Missbrauchsopfer : Sagen, was war

Andreas Huckele wurde als Schüler jahrelang missbraucht. Er hat ein Buch darüber geschrieben und wird nun mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt.

Andreas Huckele ist ein Sportler der langen Strecke. Halbmarathon, Marathon, Triathlon, immer auf Ausdauer. Er kennt den Unwillen vor dem ersten Schritt und weiß, wie man Muskelkrämpfe einfach unterdrückt. Mehrmals hat er sich bei Stürzen die Knochen gebrochen. Nach ein paar Wochen saß er wieder im Sattel. »Man muss den Schmerz akzeptieren«, sagt Huckele. Dann komme man irgendwann ins Ziel.

Am kommenden Montag geht für Huckele ein anderer Lauf vorläufig zu Ende, eine Art Lebens-Lauf. An diesem Tag erhält er den Geschwister-Scholl-Preis. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadt München ehren damit Autoren, die besonderen Mut bewiesen haben. Meist geht der Preis an bekannte Literaten oder Journalisten aus dem Ausland, so wie 2011 an den chinesischen Dissidenten Liao Yiwu oder zuvor an Roberto Saviano, den Vertreter der Antimafiabewegung. Erhalten Deutsche die Auszeichnung, dann beschäftigt sich deren Werk meist mit dem Unrecht der Nazidiktatur oder der DDR.

Bei dem diesjährigen Preisträger sieht das anders aus. Sein Lebensthema kreist um ein Verbrechen, das sich in der Mitte der Bundesrepublik zutrug und das bis heute anhält: die sexualisierte Gewalt an Minderjährigen. Auch hat sich Andreas Huckele zuvor keinen Namen als Autor gemacht. Kaum jemand wusste überhaupt, dass er ein Buch geschrieben hat, erschien das Werk doch unter Pseudonym.

Andreas Huckele

geboren 1969, war von 1981 bis 1988 auf der Odenwaldschule. Sein Buch »Wie laut soll ich denn noch schreien?« schrieb er unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers

In seinem Buch Wie laut soll ich denn noch schreien? schildert Huckele alias Jürgen Dehmers in direkten, schnörkellosen Worten seine Leidenszeit Anfang der achtziger Jahre als Schüler der Odenwaldschule (OSO), des einstigen Vorzeigeinternats der linksliberalen Bundesrepublik. Unzählige Male wurde Huckele als Pubertierender von dem damaligen Schulleiter, dem bekannten Reformpädagogen Gerold Becker, sexuell missbraucht. Hunderte erlitten ein ähnliches Schicksal. Seit fünfzehn Jahren kämpft Huckele darum, diese Verbrechen publik zu machen. Ohne seine Hartnäckigkeit wäre einer der größten Skandale der Pädagogik in Deutschland vielleicht nie ans Licht gekommen, sicher aber anders verlaufen.

Ein unscheinbares Haus in einer gesichtslosen Vorstadtsiedlung, hier wohnt Andreas Huckele mit Tochter und Partnerin. Lieber würden sie im nahen Frankfurt leben, doch Huckele braucht Ruhe. In der Odenwaldschule hat er sich darauf trainiert, selbst im Tiefschlaf sofort zu bemerken, wenn jemand sein Schlafzimmer betritt. »Seitdem ertrage ich Geräusche nur schwer«, sagt er. Die Stunden als Sportlehrer an einem Oberstufengymnasium hält er nur mit maßgeschneiderten Ohrstöpseln aus. Seit Jahren besteigt er kein Flugzeug mehr und Züge nur noch ungern. Er hält die Vorstellung nicht aus, in einem Raum zu sitzen und nicht mehr rauszukönnen. Dennoch sagt Andreas Huckele lächelnd: »Es geht mir gut.«

Tatsächlich merkt man dem 43-Jährigen die Spuren seiner Vergangenheit nicht an. Stark wirkt er, entschlossen. Wenn man ihm zuhört, wie er ruhig, fast analytisch die Verletzungen an Körper und Seele beschreibt, die der Missbrauch mit sich bringt, meint man, das Gesagte könne nicht ihn persönlich betreffen. Auch wenn er von sich selbst spricht. Das liegt nicht an ihm, sondern an der Sache. Sogar als Zuhörer versucht man, das Ungeheuerliche abzuspalten von der Person. Wie die meisten Opfer.

