Der Papst ist der Einzige, der nicht feiert. Dabei hätte er allen Grund zum Feiern, er ist ja selbst der Anlass und könnte jetzt wirklich ein Glas Prosecco vertragen – auch wenn Vatikan-Insider behaupten, der Heilige Vater trinke höchstens Fanta. Aber leider gibt es zum Erscheinungstag seines neuen Buches keine Releaseparty in Rom. Jedenfalls nicht für ihn.

Erscheinen, offenbaren, verkündigen. Darauf sind sie im Vatikan spezialisiert, und mit dem Zelebrieren haben sie Erfahrung. Aber diesseits der Liturgie fehlt noch die feierliche Form, die auch zum Papst als Gelehrtem passt. Deshalb hat den Spaß an der Buchpremiere hier nicht der Autor. Den haben am vergangenen Dienstag andere. Die Journalisten bekommen von den Verlagen Libreria Editrice Vaticana und Rizzoli eine Einladung mit Goldrand und dazu eine gediegene Pressekonferenz in einem Marmorsaal gleich um die Ecke vom Petersdom. Vorn in der ersten Zuschauerreihe sitzen der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller und der päpstliche Sekretär Georg Gänswein, während auf dem Podium der Kardinal Gianfranco Ravasi eine schwungvolle Rede hält, die er cool mit einem Zitat des Existenzialisten Jean-Paul Sartre beschließt.

Ravasi erntet viel Beifall, und die pointenverliebte Presse gerät in Partystimmung. Später werden die Verleger des neuen Benedikt-Bestsellers (neun Sprachen!, fünfzig Länder!, deutsche Startauflage hunderttausend Exemplare!) noch ein Mittagessen im schönsten Palazzo der Vatikanstadt bekommen, in der freskengeschmückten Villa des Renaissancepapstes Pius IV. Nur der Autor selbst ist bei alledem nicht zugegen. Zwar gibt er zwischendurch in seiner Bibliothek eine Privataudienz für die Verleger, die danach beglückt und gesegnet von dannen ziehen. Aber bald brennt im päpstlichen Arbeitszimmer wieder Licht: Papa Benedetto ist zurück am Schreibtisch.

Vielleicht ist das ja sein Platz. Die Studierstube. Das Nachdenken. Die Einsamkeit. Die toten Kirchenväter. Und immer wieder die Bibel. Er hat jetzt den dritten und letzten Teil seiner Jesus-Trilogie vorgelegt, die er unbedingt fertigstellen wollte – und für den weniger frommen Leser erschließt sich nicht gleich, warum dem Papst, der ja zu seinen Zeiten als Kardinal durchaus Buchtitel machte wie Werte in Zeiten des Umbruchs, gerade die alte Geschichte des Gottessohnes wichtig war. Es geht in dem Buch um die Kindheit des Heilands, und die Kapitel tragen ernste, etwas pingelige Überschriften wie »Die Frage nach Jesu Herkunft als Frage nach Sein und Sendung« oder »Der historische und theologische Rahmen der Geburtserzählung des Lukas-Evangeliums«.

Ja, es ist eine gelehrte Abhandlung. Nein, es kommen keine Sartre-Zitate vor. Aber der deutsche Verleger des Papstes, der zur römischen Buchpremiere angereist ist, findet das vollkommen einleuchtend: dass ein Autor, der vom Heiligen Stuhl herab das Erbe Jesu verwaltet, auch am liebsten über Jesus schreibt. »Er führt seine Leser zurück zum Eigentlichen«, sagt Manuel Herder. So muss es wohl sein, sonst hätte Herder nicht 500.000 Exemplare allein von dem ersten deutschsprachigen Jesus-Band verkauft.

Der Papst sei kein Religionslehrer, sondern ein Glaubenslehrer, und darin liege seine Stärke. »Ihn zu lesen ist so, als ginge man durch einen Garten, den man längst kennt, und plötzlich nimmt einen jemand an der Hand und sagt: Hast du dir diese Pflanze dort hinten schon einmal genauer angeschaut?« Das ist eine hübsche und überaus höfliche Metapher für Joseph Ratzingers detailverliebten, oft arg philologischen Blick auf das Evangelium. Man könnte sagen, dass Herder ein großartiger Vermarkter eines nicht unschwierigen akademischen Autors ist.