Fotograf Lois Hechenblaikner"Der Gast nimmt uns etwas weg"

Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner über den Tourismus-Wahnsinn in seiner Heimat und Schweizer Fehlentwicklungen. von 

Lois Hechenblaikner: "Saisonabschluss-Event", Idalp, Ischgl, April 2004

Lois Hechenblaikner: "Saisonabschluss-Event", Idalp, Ischgl, April 2004  |  © Louis Hechenblaikner

DIE ZEIT: Herr Hechenblaikner, die kriselnde Schweizer Winterindustrie schaut mit Bewunderung nach Österreich. Es heißt, dort sei man so viel gastfreundlicher, moderner und preisgünstiger als hier. Stimmt dieses Bild überhaupt?

Lois Hechenblaikner: Der wesentliche Unterschied ist, dass die Österreicher im Tourismus wendiger sind als die Schweizer, die sich oft nach dem Trägheitsgesetz verhalten und die antiquiert-barocke Pose pflegen. Bei uns hat man sich den Veränderungsprozessen viel flinker angepasst – vielleicht auch aus einem Überlebensinstinkt heraus. Nur ein Beispiel: Bei uns werden sogar die Liftangestellten von Psychologen in Benimmkultur geschult, damit sie dem Gast möglichst angenehm den Bügel unter den Hintern klemmen können. Und unsere Werbung, im Besonderen die Tirol-Werbung, hat auch eine viel größere Schlagkraft als die schweizerische. Die haben die Medien vollkommen durchschaut. Dazu kommt, dass Österreich eine eigene Tourismusbank hat, die touristische Projekte fördert. In der Schweiz, höre ich, ist das Geld für solche Dinge schwieriger zu bekommen. Ja, wir haben das System perfektioniert. Bei uns kriegt der Gast, insbesondere der Schweizer, mehr für sein Geld. Und wer mehr für sein Geld bekommt, der gibt auch mehr aus.

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ZEIT: Man mache auch lieber Urlaub in Österreich, weil die Atmosphäre eine fröhlichere ist.

Lois Hechenblaikner

Der 54-Jährige ist in Tirol aufgewachsen. Hier fotografiert er die alpine Spaßindustrie. Seine Werke sind zurzeit im Alpinen Museum in Bern zu sehen.

Hechenblaikner: Bei uns herrscht eine höhere Lach- und Höflichkeitsfrequenz. Man versteht es einfach, dem Gast eine »emotionale Nestwärme« in Form von professioneller Gastfreundschaft zu bieten. Die Schweiz leidet da schon eher unter ihrer tiefgekühlten Atmosphäre.

ZEIT: Liegt der Tourismus den Tirolern im Blut?

Hechenblaikner: Ja. Tirol ist schnurstracks von der Landwirtschaft zur Gastwirtschaft übergegangen. Viele Bauern sind Touristiker geworden. Und die machen das bis zur Selbstaufopferung, der Tourismus ist für die meisten meiner Landsleute der einzige Lebensinhalt geworden. In den Anfängen haben die Gäste gebettelt um ein Bett in Tirol. Die ließen sich sogar zum Schlafen in die Sauna stecken. Deswegen wurden in der Hochsaison sehr viele Tiroler Kinder ausquartiert – man musste Platz schaffen für die Gäste. Ja, das war damals ein reiner Nachfragemarkt.

ZEIT: Was ist der Preis, den die Tiroler für diese Selbstaufopferung bezahlen?

Hechenblaikner: Vor zwanzig Jahren erschien das Buch Almrausch. Die Alltagstragödie hinter der Freizeitmaschinerie. Es beschreibt dieses Drama, das ich gut kenne.

ZEIT: Warum kennen Sie es?

Hechenblaikner: Weil ich in so einem Tourismusbetrieb aufgewachsen bin. Meine Mutter gab alles für den Gast. Der Tourismus war das Familienoberhaupt. Und meine Mutter war ein »Tourismusautomat«. Wenn ich als Bub morgens runterging, um meinen Kakao zu trinken, war ich immer von Gästen umringt. Privatsphäre gab es nicht. Ich habe mich gefragt: Warum liebt die Mutter den Gast mehr als mich?

ZEIT: Tirol hat so sehr auf die Karte Tourismus gesetzt, dass es jetzt an Überkapazitäten leidet.

Hechenblaikner: Völlig richtig. Man misst unseren Erfolg nur an den Belegungszahlen und nicht an der Wertschöpfung. Da belügt sich ein ganzes Bundesland. Deshalb zerfleischen sich die Menschen, damit es noch irgendwie geht.

