ZEIT: Was kann einen Menschen dazu bewegen, Touristen einen Winter lang einen Bügel unter den Hintern zu klemmen?

Hechenblaikner: Das ist ein Riesenproblem. Man hat bei uns große Schwierigkeiten mit dem Personal. Da gibt es immer wieder Lagerkoller. Darauf haben einige Vernünftige reagiert, indem sie dem Personal schöne Wohnungen gebaut haben, wo sie sich wohlfühlen. Die guten Unternehmer haben kapiert: Erst wenn ich meinem Angestellten eine Würde gebe, wird er für mich eine gute Leistung bringen. Die werden nicht mehr als Gastro-Sklaven behandelt. Am Achensee hat der Besitzer des sehr erfolgreichen Post-Hotels schon vor 20 Jahren zur Hebung der Mitarbeitermotivation einen Porsche Carrera fürs Personal gekauft.

ZEIT: Könnte es auch ein Vorteil für die Schweizer sein, dass sie sich zurückhaltender zeigen gegenüber dieser Disneylandisierung der Alpen?

Hechenblaikner: Ja schon, aber die Schweiz ist einfach zu teuer. Nur wer Vermögen hat, kann sich das Engadin noch leisten. Dort hat das Geld einen so hohen Verdunstungsfaktor, dass es selbst für einen leitenden Angestellten aus Österreich unmöglich ist, dort Urlaub zu machen. Der Geschäftsführer des Tourismusverbandes von Ischgl hat mir kürzlich erzählt, er sei mit der Familie in St. Moritz gewesen. Man trank Kaffee und aß ein paar Brote. Und als die Rechnung kam, meinte er, seinen Bausparvertrag auflösen zu müssen.

ZEIT: Dann könnte die Schweiz ja nur noch auf die Reichen setzen.

Hechenblaikner: Das wird nicht funktionieren. Es gibt zu wenig Reiche. Wintertourismus ist und bleibt ein Massengeschäft. Der Mensch will das so. Er entstammt der Masse und landet wieder in der Masse. Man kann aus allem ein Geschäft machen. Die Leute haben heute keinen Platz mehr auf der Piste, keinen Sturzraum. Deshalb passieren so viele Unfälle. Das ist aber kein Problem, denn davon profitieren die Privatkliniken. In Ischgl zum Beispiel hat eine Klinik für Privatversicherte schon zwei eigene Helikopter stehen, die die menschliche Ware anliefern. Im Zillertal finden die sogar den täglichen Stau auf den Straßen gut. Ein Verantwortlicher sagte mir: "Ist doch super, dann sind wir immer in den Medien."

ZEIT: Nun zeigen Sie in Ihren Bildern ständig die Kehrseite dieses inszenierten Erlebniswahnsinns. Was ist Ihr eigentlicher Antrieb, dies zu tun?

Hechenblaikner: Henri Cartier-Bresson hat gesagt: "Fotografie ist eine Art zu schreien." Die Veränderungsprozesse in meiner Heimat haben mich sehr belastet, sie haben auf meine Gesundheit geschlagen. Mit der Fotografie habe ich ein Mittel gefunden, mich zu wehren. Dank meiner Bilder kann niemand mehr sagen, dass es nicht so war. Wenn die lokalen Medien gleichgeschaltet sind, alle in dieser Schicksalsgemeinschaft namens Tourismus mittun, braucht es einen wie mich, der den Preis, den wir bezahlen, sichtbar macht. Aber es geht mir nicht darum, meine Heimat in den Dreck zu ziehen. Ich bin kein Nestbeschmutzer und kein Verhörnter. Ich liebe meine Heimat. Dies zeige ich in meiner Arbeit. Nur verstehen das noch nicht alle. Man hat mich verleumdet, bedroht, Ausstellungen von mir verboten.

ZEIT: Wenn die Tiroler Sie endlich fragen würden, was sie ändern sollten, was würden Sie antworten?

Hechenblaikner: Seid Gastgeber und keine Gastnehmer. Seid also keine Schlitzohren, die ihren Gast melken, wo sie nur können. Immer noch wird in Tirol zum Beispiel zu 70 Prozent ein miserabler Kaffee ausgeschenkt – nur weil man mit schlechter Ware mehr verdienen kann. Das ist nicht nachhaltig. Ischgl, Sölden oder Saalbach-Hinterglemm sind zwar mit diesen rituellen Herdenbesäufnissen für einige Unternehmer Geldmaschinen, für die Ortsentwicklung ist das aber verheerend. Was bekommen die Kinder, die in diesen Orten aufwachsen, denn für ein Bild vom Gast, wenn der ständig betrunken ist? Und wenn man ständig die Kotze der Gäste aus den Zimmern wischen muss, wendet man sich automatisch gegen den Gast, man wird zum Gastfeind. Das alles ist gefährlich. Wir sollten vom Tourismus zum "Touris-will" kommen. Dass wir unser Schicksal selbst bestimmen und nicht von der Maschinerie schicksalhaft abhängen.

ZEIT: Das bedeutete, die Kapazitäten abzubauen.

Hechenblaikner: Das wird passieren. Betriebe mit 50, 60 Betten sind nicht mehr rentabel.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, Sie hätten etwas mit Ihrer Arbeit erreicht?

Hechenblaikner: Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Aber wenn ich nachdenke: Ja, ich habe bei einigen ein Bewusstsein geschaffen. Und, wissen Sie, die Branche hat mich hervorgebracht: Ich wurde als Kind gezwungen, eine Lebenslüge auszuüben. Aber Kinder sind wahrheitszentriert. Und irgendwann protestieren sie. Meistens.