Musical "Anglo"Die Ballade vom faulen Kredit

Kann man die Bankenkrise besingen? Das Musical "Anglo" in Dublin versucht es – und lässt die Puppen tanzen. von Peter Münder

Szene aus einem Youtube-Video von den Proben zu "Anglo"

Szene aus einem Youtube-Video von den Proben zu "Anglo"  |  © Screenshot ZEIT ONLINE/Youtube

In Athen und Madrid Streiks und Straßenschlachten, die Bevölkerung hat genug von all den Sparbeschlüssen, längst ist der Gürtel zum Engerschnallen überstrapaziert. Doch in Dublin, wo man nach den großen Sprüngen des keltischen Tigers und einem aberwitzigen Immobilienboom im Herbst 2008 durch den Lehman-Brothers-Kollaps in einen Pleitenstrudel samt rigoroser Steuererhöhung gerissen wurde, scheint man das alles lockerer zu sehen. Hier platzt die Immobilienblase jetzt post festum in einem Musical namens Anglo, das singende Muppets beim Abschleppen vollgestopfter Geldsäcke zeigt. »Krise, staune, gute Laune«, scheint das Motto des Bühnenstücks zu sein, in dem die Gierigen und Größenwahnsinnigen als Puppen vorgeführt werden, während die einfachen Leute von Schauspielern dargestellt werden.

Anglo behandelt die Bruchlandung der privaten Anglo Irish Bank, die zwar nur acht Filialen betrieb und keine Geldautomaten besaß, es aber fertigbrachte, mit faulen Krediten 35 Milliarden Euro in den Sand zu setzen und vor vier Jahren für die größte Finanzkrise Irlands zu sorgen. Eine Polit-Establishment-Clique sorgte dafür, dass die Anglo-Verluste verstaatlicht und vom Steuerzahler übernommen wurden. Kann man diese Geschichte als Musical präsentieren?

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»So etwas würde ich mir auf keinen Fall ansehen«, grummelt Ciaran Carpenter, ein Bürger Dublins, hier zitiert als Volkes Gegenstimme. »Es sei denn, man zeigt auf der Bühne, wie die Banker alle im Knast landen! Wir zahlen mit Einkommensverlusten die Zeche für diese irren Pleiten und lesen jeden Tag in der Zeitung, dass sich Banker und Exmanager mit 500.000-Euro-Pensionen einen schönen Lenz machen – und darüber sollen wir noch lachen?«


Der für das Desaster wohl verantwortliche ehemalige Anglo-Oberbankster fehlt im Stück: Sean Fitzpatrick, im vergangenen August auf dem Dubliner Flughafen verhaftet, muss sich jetzt wegen betrügerischer Aktienmanipulationen vor Gericht verantworten. Er hat inzwischen Privatinsolvenz angemeldet und lebt angeblich von 188 Euro im Monat. Seine Anwälte warnten den Musical-Produzenten zehn Tage vor der Premiere, eine ihm ähnelnde Figur auf die Bühne zu schicken. Dadurch würde das laufende Verfahren negativ beeinflusst. Auch der Generalstaatsanwalt intervenierte. Also sah sich der Musical-Produzent Darren Smith gezwungen, die fetzigen Passagen des Pleitiers Fitzpatrick aus dem Skript des irischen Bestsellerautors Paul Howard zu streichen und den schrumpeligen Langnasen-Muppet-Fitzpatrick in den Fundus auszulagern.

Ist dadurch eine kritische Perspektive verloren gegangen? »Nein, das finde ich nicht, diese Änderungen haben uns nicht aus dem Tritt gebracht«, sagt Produzent Smith. »Mit Paul Howard habe ich die neue Version in drei Stunden fabriziert.«

Howard genießt Berühmtheit als Erfinder des Rugby-Fanatikers Ross O’Carroll-Kelly, des Roman-Serienhelden, der auch noch im zwölften Band, The Shelbourne Ultimatum, in heikle Wirrungen gerät. Howard hatte den Job als Musical-Autor begeistert angenommen. Leicht fiel ihm das Schreiben nicht, denn er hatte Zustände satirisch zu überhöhen, die in der Realität schon unglaublich schienen. Wer hält es für möglich, dass der alkoholisierte Brian Cowen, Premierminister von 2008 bis 2011, kurz vor dem Ablauf der Rettungsschirm-Frist im November 2010 ein Fax aus einem Pub an die EZB schickte, in dem er garantierte, seine Regierung werde mal eben für 440 Milliarden Euro aufkommen? Klingt nach einem Titanic- Jux, wird aber vom amerikanischen Autor Michael Lewis in Boomerang mit Hinweis auf vier glaubwürdige Zeugen so geschildert.

Nun heißt der Top-Anglo-Boy also Rich. Als einziger Geldmann wird er nicht von einem Muppet dargestellt. Rich tänzelt im Jackett, untenherum nur in Boxershorts, mit einem Golfschläger vor seiner tempelartigen Bank herum, ruft seinen Butler, ihm die Hose zu bringen, und die Zuschauer jubeln: Der grummelnde Muppet-Diener ist als Ex-Premier Bertie Ahern sofort zu erkennen. Der hatte die Pleite lange Zeit verharmlost und sich über Kritiker empört, denen er empfahl, sich einfach umzubringen.

Mark O’Regan spielt den geldgeilen Rich als egomanischen »Master of the Universe«. Er versteht die Skeptiker nicht, die an der Botschaft »Kredite machen glücklich« zweifeln: Die Kohle ist da, man muss sie nur wegschaufeln, günstig an Häuslebauer und Spekulanten weitergeben, und alle sind froh – wo ist das Problem?

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