Missbrauchsopfer : Sagen, was war
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Für Huckele sind die Verjährungsfristen eine Art "staatliches Täterschutzprogramm"

Auch diese Redaktion griff das Thema nicht auf, obwohl er es der Zeitung (»Ich war ZEIT-Leser«) sogar als erste anbieten ließ. Man lasse sich »wegen ein paar missbrauchter Kinder die Reformpädagogik nicht kaputt machen«, habe es geheißen. Die Autorenschaft dieses mutmaßlichen Satzes lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Doch Huckele wunderte sich nur kurz: ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff war mit Hartmut von Hentig, dem Vorzeigepädagogen, dem gern gelesenen Autor und eben auch Lebenspartner von Gerold Becker, eng befreundet. Drei ihrer Nichten und Neffen hatten die Odenwaldschule besucht, der jüngste von ihnen war mit Huckele in einer Klasse gewesen. Auch viele andere Würdenträger der Gesellschaft schickten ihre Kinder auf die berühmte Schule.

Vielleicht lässt sich das Versagen auch so erklären. Schon in den achtziger Jahren war die Odenwaldschule nur noch ein Ort linker pädagogischer Beliebigkeit, von dem kaum Impulse ausgingen. Das Gerede von »der besten Schule Deutschlands« glaubte allenfalls die OSO-Gemeinde selbst. Als Huckele anfing, Sport und Politik zu studieren, erhielt er seine erste Hausarbeit ohne Note zurück. Sie war nicht bewertbar. »Ich konnte weder richtig schreiben noch mit Argumenten umgehen, von Orthografie ganz zu schweigen.« Ende der neunziger Jahre dann spielte die Schule in der pädagogischen Debatte überhaupt keine Rolle mehr. Der Name erregte keine Fantasie, weder im Positiven noch im Negativen.

Huckele erinnert das Schweigen im Blätterwald bis heute an das Wegsehen der Lehrer an der Odenwaldschule. Fast alle waren verstrickt in das, was Huckele »das System Becker« nennt. Einige hatten selber Schüler missbraucht, waren etwa Beziehungen zu (älteren) Schülerinnen eingegangen. Sie konnten vielleicht keine Ausbildung als Lehrer vorweisen und hätten anderswo gar nicht ihr Geld verdienen können. Hatten sich in der selbstgefälligen Ideologie, im Odenwald mache das bessere Deutschland Schule, wohlig eingerichtet. Abhängig, erpressbar, ideologisch verblendet – es gab viele Gründe, gegen das »System Becker« nicht den Aufstand zu wagen.

Das Gefühl, sich niemand anvertrauen zu können und keinen zu finden, der das Unrecht Unrecht nennt – »das ist für Missbrauchsopfer fast so schlimm wie der Missbrauch selbst«, sagt Huckele. Er erinnert sich noch gut, wie ihm zum 75-jährigen Internatsjubiläum Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit Hartmut von Hentig und Gerold Becker auf dem Schulgelände entgegenkamen. »Da hat man als 16-Jähriger keine Fragen mehr.« Für die Opfer war das »linksliberale« Internat unter dem Becker-Regime ein totalitäres System mitten in Deutschland, aus dem es für die Kinder kein Entrinnen gab und gegen das kein Erwachsener Widerstand leistete. Weder innerhalb noch außerhalb der Schule. »Für mich führt der Preis eine bestimmte gesellschaftliche Kaste vor«, sagt Huckele. Die Jury des Geschwister-Scholl-Preises formuliert es so: »Auch darin liegt eine große Leistung dieses Buches: dass es hinweist auf das Versagen von Zivilgesellschaft und Rechtsstaat, von Bürgern, Pädagogen, bis hin zu Presse und Justiz, die darin scheitern, die Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen sicherzustellen, wie es die UN-Charta für die Rechte der Kinder verlangt.«

Mittlerweile wird es Betroffenen leichter gemacht, sich Gehör zu verschaffen. Es gibt einen Bundesbeauftragten für Missbrauch und Opfer-Hotlines von Staat und Kirchen. »Menschen trauen sich heute eher als vor ein paar Jahren, zu sagen, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind«, meint auch Huckele. Das ist auch sein Verdienst, der mit seinem Buch in Worte fasste, was bis dahin noch niemand so zu Papier gebracht hatte, und jetzt sogar sein Pseudonym lüftet.

Enttäuscht hingegen wurde die Hoffnung auf bessere Entschädigungen. Der angekündigte bundesweite Hilfsfonds ist nicht in Sicht. Die Stiftung der Odenwaldschule hat bislang Geld nur an rund zwei Dutzend Betroffene gezahlt; je nach Fall zwischen 4.000 und 20.000 Euro, einen Bruchteil dessen, was Huckele und seine Mitstreiter fordern. Keiner der Hauptschuldigen musste sich je vor Gericht verantworten, mittlerweile sind alle tot.

