Branche in der KriseIm Sturm

Wie guter Journalismus überleben wird – und was wir heute über morgen wissen von 

Das iPad quillt über. Der Bahnhofskiosk ist ein Gewitter für die Augen. Gefühlte Zillionen Internetseiten, Foren und Blogs saugen Aufmerksamkeit und erlauben Teilhabe. Im Kurznachrichtendienst Twitter drängen sich Hinweise auf neueste Meldungen so dicht – da wirkt jede Klage hohl, es drohe ein Mangel an Journalismus.

Es ist doch eher umgekehrt: Viele Menschen wünschen sich weniger, nicht mehr Medien. Morgens im Bad läuft der Deutschlandfunk. Spiegel Online liefert in die U-Bahn, und abends, auf dem Sofa, sehen Millionen Zuschauer wie eh und je die tagesschau, wenn auch nicht unbedingt um 20 Uhr, sondern dann, wenn sie Zeit haben. Dann holen sie sich die Nachrichten aus der Mediathek. Wahlweise auch heute-journal, tagesthemen, Monitor, Report, Panorama, hart aber fair, Günther Jauch, Sandra Maischberger.

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Guter Journalismus ist noch keine Mangelware, und wer die ausgezeichneten Reportagen und Analysen liest, die der Henri-Nannen-Preis jedes Jahr in einem Wälzer zusammenbindet, muss zu dem Schluss kommen: Besser war der Journalismus nie.

Doch es hat eine harte, eine unerbittliche Auslese begonnen. Nach Jahren des Nebeneinanders gedruckter und digitaler Medien und nach einem Jahrzehnt der wachsenden Medienvielfalt bekommt das Publikum erste Verlierer zu sehen: Die Frankfurter Rundschau ist insolvent, die Financial Times Deutschland wird eingestellt, und die Süddeutsche Zeitung bereitet große Einsparungen vor. Die Lage ist ernst. Wie kann, wie wird guter Journalismus unter diesen Umständen überleben?

Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tut sich dieses Jahr ein Millionenverlust auf, und an ihr wird das Drama besonders deutlich. Kein Feuilleton stößt so viele Debatten an wie das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Es stellt sich seit Jahren dem intellektuellen Wandel, treibt ihn an, weshalb sich viele Vordenker der Internet-Avantgarde dort auch gut aufgehoben und ernst genommen fühlen. Dennoch ringt der Verlag um seine Zukunft, denn Respekt und Wertschätzung gehen im digitalen Zeitalter bisher nicht sicher mit wirtschaftlichem Erfolg einher. Wenn aber die FAZ unterginge, es würde alles verändern.

Das sieht der Leser (noch) nicht, und deshalb fehlt oft der Blick dafür, was fehlen würde, wenn er fehlte: der gute Journalismus. Eine Gesellschaft bleibt durch ihn im steten Gespräch mit sich selbst, und dafür ist der schreibende Journalismus entscheidend. Denn was steht am Anfang einer Twitter-Kaskade? Oft genug ein Artikel. Populäre Fernsehsendungen mögen mehr Menschen erreichen. Aber Fernsehredakteure und -moderatoren bedienen sich hinsichtlich Themenwahl und Interpretation bei Zeitungen, Magazinen und großen Onlineportalen. Das geschriebene Wort steht am Anfang jeder gesellschaftlichen Debatte, doch nun spürt es die volle Wucht der Digitalisierung. Es geht nicht um jedes Wort, sondern um jene, für die auch die ZEIT steht. Die ökonomischen Verhältnisse sind unsicher wie seit Jahrzehnten nicht, vielerorts sind sie prekär, und so ruft der Vorstandschef des Axel Springer Verlags, Mathias Döpfner, dieser Tage dazu auf, dass die Verlage gemeinsam neue Finanzierungswege suchen sollten.

Es gibt aber nicht nur Verlierer. Während sich die einen sorgen, erzeugt der digitale Wandel andernorts großen Optimismus.

