Ernst Augustin : Das Leben ist ein Gehäuse

Seit drei Jahren ist der Schriftsteller und Psychiater Ernst Augustin blind. Aber er schreibt. Sein jüngster Roman war ein großer Erfolg. Noch immer interessiert ihn, wer eigentlich verrückter ist: Er oder die Welt. Ein Besuch in seinem völlig surrealen Münchner Haus.

Auf dem Tisch liegen die Manuskriptseiten seines letzten Romans: Robinsons blaues Haus. Die Blätter im A2-Format sind mit großen Druckbuchstaben beschrieben. Mit einem schwarzen Filzstift. Ernst Augustin streicht mit seiner Hand über das Manuskript. »Ich bin der Schriftsteller, der seit 45 Jahren ein Geheimtipp ist.« Er lacht. »Brauchen Sie Licht?« Er knipst die Schreibtischlampe an. Grelles, weißes Licht. »Nein«, sage ich. Licht aus. »Wirklich nicht? Vielleicht für Ihre Notizen?« Licht an. »Nein, ich sehe alles.« Licht aus.

Ernst Augustin ist ein höflicher Mensch. Man lerne das einfach nicht mehr im Alter: mit Blindheit zurechtzukommen. Darum könne er auch leider nichts anbieten, er lebe gerade von den Vorräten – seine Frau, eine Malerin, deren Bilder die Cover von Augustins Büchern illustrieren, ist im Krankenhaus. Vor Kurzem habe er versucht, drei Packungen Eier zu kaufen, von denen nach der Bezahlung eine verschwunden war. Die Kassiererin habe erst mal gar nicht wahrgenommen, dass er blind sei, und sich dann aufgeregt über seine Suche nach der dritten Eierpackung. »Sie dachte, ich würde sie beschuldigen.« Er ist immer noch berührt von dem Erlebnis. Seitdem verlässt er das Haus nicht mehr. Er wolle auch keine Haushaltshilfe oder so etwas, es sollen keine Menschen im Haus sein, sagt er ganz angewidert allein vom Gedanken.

Einen der zwei Tumore hat man aus dem Kopf entfernt. Der Sehnerv wurde dabei durchtrennt. Seine rechte Hand ist gelähmt. Er verlor auch seine Schilddrüse. »Was mich sehr belastet, ist, dass ich das Essen nicht mehr sehen kann und dass ich nicht mehr riechen kann.« Wo er doch zeitlebens ein Gourmet war.

Ich möge mich doch bitte im Haus umschauen. Es ist ein Märchenhaus. Es ist surreal. Es ist, als wäre es die räumliche Erweiterung seines Werkes.

Das Treppenhaus erinnert an Pariser Treppenhäuser, in denen man unten stehend zwischen den Geländern hindurch das Dach erkennen kann. Hier ist das Dach aus Glas. Die Scheiben des Daches sind beschlagen. Die Wände haben Ernst Augustin und seine Frau über die Jahre komplett bemalt. Die oberste Etage ist voll mit Palmen und Dschungelpflanzen. Auf der dritten Etage lebt Augustin. Er wartet im zweiten Stock. Dort ist es sehr kalt, wir gehen an einem Zimmer vorbei, in dem ein großer Plüscheisbär liegt. Im Keller habe er auch noch eine Disco. Einen Tanzraum, der an Wänden und Decke verspiegelt ist. »Ich bin, also war, ein leidenschaftlicher Salsa-Tänzer. Und wenn man da unten tanzte, war man nie allein.« Er lächelt. »Aber es ist ganz schön, hier zu wohnen«, kokettiert er angesichts seines Erlebnishauses. Wir gehen zurück in den Raum mit dem Schreibtisch, seinen Manuskripten und der Lampe.

Und schweigen einen Moment. Ob der Heizstrahler zu heiß sei? Nein. Ernst Augustin tastet sich durch den Raum zum Heizstrahler. Er dreht ihn zur Hälfte herunter. Dann setzt er sich hinter seinen kleinen Schreibtisch. Ob ich wirklich kein Licht brauche?

Der Raum ist vielleicht zehn Quadratmeter groß. Eine gemütliche Kajüte. Die Wände sind mit Büchern bedeckt. In das Regal sind auch alte Bettpfosten eingearbeitet. Es ist ganz still. Für einen Moment kommt die Idee auf, man säße am Meeresgrund in einem U-Boot. Ein altes Segelschiff steht auf einem Regal.