ZEIT: Man ist zu weit gegangen.

Hechenblaikner: Viel zu weit. Mir gefällt der Satz von Karl Kraus sehr: »Im Fremdenverkehr kommen die Gäste auf ihre Rechnung und auf unsere.« Der Gast nimmt uns auch etwas weg. Wir müssen uns also fragen: Was heißt genau Erfolg?

ZEIT: Ihre Antwort?

Hechenblaikner: Tirol hat zum Teil die Patina einer Disneylandisierung angenommen. Die setzen den Heustadeln Mickey-Mouse-Figuren auf, die Skilehrer sind Pyrotechniker geworden, jede Woche gibt es Feuerwerk und Après-Ski-Massenbesäufnisse. Sinnbild dieser Entwicklung sind die Zillertaler Schürzenjäger, die unsere Kultur banalisiert und ins Lächerliche gezogen haben. Sie sind an ihren Widersprüchen zugrunde gegangen. Zum Glück. Ich frage mich, wann der Schmerzpunkt kommt, wo die Leute sagen: »Ich mag nicht mehr.« Bislang benehmen sich die Tiroler aber noch so, als seien sie dem Tourismus schicksalhaft ausgeliefert. Man gibt alles, um die Mächte der Natur, die es immer seltener schneien lässt, zu besiegen. Man kämpft mithilfe der Technik ums Überleben – und zerstört dabei die eigene Lebensgrundlage, die Natur. Das kann nicht gut gehen.

Leserkommentare
  1. in den Tiroler Bergdörfern bringt sein Übriges. Noch gibt es die kleinen familienbetriebenen Pensionen mit angeschlossenem Bauernhof samt Frühstück aus eigener Produktion.

    Aber sie werden weniger, oft wenn die nächste Generation übernimmt und den perönlichen Aufwand des günstigen Privatzimmers mit Frühstück nicht mehr für attraktiv hält und nur noch Ferienwohnungen anbietet.

    Hoffnung bereiten aber auch Projekte der Gastwirtschaft, die den Nerv treffen, also unaufdringliche, urige Gastlichkeit mit wenigen Sitzplätzen bei lokalem Speisen-Angebot, moderaten Preisen und tiroler Habitus; dort braucht man mittlerweile schon eine Tisch-Reservierung. Wo? Wird nicht verraten... ;-)

    • jojocw
    • 01. Dezember 2012 11:15 Uhr

    Ja die Österreicher sind schon brutaler mit der Natur als die Schweizer.
    Wenn ich mir die Straßen ins Hochgebirge anschaue. Großklockner z.Bsp. Franz Josefs-Höhe mit Großparkhaus.
    In den Gletscher-Skigebieten kenne ich mich nicht so aus.
    Bin froh, dass ich kein Skifahrer bin.

    Aber Obertauern, im Sommer betrachtet: Die Bars und Vergnügungshütten mitten im Dorf. Schrecklich.
    Und im Sommer steht alles leer. Wie eine Geisterstadt im Wilden Westen. Nur ein paar Handwerker.

    Allerdings, die Schweiz ist wirklich viel zu teuer.

    Und es liegt auch an den Touristen selber: Früher war man Gast, und hat sich auch so benommen. Heute sind viele auf "Spaß" aus, aber das heißt Saufen und Rumgröhlen, die Sau raus lassen bis zum geht nicht mehr. Wer bezahlt, hat das Sagen. Und das Personal wird entsprechend behandelt.

    Vor allem die vielen jungen Touristen, Abi-Jahrgänge usw.
    Ist inzwischen überall gleich, wie auf Malle.

    Es ist der Preis für den Billig-Tourismus. In der Schweiz wohl deshalb nicht so möglich.

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    'Ja die Österreicher sind schon brutaler mit der Natur als die Schweizer.'

    Das kann man so nicht sagen. Zwar mag es in den schweizer Bergen weniger Grosshotels und Bettenburgen geben, dafür sind vielerorts (z.B. Engadin, Wallis) die Gegenden mit Zweitwohnungen zugeplastert, die bis auf wenige Wochen im Jahr immer leer stehen. Es gibt richtiggehende Geisterdörfer, in denen bis um die Neujahrszeit bei den meisten Häuser stets alle Fensterläden geschlossen sind. Die Atmosphäre in solchen Orten ist einfach nur grauenhaft.