Leserkommentare
  1. Gleichgrauer Einheitsbrei mit ein paar um's Überleben kämpfenden Leuchttürmen. Allerdings scheinen vom Einheitsbrei angewiderte Leser zu faul zu suchen zu sein oder aus Gewohnheit am Altbekannten festhalten zu wollen. Möglicherweise in der (vergeblichen Hoffnung) auf Besserung. Alternativen gibt es durchaus, die allerdings mangels Leser, Bekanntheitsgrad oder weil Behörden ihnen das Leben schwer machen regelmäßig um's Überleben kämpfen, unter prekären Bedingungen versuchen, tatsächlich sowas wie Qualität zu liefern...
    "Sie lügen wie gedruckt, wir drucken, wie sie lügen!" Unter diesem Motto finden sie hier: http://www.jungewelt.de/2012/11-27/033.php z.B. auch nicht-mainstreamige und Hintergründe beleuchtende Artikel zur Syrienproblematik u.a.

    • Sikasuu
    • 29. November 2012 16:13 Uhr

    SPON, ZON, SZ, taz, FAZ ......
    .
    Die Unterschiede, wenn man vom Stil einmal absieht, befinden sich im Minutenbereich beim "ins Blatt stellen" der Agenturen. Einzig die taz glänzt durch andere Schwerpunkte und mit einer selbstständigen Regionalberichterstattung.
    .
    Das die SZ einen Münchener Teil hat ist wohl bekannt:-))
    .
    Eigene Berichte, vertiefte Recherchen, selbst Kommentare mit etwas mehr Gehalt sind seltene Lichtblicke geworden. Tempo, Einspaltig 100.... zu viel mehr reicht es nicht.
    .
    90% der Nachrichten werde auch von den Hörfunknachrichten abgedeckt.
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    Auf Tempo kann ICH in einer Zeitung (auch online) verzichten. Tiefe und Verküpfung mit anderem Material sind da vierl wichtiger.
    .
    Mit "Qualität" dürfte auch im Netz Geld zu verdinen sein, wenn
    a. die Qualität sichtbar würde und
    b. ein einfaches, auch anonuemes Verfahren gefunden wird, diese Qaulität zu bezahlen.
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    Meint
    Sikasuu
    .
    Ps. In Zeiten von adblock und No-Script auf Werbung zu setzen? Ob das ein guter Weg ist?
    .
    Pps. Wenn ich mir die geblockten Verküpfungen zu Facebook,Twitter,.... usw. anschaue, bekomme ich das grusseln! Für wen sind diese "Blätter" und der Inhalt denn da?
    Für Marktbeobachtung oder um Inhalte zum Leser zu transportieren?

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    Versuchen Sie's mit guten Wochen- oder Monatzeitschriften, mit etwas Suchen findet man schon was:
    Freitag, jungle world, ...

  2. Versuchen Sie's mit guten Wochen- oder Monatzeitschriften, mit etwas Suchen findet man schon was:
    Freitag, jungle world, ...

  3. einer Meinung sind in zentralen Fragen von der Quotenfrau über den Einsatzfrieden am Hindukusch bis zur Wende-Energie, weshalb brauchen wir dann soviele VERSCHIEDENE Zeitungen? Wenn keine mehr den Mut zu abweichender Meinung hat, reicht EINE freundlicher Weise von der Regierung wohltätig geförderte (sowas wurde ja schon angekündigt) Einheitsgazette für die die zu meinende Einheitsmeinung. Die vielen nur scheinbar VERSCHIEDENEN Medien, die alle dasselbe plappern, sind überflüssige Ressourcenverschwendung.

    Die Journalisten können ihre Fähigkeiten sinnvoller anderswo einbringen als nachplappernd in Nachplapperblättern. Wer immer ECHTE MeinungsVIELFALT auf argumentativ hohem Niveau bietet, egal ob auf Papier oder im Netz, wird zahlungswillige Leser finden.

    Ob das noch in Zeitungen stattfinden wird, das hängt...

    ...von den Zeitungen ab.