Für Huckele sind die Verjährungsfristen eine Art »staatliches Täterschutzprogramm«. Nach Verstreichen der Frist machten viele Täter die Betroffenen per Rechtsanwalt mundtot. »Die Opfer erleben ihre Ohnmachtsgefühle noch einmal. Andere Länder kennen solche Regelungen nicht. Wer verfolgt hat, wie in England (BBC) oder den USA (Penn-State-Universität) offizielle Stellen für Aufklärung und Sanktionen sorgten, nachdem die Missbrauchsskandale publik wurden, der weiß, dass Deutschland noch einiges besser machen kann.

Ähnliches gilt für viele pädagogische Einrichtungen. Die Abwehrparolen von Schulen und Vereinen lauten: Es passiert nicht hier! Es passiert nicht jetzt! Es sind Einzeltäter! Es ist nicht so schlimm! »Wie an der Odenwaldschule«, sagt Huckele. Seit einiger Zeit trägt er die Schlussfolgerungen aus seinen Erfahrungen als früheres Opfer und heutiger Lehrer auch öffentlich vor, an Universitäten vor Lehramtsstudenten, vor Pädagogen. Folgt man den Erhebungen, dann sitzen in jeder Klasse Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die meisten in der Familie, andere im Verein oder auf dem Pausenhof. Doch kaum eine Schule habe darauf eine Antwort, schärft Huckele seinen Zuhörern ein. Die Anfragen nach Vorträgen werden wohl zunehmen, nachdem er sein Pseudonym gelüftet hat. Er wolle kein Parallelleben mehr führen, sagt Huckele. Es ist vielleicht ein weiterer Schritt, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und bei sich zu sein. Die Probleme mit anderen bleiben. »Die einzige Person, der ich vertraue, bin ich selber.«

Stets begleitet ihn die Angst, etwas tun zu müssen, was er nicht will. Er reagiert empfindlich, wenn andere die Odenwaldschule nicht genau so sehen wie er. Einen Spielfilm des WDR über die OSO, der Fakten mit Fiktion mischen will, möchte er am liebsten verhindern. Stattdessen arbeitet er dabei mit, sein eigenes Buch zu verfilmen. »Da wird jede Szene den Tatsachen entsprechen.« Im Verein »Glasbrechen«, dem Zusammenschluss der OSO-Opfer, rumort es. Huckele findet seine Mitstreiter zu kompromissbereit, einige von ihnen finden ihn dominant. Auch böse Worte fallen da, etwa vom »Macht-Missbrauch«, noch schlimmer: »Methoden wie bei Becker«.

Ein bisschen waren die vergangenen Jahre wie Krieg für Huckele. Jetzt fragt er sich, ob er »friedensfähig« werden kann.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Jury...

Der Jury sei Dank, denn ohne sie würde sich doch niemand um das Buch kümmern.

Wäre schön, wenn die unseligen Verjährungsfristen für solche tiefgreifenden Vergehen an Kindern und Jugendlichen aufgehoben würden.

Denn "natürlich" klagen die Kinder und Jugendlichen nicht an und ihnen wird es spät bewusst, wie tiefgreifend und prägend gerade diese Vergehen in dieser sensiblen Phase des Lebens waren.

Ich finde das alles sehr traurig und hoffe auf eine Justizreform, die sich auch den Jüngsten unserer Gesellschaft ernsthaft annimmt.

Bislang haben wir de facto Täterschutz.

Täterschutzprogramm?

Es ist an der Zeit die Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch entweder abzuschaffen oder doch zumindest zu verdoppeln.

Ich erlebe einen solchen Fall gerade in meinem privatem Umfeld.

Die Schuldgefühle und Gewissensbisse des Opfers, weil es den Kontakt zu(m) den Täter(n) abgebrochen hat, und daraufhin die gesamte Sippe den Kontakt zu ihm/ihr abgebrochen hat, weil "sie/er ist/sind doch schon so alt, und dies ist doch alles so lange her.", ...

Der psychische Druck, der das frühere Opfer erneut zum Opfer macht: "Vielleicht bildest du dir alles nur ein.". "Du warst also beim Psychologen. So so.", und als "gaga" abstempelt, erzeugt natürlich weitere Schuldgefühle.

So gesehen verwundert mich die Tendenzen innerhalb von "Glasbrechen" hin zu mehr Kompromissbereitschaft in keiner Weise.

Herrn Huckele wünsche ich alles Gute und die Kraft auch weiter seinen Weg zu gehen.