Gleich kommen die Gäste. Werner Carstens holt die Plastikbecher aus der Urne. Eine Urne sei wie eine Tupperdose, erklärt er, »eine abgeschlossene Geschichte«, da kämen weder Feuchtigkeit noch Getier ans Geschirr. »Wir setzen in den Urnen auch Rumtopf an«, sagt Karin Schreuer, seine Frau. Das ist aber ein Scherz. Meist gibt es Wein, wenn die beiden sich mit Freunden in ihrem Mausoleum auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg treffen. Und das tun sie fast jede Woche.

Werner Carstens ist ein feiner Herr mit grauem Schnurrbart und Hornknöpfen am Jackett. Ohlsdorf ist der größte Parkfriedhof der Welt: an die 235.000 Grabstellen, 391 Hektar Fläche, 17 Kilometer Straßennetz, zwei Buslinien und 22 Mausoleen. In einem dieser Mausoleen ist es in den vergangenen elf Jahren wohnlich geworden. Es gibt Sessel, Decken, einen Kamin und ein Spirituosenregal in dem kleinen Innenraum. Um die Heizung und den Ventilator betreiben zu können, hat Carstens 80 Meter Stromkabel verlegt. In einer Kristallvase stehen schwarze Blumen vor der ochsenblutfarbenen Wand. Und auch wenn die Eheleute, die das Mausoleum vor 100 Jahren errichten ließen, inzwischen anderswo ruhen – ihre Grabplatten hängen noch an der Wand.

Bei so einem Treffen sitzt man zu fünft um den runden Tisch, drei stehen draußen. »So viele nette Nachbarn hat man im Leben nicht«, sagt Heike Müßigbrodt. Ihr gehört die Grabstelle gegenüber. Da liegt ihr Mann, der vor einem Jahr gestorben ist. Er sei früher auch oft hier gewesen, man habe sich auf dem Friedhof gesehen, zu jeder Jahreszeit.

»Im Sommer kann man einen italienischen Abend machen mit Rotwein und Prosciutto«, sagt Carstens. »Und Glühwein im Schnee ist eine wahre Wonne.« Heute trinken sie auf ihre Freundin Heidi, es ist der fünfte Todestag. Vor dem Anstoßen besuchen sie das Grab. So wird niemand vergessen, nur weil er gestorben ist. Und nein, sie würden nicht nur über den Tod sinnieren. Sie wollen nicht einmal gern verraten, wie alt sie sind. Er sei 70, sagt Carstens dann doch. »In dem Alter sind die Tage gezählt. Man muss sich damit abfinden, dann kann man es im Mausoleum genießen.«

Im »Mauso«, wie seine Frau sagt, bekommt jeder einen Plastikbecher mit Rosé. Es gibt Kekse und Brötchen. Zum Rauchen muss man nicht vor die Tür gehen, Aschenbecher stehen bereit. Manchmal sitzen sie stundenlang da. Jemand erzählt von der Jagd, ein anderer vom Hochbegabtenseminar seines Enkels. Und alle reden über das Mausoleum.

Keiner hatte sich darum kümmern wollen, das erfuhr Werner Carstens, als er vor fast zwölf Jahren zufällig mit dem Fahrrad vorbeikam. Er sprach mit der Friedhofsverwaltung. Das Nutzungsrecht über 25 Jahre für die zwölf Meter hohe »Wahlgrabstätte mit herausgehobenem Niveau« kostete ihn gut 8.000 Euro und das Versprechen, viele Tausend Euro mehr für die Restaurierung auszugeben.

Carstens führte einst eine Baufirma. Genug Geld hatte er auch. Also restaurierte er. Er setzte Panzerglas ein, damit niemand die Fenster einwerfen kann. Er erneuerte den Marmorfußboden. Er strich die Kuppel. Er hängte eine Platte über die Tür mit dem Spruch »Alles hat seine Zeit«. Er verliebte sich in Karin, die seitdem für die Inneneinrichtung zuständig ist.

Bei der Arbeit auf dem Friedhof lernte das Paar andere Mausoleumsfreunde kennen. Es sei im Grunde wie in einem Kleingartenverein, sagt Carstens. Nur dass sie keinen Garten hätten. »Hier gibt es die Bestätigung von außen, dass es sinnvoll ist, was man tut.«

Inzwischen kommen zu den Treffen auch Freunde ohne Grabstelle. »Anfangs waren die Leute ein bisschen andächtig, aber das löste sich mit der Zeit«, sagt Carstens. Am Totensonntag soll es wieder so weit sein. Dann werde ein größeres Fest gefeiert, »das machen wir seit ein paar Jahren«, sagt seine Frau. Sie wollen der Toten gedenken, dafür sei der Tag schließlich da, nur fröhlich solle es sein. Um die 40 Leute werden erwartet. Und dazu Passanten, die es anfangs immer befremdlich fänden. »Aber viele sind sehr aufgeschlossen«, sagt Carstens.

Von Mittag an soll es Glühwein und Schmalzbrote geben, so steht es auf der Einladung. »Die Friedhofsverwaltung lässt extra das Tor länger auf«, sagt Carstens. So müsse niemand um 18 Uhr nach Hause gehen. »Man hat hier absolute Ruhe. Draußen wird man belästigt, auch von Nachbarn.« Draußen, das ist außerhalb des Friedhofs, da, wo alle noch leben.