  4. Die Damen und Herren aus den Redaktionen sollten sich einfach mal Bespiele aus den eigenen Archiven suchen und sich daran orientieren. Da gab es Meinungspluralismus und jedes Blatt stand für seine eigene Sichtweise.
    Heute plappern doch alle nur unkritisch den Einheitsbrei der Pressesprecher und Presseabteilungen der Unternehmen nach - ohne die notwendige journalistische Reflexion - und deshalb bleibt aufgrund des gestiegenen Aktualitätsbedürfnisses nur ein meinungsloser Einheitsbrei. Wie einige Vorkommentatoren schon richtig bemerkt haben: Qualitätsjournalismus setzt sich auch heute durch - unabhängig vom Medium. Also Liebe Journalisten: Bitte traut euch wieder was und hört auf nur nachzuplappern. WER WAS ZU SAGEN HAT WIRD AUCH HEUTE GEHÖRT!

  5. 14. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Die Redaktion/au.

  6. 15. Ah ja

    "– da wirkt jede Klage hohl, es drohe ein Mangel an Journalismus.

    Es ist doch eher umgekehrt: Viele Menschen wünschen sich weniger, nicht mehr Medien."

    Ich möchte anmerken, dass Medien nicht mit dem im Artikel gefeierten (Qualitäts-)Journalismus - in Deutschland nur vereinzelt anzutreffen - gleichzusetzen sind. RTL ist schliesslich auch ein Medium, aber Qualität sehe ich da keine. Und genau dieser Unterschied scheint vielen "Journalisten" völlig abzugehen. Fakten werden nicht hinterfragt, sondern der Pressesprecher von XYZ wird schon nicht geflunkert haben. Investigatiever Journalismus? Mangelware. Fähige Autoren, die den Unterschied zwischen berichten und bewerten erkennen? Schreiben vermutlich Bücher...
    Mediaplag wäre außerdem eine interessante Idee: Welche Zeitung hat welchen Artikel einfach nur von der Konkurrenz kopiert (im Vertrauen, der Urheber hätte die Fakten geprüft)? Wer knallt einfach nur leicht gestreckte dpa-Meldungen auf seine Homepage? Gerade in den online-Ausgaben würden da beachtliche Schnittmengen auftauchen, fürchte ich.

  7. 16. DANKE!

    ich danke allen kommentatoren - irgendwie sprecht ihr mir alle aus der seele! ;-)

    besonders schlimm finde ich teilweise die "zensurorgien" im kommentatorenbereich, wenn die leser partout anderer meinung sind, und sich kritisch gegen die "linie" des artikels/zeitung stellen.

    p.s. gelegentlich gönne ich mir eine printausgabe der "jungen welt" - ansonsten gibt es im netz etliche quellen für eine differenzierte berichterstattung.

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    An dieser Stelle muss ich sogar einmal ein Lob an "Die Zeit" geben, da diese m. E. noch mit Abstand am Liberalsten mit Zensur umgeht.

    Es geht schon damit los, dass hier alle Kommentare grundsätzlich ohne Prüfung sofort freigeschalten werden. Bei der Konkurrenz findet oft schon eine Vorzensur statt.

    Und wenn hier eingegriffen wird, ist dies m. E. oftmals sogar berechtigt, wenngleich es auch hier sicherlich Streitfälle gibt, über die ich mich auch schon sehr geärgert habe.

    Aber was z. B. bei Spiegel und Welt zensiert wird, ist mehr als bedenklich und beängstigt mich zugleich. Beim Spiegel werden die Kommentare oftmals nicht freigeschalten und bei der Welt werden regelmäßig Kommentare entfernt, bei denen man den Grund absolut nicht erkennen bzw. nachvollziehen kann. Und dabei weiß ich schon zwischen Beleidigung, Offtopic, Wiederholung, Pöbelei und Verlagsinteressen zu unterscheiden. Trotzdem kann ich mir die Zensur vielfach nicht erklären. Es macht mir Angst, wenn ich dann sehe, welche Leute teilweise an den Schalthebeln der sog. "Vierten Gewalt" sitzen.

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