Candystorm« nennen sie das beim Juso-Kongress in Magdeburg, was eine halbe Stunde lang auf den Kandidaten einwirkt. Eine Kuschelattacke, die Peer Steinbrück mit warmem Trost umgibt, gegen die böse Welt da draußen. »Diese lächerliche Debatte über Vortragshonorare machen wir nicht mit«, ruft der erste Juso in den Saal hinein. »Wir brauchen deinen Siegeswillen, deine Zuversicht«, der zweite. Und »Peer, du bist mein Kandidat, du bist unser nächster Kanzler«, ein anderer. Steinbrück, der Herz-Jesu-Kandidat der Jungen und Wilden.

Der Umschmuste tritt in der Magdeburger Messehalle nun ans Mikrofon. Etwas ungelenk und erkennbar berührt bedankt er sich für die Unterstützung. »Eure Appelle gehen nicht nur in den Kopf, sie gehen auch in die Bauchlage hinein.«

Candystorms kennen sie nicht im Carolinenglück, dem Vereinsheim der gleichnamigen Kleingartenkolonie in Bochum-Hamme. Der SPD-Ortsverein trifft sich hier, jene Genossen also, die einst Wolfgang Clement aus der Partei drängten, Traditions-SPD und stolz darauf. Steinbrück ist nicht hier, aber allgegenwärtig.

Im Carolinenglück hat der Stramme Max überlebt. Der Stramme Max, der Toast Hawaii und der Glaube daran, dass Sozialdemokraten andere, bessere Menschen sein müssen, dass für sie Werte gelten, um die sich andere nie geschert haben. »Ein Sozialdemokrat nimmt nicht 25.000 Euro für Geplauder, einen Betrag, für den ein Arbeiter ein Jahr lang malochen muss«, sagt SPD-Ortschef Rudolf Malzahn. »Das zeigt«, ergänzt sein Vize Norbert Kriech, »dass Steinbrück die Nöte des kleinen Mannes gar nicht kennt. Er ist halt keiner von uns.«

Gerade mal sieben Wochen ist Peer Steinbrück Kandidat, da taucht schon die Frage auf, ob er überhaupt noch eine Chance hat, Kanzler zu werden. 89 bezahlte Auftritte in drei Jahren, aber nur vier Reden im Parlament. 1,25 Millionen Euro Vortragshonorare, ein 25.000-Euro-Stundenlohn von der finanziell gebeutelten Ruhrgebietsstadt Bochum – die Debatte um Nebentätigkeiten und Hauptverdienst, um die Vereinbarkeit von Rede-Reisen und Abgeordneten-Beruf hat Steinbrück in der Wählergunst abstürzen lassen. Vorübergehend oder dauerhaft?

In der SPD-Spitze, der engeren wie erweiterten, wissen alle, dass der Start des Kandidaten verpatzt ist. Von »suboptimal« über »schwere Hypothek« bis zu »große Scheiße« liefern die Spitzengenossen Einschätzungen, die einiges aussagen über das jeweilige Temperament, mehr aber noch über die aktuelle Lage. Allerdings: Die Frage, ob vor dem Nominierungsparteitag am 9. Dezember noch einmal grundsätzlich über den Kandidaten nachgedacht werde, wird heftig verneint. »Ein Tausch wäre politischer Selbstmord«, meint ein Vorstandsmitglied, das lieber Steinmeier als Steinbrück gesehen hätte.

Möglich, dass die Honorardebatte beim Kandidaten am Ende lediglich einige Schrammen hinterlässt, die mit dem Wahlkampf verblassen. Nicht auszuschließen, dass sie ihn irreparabel beschädigt. Eine besondere Ironie der Geschichte von Peer und dem Geld könnte aber darin liegen, dass sie nun zueinanderfinden, Steinbrück und die Funktionärs-SPD, der Spitzenmann und die Basis, der Kandidat und die Gerechtigkeit – und dass die Wahl gerade deshalb verloren geht.

»Ruhrpott« – der Identitätsbegriff prangt in Metalllettern auf einer Kneipenwand im Carolinenglück. Der erste Genosse zahlt. Ein Tee, ein alkoholfreies Bier: 2,80 Euro. Über Raubtierkapitalismus wollten die zwölf Männer und acht Frauen bei der Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme eigentlich diskutieren, und dann haben sie doch wieder die meiste Zeit über Steinbrück geredet. Über Steinbrück und diese vermaledeiten 25.000 Euro. Steinbrück kann ruhig er selbst bleiben – wenn die Kandidatin künftig Hannelore Kraft heißt. So denken sie hier. Sie erzählen von dem Rentner, der einen fragt: »Ey, wat habt ihr denn da für einen? Macht sich die Taschen voll, und ich weiß nicht, wie ich mit meiner Rente rumkomme.« Und davon, dass Steinbrück mal gesagt hat, er könne mit Ortsvereinen nichts anfangen.

Die da oben? Ihr eigener Kandidat, glauben viele Genossen, gehöre dazu

In Bochum-Hamme sind Sozialdemokraten noch Maschinenschlosser und Elektriker, viele pensioniert, manche ohne Job. Steinbrück erzählt derzeit oft die Geschichte von einem Deutschland, das seine Balance verloren hat, von einer Gesellschaft, die aus dem Lot geraten ist, in der Exzesse um sich greifen, deren Kitt bröckelt, in der die da oben mit jenen dort unten nichts mehr zu tun haben. Für die Genossen in Bochum-Hamme symbolisiert der 25.000-Euro- Stundenlohn für Steinbrück exakt diese Gesellschaft. Für sie beweist Steinbrücks Verhalten, dass Steinbrücks Erzählung stimmt. Diese Hypothek schleppt der Kandidat mit sich rum.