    Zwar wurde kürzlich in einer eidgenössichen Volksabstimmung eine Vorlage angenommen, welche die Anzahl der Zweitwohnungen beschränkten will, die Politik foutiert sich allerdings stark um die Umsetzung. Insbesondere der Kanton Wallis versucht noch möglichst viele Baubewilligungen durchzudrücken und die gerade die 'christliche' Partei legt viel Effort ins Ersinnen möglichst viele Ausnahmeregeln bei der Umsetzung.

  2. 'Ja die Österreicher sind schon brutaler mit der Natur als die Schweizer.'

    Das kann man so nicht sagen. Zwar mag es in den schweizer Bergen weniger Grosshotels und Bettenburgen geben, dafür sind vielerorts (z.B. Engadin, Wallis) die Gegenden mit Zweitwohnungen zugeplastert, die bis auf wenige Wochen im Jahr immer leer stehen. Es gibt richtiggehende Geisterdörfer, in denen bis um die Neujahrszeit bei den meisten Häuser stets alle Fensterläden geschlossen sind. Die Atmosphäre in solchen Orten ist einfach nur grauenhaft.

    Zwar wurde kürzlich in einer eidgenössichen Volksabstimmung eine Vorlage angenommen, welche die Anzahl der Zweitwohnungen beschränkten will, die Politik foutiert sich allerdings stark um die Umsetzung. Insbesondere der Kanton Wallis versucht noch möglichst viele Baubewilligungen durchzudrücken und die gerade die 'christliche' Partei legt viel Effort ins Ersinnen möglichst viele Ausnahmeregeln bei der Umsetzung.

  3. Mit der Ischgler Idalp wurde der richtige Ort ausgesucht, um diese verkorkste Form des Tourismus zu illustrieren. Kaum irgendwo sonst gilt die alpine Natur nur noch als schiefe Fläche für Skifahrer. Gerade hier zeigt sich, dass auch die "Bereisten", nicht nur die "Reisenden", an der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen feilen. Irgendjemand erfand einmal den wunderbaren Begriff "Feschismus" (fesch = klasse, toll, schnieke). Mit dieser aggressiven Ausformung von Fröhlichkeit brillierten - in der Tat - die "Zillertaler Schürzenjäger" und machten die ganze alpine Kultur lächerlich.
    Doch gibt es auch Ausnahmen. Fährt man von Ischgl zehn Kilometer weiter nach Galtür, trifft man auf den Gegenentwurf. Dort wurde (auch schon vor dem Lawinenunglück) und wird auf soliden Familientourismus gesetzt. Der Ort blockierte sogar den Bau eines Sommerskigebietes in der Silvretta. Galtür ist allerdings eine Ausnahme. Ischgl, Obertauern oder Saalbach-Hinterglemm
    dominieren.
    Dort herrscht die Devise vor, der Gast müsse mit den unsinnigsten Events mit Gewalt "erholt werden", anstatt dass man ihn sich selbst erholen ließe. Diesen "Feschismus" könnte man auch den totalen Tourismus nennen.

  4. Ein lesenswertes Interview über die Auswüchse des Massentourismus, und daneben "Unsere Tipps für Hotels unter 100 Euro" und eine Anzeige für eine Reise, bei der man mit Motorschlitten Rentieren in Russland hinterher donnert... Macht sich bei der ZEIT (ist aber z.B. beim Spiegel genauso) jemand über so etwas Gedanken oder überlasst man die inhaltliche Gestaltung einer solchen Seite einfach Googles AdSense?

    • wb99
    • 01. Dezember 2012 14:39 Uhr

    kann die "Piefke-Saga" nicht unerwähnt bleiben. Die hat das Problem schon in den 90ern aufs brillianteste seziert.

  5. Vor der Tourismuswelle haben die Tiroler ihre eigenen Kinder ins Schwabenländle verkaufen müssen, um zu überleben. Heute leben sie ganz gut von den Touristenströmen und können es sich leisten, über die Umweltzerstörung und betrunkene Russen zu jammern. Dabei wissen aber die meisten, das abseits von Swarowksi in Wattens, den Planseewerken in Reute und den GE Werken in Jenbach keine Industrie vorhanden ist. Es gibt nur einige wenige Kritiker wie Hechenblaikner, bei den meisten Tirolern gilt man schon als radikaler Tourismusgegner, wenn man gegen den Ausbau von Schigebieten in Naturschutzgebieten ist.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/jp

  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "Schwabenkinder"

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