Es ist kurz vor Mitternacht an einem Dienstag im November, als Yvonne Boulgarides wieder ein Stück Vertrauen in Deutschland verliert. »Das Versprechen, das Angela Merkel gegeben hat, ist eine Farce«, bricht es aus ihr heraus. Sie meint das Versprechen der Kanzlerin, dass alle Taten der rechtsextremen Terrorzelle NSU aufgeklärt werden. Boulgarides ist erschöpft, ihre Augen sind zu Sehschlitzen verengt. Ihr Anwalt sitzt neben ihr auf dem Sofa in ihrer Münchner Wohnung, er balanciert einen Laptop auf den Knien, gerade hat er ihr die Nachricht vorgelesen, dass wieder Akten zum Thema Rechtsextremismus geschreddert worden seien, diesmal vom Berliner Verfassungsschutz. Für Boulgarides ist es der vorerst letzte Höhepunkt in einer Serie aus – sie stockt, wie soll sie es nennen? Ungereimtheiten? Versäumnisse? Pannen bei Polizei und Verfassungsschutz?

Die Worte sind zu schwach, um zu beschreiben, was seit dem vergangenen November passiert ist. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Yvonne Boulgarides erfahren, dass ihr Mann Theodoros, der Vater ihrer beiden Töchter, nicht von einer Bande krimineller Ausländer umgebracht wurde, wie die Polizei jahrelang vermutet hatte, sondern von dem Terrortrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Seitdem sie weiß, dass die NSU-Bande 14 Jahre lang unentdeckt durch Deutschland zog und wahrscheinlich zehn Menschen tötete, geht Yvonne Boulgarides ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Hätte man früher die richtigen Fragen gestellt, wäre Theodoros vielleicht noch am Leben.

Die Jalousien in ihrem Wohnzimmer sind heruntergelassen, die Gardinen zugezogen. Yvonne Boulgarides sitzt mit dem Rücken zum Fenster, abgewandt von der Welt. Sie ist 46 Jahre alt, ihre blonden Haare reichen bis über die Schultern, vor ihr steht ein voller Aschenbecher. Boulgarides ist in Hannover geboren, eine Deutsche, die einen Griechen geheiratet hat. An diesem Abend redet sie mehrere Stunden lang. Manchmal schreit sie fast, manchmal sinkt sie still in sich zusammen, einmal wirft sie die Reporterin beinahe aus der Wohnung. Sie erwartet nichts Gutes mehr von jemandem, der Fragen stellt. Sie hat vielen geantwortet in den hinter ihr liegenden sieben Jahren: Polizisten und Menschen, die sich als Privatdetektive ausgaben, die aber nach Recherchen der ZEIT in Wirklichkeit verdeckte Ermittler waren. Boulgarides weiß, dass auch als Journalisten getarnte Polizisten bei Opferangehörigen wie ihr eingesetzt wurden. Yvonne Boulgarides hat nun selbst viele Fragen.

Vor sieben Jahren, am 15. Juni 2005, steht ihr Mann Theodoros Boulgarides in seinem Schlüsselladen im Münchner Westend, den er zwei Wochen zuvor eröffnet hat. Er ist 41 Jahre alt, seit Kurzem gütlich geschieden und hat eine Freundin. Zwischen 18.30 und 19 Uhr wird er mit drei Schüssen in den Kopf hingerichtet.

Am selben Abend sitzt Yvonne Boulgarides mit ihrer jüngeren Tochter vor dem Fernseher, als das Telefon klingelt. Die Tochter, damals 15 Jahre, hebt ab und redet mit einer Cousine, die Mutter hört die Tochter schreien und dann den Satz: »Papa ist tot.«

Was genau passiert ist, weiß Yvonne Boulgarides noch nicht, als am nächsten Tag Polizisten kommen und sie und die Töchter abholen – zum Verhör. Die drei werden aufs Revier gefahren und voneinander getrennt. Die Mutter hört die schrille Stimme der 15-Jährigen auf dem Flur: Sie sage nichts, bevor sie nicht wisse, was mit ihrem Vater geschehen sei. Erst da erfahren sie, dass er erschossen worden ist.

Immer wieder wird Yvonne Boulgarides im ersten Jahr nach dem Mord vernommen. Die Beamten vermuten Finsteres in Theodoros Boulgarides’ Vergangenheit – Drogen, Prostituierte, Glücksspiel. Bei den Töchtern wird nachgehorcht, ob ihr Vater sie sexuell missbraucht habe. Oder ob ein Freund ihn getötet haben könnte. Schließlich wird Yvonne Boulgarides gefragt, ob sie ihren Mann umgebracht oder jemanden dafür engagiert habe. Sie entgegnet: »Und damit es nicht auffällt, habe ich vorher sechs Türken ermordet?«