Anfallsweise packt ihn die Wut auf das Plötzliche, das Unveränderliche seiner Lage. »Ich fühle mich wie Hiob. Zuvor war ich doch noch täglich im Schwimmbad, und dann brach alles über mir ein.«

Sein besonderes, der surrealen Elemente wegen auch singuläres Werk umfasst bisher 13 Romane, von denen er zwei neu geschrieben hatte und noch einmal veröffentlichte. »Ja, ich schreibe langsam, und die Manuskripte überarbeite ich drei, vier Mal. Als Erstes schreibe ich ein Chaos aufs Papier. Ideen, ohne die Lösung anzugeben. Ein echter Stapel wird das. Dann schreibe ich es, wie es geschrieben sein soll. Dann lese ich es durch, und dann merke ich, was für ein Mist das ist. Dann erst schreibe ich es richtig. Aber jetzt geht es nicht. Die Hand ist gelähmt, und außerdem sehe ich nichts.«

Er macht eine Pause – dann schlagartige Erleichterung: »Aber es wird besser. Ich habe ein neues Buch im Kopf. Es wird die Verteidigungsschrift eines Anwalts für einen Mann, den man für ein Monster hält. Ich brauche aber noch etwas für das Buch. Für mich arbeitet die Zeit. Man muss es kochen lassen. Dann kommt schon was.«

»Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht sehen können?«, frage ich ihn, weil er mich ansieht wie eine Insel am Horizont, die er gerade entdeckt hat. Er lässt die Antwort auf meine Frage aus. »Ich glaube sowieso nicht an ein Ende oder einen Anfang«, sagt er. »Überhaupt: Zeit. Ich glaube eher an so etwas wie Gleichzeitigkeit. Die Samurai konnten auch nur in den Kampf gehen, weil sie sich sicher waren: Wie kann ich sterben, wenn ich schon tot bin.«

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich gebe Ihnen Recht, 'Wahnsinn/Genie' : Eine Frage der

Selbstvermarktung.
Gerhard Richter mit abgemalten Fotos, Picasso mit Bildern von schiefen Köpfen, die jedes Schulkind besser malen kann und Joan Miro, dessen Malkunst an Studentenkrizeleien erinnen, während einer langweiligen Vorlesung, die danach mit Farbe ausgefüllt wurden.
Alles ist möglich! Alles ist Kunst! Entscheidend ist nur, wer einen 'unterstützt' und 'fördert'.
Es kein allgemein anerkanntes Ziel der 'westlichen' Kunst mehr. Kein Schönheitsideal, nichts.

Kunst ist Vermarktung.

....und Vermarktung ist Kunst

Es hängt alles auf der einen Seite von der Relativitätsdoktrin der Philosophie des 20.Jhd. ab, die alles, jede Idee, alles relativiert, gleichbügelt, und zum
anderen dem pathologischen Gleichheitswahn im Kommunismus, der sich doch einer 'herrschenden Klasse' nie entledigen konnte und der deswegen so schöne Bauwerke hervorgebacht hat wie die Berliner Karl-Marx-Allee bis zum Frankfurter Tor mit seinen beiden Zuckerbäckertürmchen.
D.h.: Die 'herrschende Klasse' ist heute das Geldkapital.
Während zu Kaisers Zeiten und in der Weimarer Republik das Bauhaus (Bruno Taut, Tuschkastensiedlung, Berlin-Altglienicke)und sogar, wie erwähnt, zu Stalins Zeiten, war Kunst wichtiger als der Gewinn, so ist heute
alles auf eine Konstante reduziert: Der Gewinn je qm2 gebaute Fläche ist das entscheidende Faktum.
Wie in der Kunst, als auch in der Architektur: Alles ist beliebig und es zählt nur der Gewinn.
Vermarktung ist alles.
Jeder Schrott kann heute 'Kunst' sein.
Entscheidend ist, wie ich diesen Schrott vermarkte.
Deswegen gibt es auch ein riesiges Heer als Werbe- und Vermarktungspsychologen, die die Kunst als Kunst oder das schlechte Produkt als 'gutes' Produkt darstellen.
also:
...die Kunst ist die Vermarktung der Kunst.

Wieso blieb er immer ein Geheimtip?

"Robinsons blaues Haus" ist allen Höhlen- und Burgenbauern, Menschen mit Geldkoffern und sonstigen Agenten sehr zu empfehlen! Der spatial turn hat seine surreale Einlösung in Ernst Augustin bisher ganz ungenügend gefeiert....das steht noch aus und wenn es soweit sein wird, hab ich schonmal vorgefeiert!