Fehlanzeige. Wer sich nicht beim bloßen Wiedererkennen mancher Verhältnisse, Namen, Formulierungen schon beölen kann (oder beömmeln, wie man in Meppen sagt), einfach weil sie »deutsche Provinz« oder »frühe Achtziger« signalisieren, der gewinnt den Eindruck, dass die ertauchten Schnipsel, einmal aus dem Wasser gezogen, ziemlich schnell austrocknen. Für die Mehrzahl der Dialoge und Begebenheiten gilt, was Schlosser selbst anlässlich einer Familienszene notiert: »Wie bei Loriot, nur nicht so lustig.« Oder aber wie bei Walter Kempowski, Henschels Vorbild und Bruder im Geiste, dessen Deutsche Chronik nach dem gleichen Collageprinzip funktioniert, jedoch von aufregenderen Zeiten und markanterem Personal profitieren kann.

Vielleicht ist Henschels Bestreben eben dieses: vorzuführen, wie zäh und uninspiriert der Alltag eines Meppener Abiturienten am Übergang von der Schmidt- zur Kohl-Ära verlief, wie schwer sich daraus Funken schlagen ließen, selbst von einem jungen Mann, der die Anlagen zu einem wachen politischen Bewusstsein und einem kultivierten literarischen Geschmack besaß. Und, damit keine Missverständnisse aufkommen, natürlich auch Humor, allerdings noch weit entfernt von Treffsicherheit und Spottformat des ausgewachsenen Gerhard Henschel.

Der Rest ist private Archäologie und Archivierungslust. Natürlich erfreut es uns, Tätigkeitswörter wie »wuracken«, »klähen«, »klötern« und »peesen« hier literarisch aufgehoben zu sehen, das Protokoll einer Verhandlung vor dem Ausschuss für Kriegsdienstverweigerung oder die Verbalinjurien des Herbert Wehner. Natürlich ist es für künftige Generationen interessant, zu sehen, was für endlose Briefe junge Menschen damals handschriftlich verfassten, auch wenn sie nichts von Belang enthielten. Aber warum steht eine Bemerkung wie die über die Kleiststraße in Osnabrück (»Was wäre Kleist wohl selbst zu dieser miesen, herzlos hingeknallten und von dumpfen Technokraten frech nach ihm benannten Missgeburt von Straße eingefallen?«) so allein auf weiter Flur? Sie lässt die Schärfung des Blicks, die den Autor zur Karriere bei der Titanic und zu sonstigen satirischen Glanznummern qualifizierte, wenigstens vorausahnen. Der fünfte Teil der Polylogie soll Bildungsroman heißen. Dann muss Martin Schlosser wohl oder übel raus aus der Provinz. Wir heißen euch hoffen.