Betroffene pädosexueller Gewalt verbergen ihr Trauma oft tief in sich. Sie schließen ihre Erinnerungen weg, weil sie fürchten, alles noch einmal erleben zu müssen. Oft geschieht das unbewusst. »Sie haben Angst, die Wahrheit fegt sie weg«, sagt Huckele. Noch heute kenne er Mitschüler, die keine Verbindung herstellen können zwischen den Missbrauchserfahrungen und ihrer Arbeitssucht, ihrer Beziehungsunfähigkeit, ihrem Drogenkonsum. Huckele dagegen kam an den Punkt, an dem er sich seinem Schmerz stellen musste. Vielleicht ist das der Grund, warum er es war und keins der vielen anderen Missbrauchsopfer der Odenwaldschule, der auf Wahrheit drängte – als Erster und über all die Jahre am kompromisslosesten.

Auch Huckele hing jahrelang an der Flasche. Das Saufen fing schon während der Schulzeit an. Nur wenn er trank, konnte er seine Unruhe besiegen. »Irgendwann wurde mir klar, wenn ich so weitermache, bin ich bald tot.« Mithilfe der Anonymen Alkoholiker schaffte er es aufzuhören. Nun musste er sich nüchtern den Erinnerungen aussetzen, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Der Extremsport (»Ohne Laufen wäre ich geplatzt«) half ihm dabei, später auch eine Therapie. Und je klarer er den Dämon in sich sah, desto mehr wuchs die Wut: erst auf seinen Peiniger, dann auf dessen Nachfolger an der Schule, die immer nur zugegeben haben, was sie zugeben mussten.

»Ich spüre heute noch den Zorn von damals, als ich 1997 Gerold Becker bei einem Altschülertreffen durch die Tür in den Speisesaal kommen sehe, der so tat, als sei alles in bester Ordnung.« Zusammen mit einem Schulfreund verfasste Huckele den ersten Brief, in dem er die Schule mit ihrer Schuld konfrontierte. Selbst als die Veröffentlichung des organisierten Missbrauchs an der OSO durch einen Artikel in der Frankfurter Rundschau 1999 ohne jede Konsequenz blieb, gab er nicht auf. Auch wenn es der Moment war, da er an der Welt zweifelte. »Ich beschreibe einen grünen Affen, während alle anderen einen blauen Affen sehen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl der Fassungslosigkeit.«

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Jury...

Der Jury sei Dank, denn ohne sie würde sich doch niemand um das Buch kümmern.

Wäre schön, wenn die unseligen Verjährungsfristen für solche tiefgreifenden Vergehen an Kindern und Jugendlichen aufgehoben würden.

Denn "natürlich" klagen die Kinder und Jugendlichen nicht an und ihnen wird es spät bewusst, wie tiefgreifend und prägend gerade diese Vergehen in dieser sensiblen Phase des Lebens waren.

Ich finde das alles sehr traurig und hoffe auf eine Justizreform, die sich auch den Jüngsten unserer Gesellschaft ernsthaft annimmt.

Bislang haben wir de facto Täterschutz.

Täterschutzprogramm?

Es ist an der Zeit die Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch entweder abzuschaffen oder doch zumindest zu verdoppeln.

Ich erlebe einen solchen Fall gerade in meinem privatem Umfeld.

Die Schuldgefühle und Gewissensbisse des Opfers, weil es den Kontakt zu(m) den Täter(n) abgebrochen hat, und daraufhin die gesamte Sippe den Kontakt zu ihm/ihr abgebrochen hat, weil "sie/er ist/sind doch schon so alt, und dies ist doch alles so lange her.", ...

Der psychische Druck, der das frühere Opfer erneut zum Opfer macht: "Vielleicht bildest du dir alles nur ein.". "Du warst also beim Psychologen. So so.", und als "gaga" abstempelt, erzeugt natürlich weitere Schuldgefühle.

So gesehen verwundert mich die Tendenzen innerhalb von "Glasbrechen" hin zu mehr Kompromissbereitschaft in keiner Weise.

Herrn Huckele wünsche ich alles Gute und die Kraft auch weiter seinen Weg zu gehen.