste auf ihre Rechnung und auf unsere.« Der Gast nimmt uns auch etwas weg. Wir müssen uns also fragen: Was heißt genau Erfolg?

ZEIT: Ihre Antwort?

Hechenblaikner: Tirol hat zum Teil die Patina einer Disneylandisierung angenommen. Die setzen den Heustadeln Mickey-Mouse-Figuren auf, die Skilehrer sind Pyrotechniker geworden, jede Woche gibt es Feuerwerk und Après-Ski-Massenbesäufnisse. Sinnbild dieser Entwicklung sind die Zillertaler Schürzenjäger, die unsere Kultur banalisiert und ins Lächerliche gezogen haben. Sie sind an ihren Widersprüchen zugrunde gegangen. Zum Glück. Ich frage mich, wann der Schmerzpunkt kommt, wo die Leute sagen: »Ich mag nicht mehr.« Bislang benehmen sich die Tiroler aber noch so, als seien sie dem Tourismus schicksalhaft ausgeliefert. Man gibt alles, um die Mächte der Natur, die es immer seltener schneien lässt, zu besiegen. Man kämpft mithilfe der Technik ums Überleben – und zerstört dabei die eigene Lebensgrundlage, die Natur. Das kann nicht gut gehen.