Spiegel Online etwa ist auf über 100 Journalisten gewachsen und macht seit mehreren Jahren Gewinn. Der österreichische Standard ist im Internet rentabler als in seiner gedruckten Form, und Politico, eine Internetseite, die sich mit der US-Politik befasst, hat sich als Stimme neben der New York Times etabliert.

Erfolgsgeschichten gibt es auch von gedruckten Blättern zu erzählen, nur nicht so viele: Die ZEIT und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung haben in den vergangenen Jahren ihre Auflage gesteigert, auch unterhaltende Magazine wie Landlust. Aus dem Nichts heraus verkauft die monatliche Zeitschrift übers schöne Leben auf dem Land mehr als eine Million Exemplare.

Während der Wandel also bei den einen zu neuen Freiheiten und Möglichkeiten führt – endet er für andere im Chaos. In Trauer.

Wir haben über Jahre die Chancen genossen.

Nun wird die Zerstörung sichtbar.

Die Financial Times Deutschland hatte stets eine überschaubare Leserschaft. Dennoch hat sie weit über den Kreis ihrer Käufer hinaus gewirkt. Viele junge Wirtschaftsjournalisten, die heute bei Spiegel, ZEIT oder Süddeutscher Zeitung arbeiten, bekamen bei der lachsrosa Zeitung ihre erste Chance. Ihre Redakteure wurden mit vielen renommierten Preisen prämiert – und die Zeitung für ihr Layout.

Diese Pleite und die nicht enden wollende wirtschaftliche Krise anderer Blätter verändern die Debatte über den Journalismus. Erste Experten fordern Staatshilfen; Stiftungen sollen Zeitungen fördern oder gleich ganz übernehmen. Aber braucht das geschriebene Wort wirklich ein garantiertes Existenzminimum in Milliardenhöhe wie ARD und ZDF? In Frankreich hat es den Zeitungen nicht gutgetan, dass sich wahlweise der Staat oder scheinbar philanthropische Industriebarone eingemischt haben. Die Leser liefen in Scharen davon

Wer den Qualitätsjournalismus sichern will, muss sich von alten Vorurteilen lösen. Denn dem Wandel folgt die Angst auf dem Fuß, und sie verengt den Blick auf die Realität. Dabei lautet die Frage stets aufs Neue: Was wissen wir heute über morgen?

Der Gegensatz von gedruckter Presse und Onlinemedien existiert nicht mehr. Die Kategorien sind unzutreffend, falsch. Denn wohin gehört nun eine New York Times? Mindestens ein Viertel ihres Umsatzes erwirtschaftet sie inzwischen digital – mit dem gleichen Journalismus, für den sie immer schon berühmt war. Da kann man gar nicht sagen, die New York Times sei noch eine Zeitung. Medienhaus träfe es besser (siehe Interview).

Auch die alte Angst der Zeitungsleute, sie verlören ihre Leser, während sich Millionen um die Onliner scharten, beruht auf falschen Annahmen. Der Geschäftsführer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Tobias Trevisan, rechnet vor, dass faz.net 3,8 Millionen sogenannte unique visitors habe. So viele Menschen schauen also jeden Monat mindestens einmal bei faz.net vorbei. Aber nur 225000 Leser informieren sich dort jeden Tag, und wiederum nur 75000 davon lesen mehr als drei Artikel. Solche Größenverhältnisse sind für Onlinemedien nicht untypisch.

Was heißt das für die ewig wiederkehrende Forderung, Online-Nachrichtenseiten sollten von allen Lesern eine Abonnementgebühr kassieren? Die Zahlen lassen eigentlich nur den Schluss zu: Die Mehrheit der Leser sollte man nicht am Kommen und Gehen hindern – und sich stattdessen um jene Minderheit bemühen, die sich faz.net verbunden fühlt und die damit vielleicht auch den Artikeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuneigt. Ihnen könnte man ein digitales Angebot machen, für das es sich zu zahlen lohnt: also zum Beispiel faz.net plus einen Teil der FAZ auf Laptop oder iPad.

Auf dem iPad betreten alle Beteiligten endgültig das gleiche Spielfeld. So sagt der Digitalchef von Spiegel Online und Spiegel, Mathias Müller von Blumencron: Bereits ein Drittel seiner Leser greife über mobile Endgeräte auf die Artikel zu. Die meisten von ihnen nutzen ein Smartphone, aber immer mehr eben auch einen Tablet-Computer. Müller von Blumencron erwartet, dass sich diese Entwicklung fortsetzt und beschleunigt. Zugleich steuert das Magazin Spiegel auf 50000 zahlende Abonnenten für seine iPad-Ausgabe zu. Das entspricht immerhin fünf Prozent der verkauften Auflage.

Wenn die alten Widersacher einander nicht mehr eingerollte Magazine und Computerkabel um die Ohren schlagen können, dann geht es nur noch um guten Journalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen und um die Bedingungen, unter denen er entsteht.

Allerdings hat Vielfalt ihre Grenzen. Vor 15 Jahren gab es sechs ernst zu nehmende überregionale Zeitungen und drei solche Magazine. Heute ist die Zahl der aktuellen Medien, bei denen das geschriebene Wort im Mittelpunkt steht, auf das Dreifache gewachsen. Mindestens. Dass da nicht alle überleben können, ist erwartbar und für die Gesellschaft nicht gleich ein Schaden. Außerdem war an den zuletzt Gescheiterten der Zeitgeist schon eine Weile vorbeigezogen. Hatte die Frankfurter Rundschau einst im linksliberalen Milieu der siebziger Jahre ihre größten Erfolge, wurde die Financial Times Deutschland zur Hochzeit des Wirtschaftsjournalismus vor zwölf Jahren gegründet. Damals strebten Dutzende junger Firmen und staatliche Exmonopolisten an die Börsen, und diese Unternehmen steckten ungezählte Werbemillionen in Blätter, in denen es um Wirtschaft, die Börse und generell um Anlegerthemen ging.

Wenn es jedoch heute auch Titel wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schwer haben, wenn die Süddeutsche Zeitung bei allgemein guter Wirtschaftslage einen enormen Anzeigeneinbruch verzeichnet, muss es dafür noch eine andere, eine weit bedrohlichere Ursache geben.

Die größte Herausforderung für alle Wort-Medien ist und bleibt der Werbemarkt.

Die Verlage haben in den vergangenen zwölf Jahren Milliarden Euro im Anzeigengeschäft verloren – welche die deutschen Onlinemedien aber nicht gewonnen haben. Zusammen erlösten sie derzeit gerade mal 200 Millionen Euro, heißt es in Branchenkreisen. Das Geld ist woanders. Es folgte den Verbrauchern zu den Online-Stellenmärkten, zu Autobörsen und Immobilienportalen. Es hat die Medienindustrie verlassen.

Geblieben sind die großen Kampagnen, mit denen Konzerne wie BMW und Daimler ihre Marken pflegen. Wenn es sie nicht gäbe, würden Zeitungen und Zeitschriften fast doppelt so viel kosten wie heute. Doch auch dieses letzte große Anzeigengeschäft ist in Gefahr geraten.