Alain Claude SulzerFeinarbeit am Eros und an der Lüge

Alain Claude Sulzers köstlich dekorierter und kulinarisch zubereiteter Roman "Aus den Fugen". von Hubert Winkels

"Also, das war’s", heißt es genau in der Mitte des Romans. "Also, das war’s", heißt es genau in der Mitte von rund zwölf Biografien, die alle um das erste "Also, das war’s" herum angeordnet sind. Lebensläufe werden an dieser Stelle gekerbt, gestaucht, geknickt, abgelenkt und quergeschlagen. Vertrautes wird fremd, Geliebtes wird zerstört, Erwartung düpiert und Hoffnung enttäuscht. Also, das war’s, heißt aber noch lange nicht, dass es nicht anders weiterginge. Alain Claude Sulzers siebter Roman arbeitet sich an den Lebenspunkt vor, an dem es kein Zurück mehr gibt, dann geht er ein paar Schritte in die neue Richtung, die jede Figur des Romans in ein neues Setting stellt.

Setting, Zurschaustellung, Display: genau. Denn alles an diesem Roman ist künstlich gesetzt, kostbar drapiert, köstlich dekoriert, kulinarisch zubereitet zur höheren erotischen Freude gehobener bürgerlicher Geschmacksträger; ist Feinstarbeit im Stoffrascheln, kapriziöse Linienführung im Porträt, ist Kunstsinnigkeit, die Liebe zu ihr und ihre sacht-satirische Denunziation in einem. Die feine Gesellschaft und ihre Geschmacksdistinktionen auf dem warenfetischistischen Altar, der zugleich ein Pranger ist. Chopin und Lalique und Proust als Halbgötter eines erotisierten Sublimationskörpers, den man Kultur nennen mag oder Edelkitsch, ununterscheidbar jederzeit, den Leser begeistert, zweifelnd, abwehrend und schließlich bewundernd zurücklassend. Und das Schöne daran: Sulzer wollte genau das, diese Verbindung aus dem Augenblick der Wahrheit und Chichi, aus Coco Chanel und Chopin, und er hat es geschafft, leichtes Pläsier und tiefe Skepsis zu verbinden.

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Das liegt zunächst einmal an der Dramaturgie selbst. Wie bei Robert Altmans subtil gefugten Episodenfilmen oder, näherliegend, weil kitschig-erotisch verspielt: wie bei Woody Allens jüngsten Liebesreigen-Hommagen an Barcelona, Paris und Rom, lässt Sulzer seine Figuren leichtfüßig um- und nebeneinander tanzen. Wichtiger als die Geschichte ihres Lebens ist die Sequenz, die wir sehen, der Filmausschnitt, das Kurzporträt. Wie im Drama oder in der Novelle, die Aus den Fugen eigentlich ist, wird von der zugespitzten Situation her das Verständnis für die Personen und das Ganze eröffnet, nicht von der klassischen psychologisch langen Linie der Traumabewältigung her; im Gegenteil: Das Trauma ist der Auslöser für ein funkelnd irdisches Liebesgeschehen. Der "irdische Amor" lässt grüßen, sei es von Caravaggio , von Mozart , von Oscar Wilde , Eduard von Keyserling oder auch von Ulrich Treichels gleichnamigem Musik-Erotik-Roman her.

Was hat’s nun mit dem "Das war’s" auf sich? Marek Olsberg, weltberühmter Konzertpianist, beendet ein großes Konzert in der Berliner Philharmonie kurz vor der Pause, gegen Ende von Beethovens Hammerklaviersonate, mit ebendiesem Ausruf. Ruft’s, klappt den Steinway zu und verschwindet durch die Hintertür. Der Ruf bildet die inhaltliche und die arithmetische Mitte des Romans. Zum Konzert hin streben die Geschichten der diversen Figuren in der ersten Hälfte, von ihm weg treiben alle Lust und alles Leid der zweiten.

Zum Beispiel die Chefarztgattin Esther, ihre Konzertbegleiterin Solveig leicht verachtend, weil die von ihrem Mann verlassen wurde, sehnt sich statt nach Beethoven nach ihrem Thomas und einem Löffel Brie de Meaux vor dem Fernseher, kehrt wegen des Konzertabbruchs rascher nach Hause zurück als erwartet und entdeckt den Schrecken des Sex, bei ihm, schmutzig und mit einer anderen. Das war’s, aber was nun? Der schwule Konzertagent Claudius fährt mit seiner jüngsten Eroberung, dem 24-jährigen Saturn-Verkäufer Nico, zum Konzert. Sie streiten sich. Nico springt aus dem Taxi. Claudius fasst es nicht. Nico geht ins Kino, dann in eine Bar, wo er wen trifft, noch während das Konzert offiziell läuft? Den schwulen Star Marek Olsberg natürlich, dem er als Trophäe hätte vorgestellt werden sollen, bei einem feudalen Empfang in einer Zehlendorfer Industriellenvilla.

In ähnlicher Manier geht es zwölf Lebensläufe hoch und runter, erwartungshimmelshoch und tränentief fallend und sich neu drapierend in der Welt, und weil Alain Claude Sulzer ein so lebens- und literaturkluger, aufs Feinste literarische Fugen komponierender Stilist ist, ist nichts daran peinlich, nicht einmal die Beinahe-Happy-Endings wie das mit Olsberg, dem jungen Nico in die Augen blickend, am Flügel in der Schwulenbar mit der e-Moll-Nocturne Nummer 2 . Beispielhaft wird hier deutlich, warum der ästhetische Grenzgang des Elegants Sulzer nicht scheitert: Nicht die Liebessonate des gottähnlichen Meisters, der sich dem Underdog hingibt, bildet den Schlussakkord des Romans, sondern eine zarte Coda, die stille Bemerkung über den blinden Klavierstimmer Dr. Hiller, der hundert Seiten vorher den Steinway Olsbergs gestimmt hatte. Der blinde Stimmer sitzt nämlich immer "oben in Block C, letzte Reihe links", so die letzten Worte des Romans. So wie wir Leser glamourskeptisch außen sitzen und uns nicht täuschen lassen wollen von preziösem Funkeln.

So endet ein Roman der Musik, der ganz auf den sinnlichen Schein, die glänzende Oberfläche der Dinge, der Figuren und ihrer Lügen setzt, in dem alles glänzt und trügt und sich neuerlich fügt, nachdem es aus den Fugen ist: mit einem Blinden, der allein zum Hören da ist.

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