Oft werde ich gefragt: Wie kommt man in die Medienberufe hinein? Es gibt viele Wege. Bei mir war es so, dass ich mich als Terminfuzzi für eine kleine Zeitung beworben habe. Man wurde als Fuzzi genommen, wenn man bereit war, für eine Bezahlung am unteren Rand der Nachweisbarkeit über Lokaltermine von mäßiger Bedeutung zu schreiben, niemals etwas kritisch zu sehen und sich niemals die Sinnfrage zu stellen. Mein erster Artikel befasste sich mit der Versteigerung eines Ziegenbocks auf dem Jahrmarkt von Wiesbaden-Biebrich. Dies habe ich offenbar recht ordentlich erledigt. 25 Jahre später kam ein Angebot der ZEIT.

Heute gibt es andere Einstiege. Zum Beispiel, wie ich im Internet bei Meedia.de gelesen habe, den neuen Frauenberuf »Twitter-Tussi«. Eine Twitter-Tussi muss gut aussehen, jung sein, lange blonde Haare haben und lesen können. Sie liest in Fernsehsendungen die »Reaktionen aus dem Netz« vor, also das, was während der Sendung in Blogs oder auf Twitter gerade geschrieben wird oder im Internet passiert. Sie hat dabei einen Laptop vor sich oder ein Tablet in der Hand.

Antje Lorentz, laut Meedia.de die »Grande Dame der Twitter-Tussis«, ist bei N24 aktiv. Während einer Sendung war ein schwarzer Bildschirm zu sehen, live aus dem Netz, am oberen Bildrand flackerte es. Der Wirbelsturm Sandy erreichte in diesen Minuten New York. Antje Lorentz sagte: »Da explodiert gerade das Elektrizitätswerk. Das sind Bilder, die die Dramatik klarmachen.« Gute Frau. Sie hat das explodierende E-Werk sofort richtig eingeordnet. Explodierende Häuser sind schon irgendwie dramatisch.

Sonja Schünemann, Twitter-Tussi des ZDF-Morgenmagazins, hat den Moderator Cherno Jobatey mit ihrem Gerät gefilmt und während der Sendung ins Netz gestellt. Cherno Jobatey kommentierte dies so: »Wir filmen live, wie du mich live ins Internet streamst. Sind wir livig heute!« Antje Lorentz ist ein Technik-Freak. Jeannine Michaelsen, ebenfalls ZDF, fällt dagegen eher durch Humor auf. Ein typischer Witz: »Ein Eichhörnchen ist verunglückt. Überfrierende Nüsse.« Ein anderer O-Ton von Jeannine Michaelsen: »Diese Sendung könnte genauso gut ein Mann machen. Wenn er Brüste hätte.« So viel kritische Selbstreflexion findet man in den Medien selten.

Caroline Danz war schon bei Gottschalk live und im ARD-Vorabend. Ihr bisher größter Scoop bestand darin, dass sie bei der Präsidentschaftswahl dem Moderator Claus Strunz den Sieges-Tweet von Barack Obama vorgelesen hat. In ihrem Lebenslauf könnte sie schreiben: »2012 gelang es mir, Claus Strunz den Sieges-Tweet von Barack Obama vorzulesen.«

Ich als alter Fuzzi möchte mich nicht etwa über die Frauen lustig machen, die so was tun. Man muss die Jobs nehmen, die man kriegen kann. Die Twitter-Tussi ist die Nachfolgerin der Show-Assistentin, die es bei Kulenkampff und Peter Frankenfeld gegeben hat, damals, als Willy Brandt Kanzler war. Sie ist sozusagen die Sprechstundenhilfe der Moderatoren. Im Gegensatz zu 1970 haben die Frauen heute gute Chancen, später selber mal Moderatorin zu werden. Man sollte allerdings einen etwas charmanteren Namen finden, es heißt ja heute auch »Arzthelferin« statt Sprechstundenhilfe. »Netzreporterin« ist auch keine Lösung. Bescheuert finde ich nämlich nicht die Netzreporterinnen, sondern die Idee, dass man im Fernsehen aus dem Internet vorliest und das dann »Reportage« nennt. Außerdem ist es schwer sexistisch, dass sie fast nie Männer als Tussis nehmen, nur als Fuzzis. Lange blonde Haare haben und lesen können – das bringe ich auch.

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