Gerhard HenschelIst das Kunst oder kann das weg?

Gerhard Henschel dokumentiert in seinem Meppener Familienroman die Ereignisarmut der alten Bundesrepublik. von Kristina Maidt-Zinke

Gerhard Henschel, geboren 1962

Gerhard Henschel, geboren 1962  |  © Jochen Quast

Ja, was soll man dazu bloß sagen? Wie kommt man nach knapp sechshundert Seiten mit Martin Schlosser, dem nunmehr vier Romane alten Helden des literarischen Erinnerungsmarathons von Gerhard Henschel, aus dessen Ton und Diktion wieder heraus und in einen halbwegs seriösen Rezensentenjargon hinein? Und wie schafft man es, dem Autor den verdienten Respekt zu zollen, ohne zu verhehlen, dass man am sinnlich-sittlichen Nährwert seines Mammutunternehmens womöglich knapp vorbeigeschrammt ist, obwohl man tapfer bis zum (vorläufigen) Ende durchgehalten hat?

Vor zehn Jahren hat Henschel, damals längst berühmt für Sachbücher und Satiren, aus dem schriftlichen Nachlass seiner Eltern den Briefroman Die Liebenden komponiert. Das war die Geburtsstunde der Familie Schlosser, die zwar nicht den Namen, aber sonst eine ganze Menge mit der Sippe ihres Erfinders gemeinsam hat. Im Kindheitsroman erzählte dessen Alter Ego, Sohn Martin, die Geschichte weiter; es folgten der Jugendroman und der Liebesroman, in denen der heranwachsende Held die späten sechziger und die siebziger Jahre der alten Bundesrepublik wiederauferstehen ließ oder zumindest das, was in Henschels damaliger Heimat, der emsländischen Kleinstadt Meppen, davon angekommen war.

Anzeige

Zu Beginn des vierten Teils, genannt Abenteuerroman, ist das Jahr 1980 erreicht. Der Schülerzeitungsredakteur, Bücherwurm, Cineast und Leonard-Cohen-Fan Martin Schlosser hat endlich eine Freundin, und es stehen ihm Erfahrungen der Art bevor, wie sie seinerzeit wohl auch den jungen Henschel erwarteten: Abitur, Führerschein, Saisonjob auf Norderney, Bundeswehr respektive Zivildienst, der Umzug von Meppen nach Bielefeld, WG-Erlebnisse, ein paar unspektakuläre Reisen, Beziehungsprobleme und Drogenversuche, eine Brokdorf-Demo, das übliche Familiengedöns. Schließlich die schwere Entscheidung: studieren? Und was?

Abenteuerlicher wird es nicht. Doch wenn man diese prinzipielle Ereignisarmut anreichert mit den politischen Schlagzeilen der frühen Achtziger sowie mit tausend Realitätssplittern, in denen sich ein ostwestfälischer Provinzkosmos jener Jahre spiegelt wie in einer Discokugel, mit Sprüchen und Dialogen, Fernsehsendungstiteln, Produktnamen und Songtexten, die zumindest den Generationsgenossen so vertraut vorkommen müssen wie die Geruchsmischung aus Schmorbraten und Weichspüler, und wenn man dann noch die Spezialinteressen des Erzählers (neben Literatur und Film natürlich: Frauen und Fußball) wie Pril-Blumen dazwischenklebt, dann – ja, dann lässt sich damit ein Wälzer füllen, der den einen oder anderen Leser dazu verleiten mag, die peinlichste aller postfaustischen Gretchenfragen zu stellen: Ist das Kunst, oder kann das weg?

Die Antwort: Zweimal nein. Es ist nicht direkt Kunst, aber weg kann es auf keinen Fall. Denn es handelt sich um eine grandiose Dokumentationsleistung, die dreierlei voraussetzt: unglaublichen Fleiß, ein phänomenales Gedächtnis und, wo dieses an seine Grenzen stößt, so etwas wie retrospektive Fantasie. Außerdem wohl Vorarbeit in Form früher Aufzeichnungen – wenn der junge Schlosser während seines halbjährigen Kasernengastspiels ein »Bundeswehrtagebuch« führt, bevor er, wie geplant, den Kriegsdienst verweigert, dann lässt das vermuten, dass auch sein Schöpfer Henschel nicht ohne Notizheft unterwegs war.

Autobiografische Großprojekte sind schwer im Schwange, variieren aber in Ansatz und Technik je nach persönlicher Obsession des Autors. Peter Kurzeck arbeitet seit Mitte der Neunziger an der Chronik eines einzigen Jahres aus seinem Leben, während Andreas Maier sich im Frühstadium einer auf elf Bände angelegten Wetterau-Saga befindet: Beide haben ambitionierte ästhetische Konzepte, dafür gibt es bei ihnen nicht viel zu lachen. Genau das aber hätte man nun von Gerhard Henschel erwartet, der im Zeitstrom nicht nach Perlen taucht, sondern nach allem, was da so herumschwimmt, um es am Ufer gewissenhaft aufzureihen – einen dramaturgischen Filter, der das Komische hervorhebt.

Leserkommentare
  1. stellt postfaustische Gretchenfragen, raunt von Realitätssplittern, in denen sich ein Kosmos wie in einer Discokugel spiegelt und erwartet von einem Autor, der nicht nach Perlen, sondern nach allem, was da so im Zeitstrom herumschwimmt, taucht, einen Filter, der etwas hervorhebt - für den Humor, der dem Roman fehlen soll, sorgt Frau Maidt-Zinke, wenn auch, wie ich befürchte, unfreiwillig, selbst.

  2. Liebe Zeitler,
    ich weiß, Sie leben in einer tollen Metropole und da braucht man nicht jedes Provinzkaff kennen. Aber Meppen liegt nicht in Ostwestfalen, sondern im Emsland an der deutsch-niederländischen Grenze. Historisch gehörte es lange zum Bistum Münster und kam 1815 ans Kgr. Hannover, weshalb es heute ein Teil Niedersachsens ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Roman | Literatur | Gerhard Henschel
Service