Schulsystem : Wenn Eltern Schule machen

Die erste Freie Schule in England will für alle offen bleiben – und gleichzeitig landesweit zu den besten gehören.
Schulkinder an der West London Free School in London © REUTERS/Luke MacGregor

Ein Mädchen klopft vorsichtig an die Tür des Sekretariats. Sie trägt einen grauen Rock, schwarze Strumpfhosen, einen dunkelblauen Blazer mit silbergrauer Paspelierung, ein weißes Hemd, einen gestreiften Schlips und Sneakers, die in England Trainers heißen. Die trägt hier niemand, und darum geht es auch. Sie bittet um Erlaubnis, die Sportschuhe tragen zu dürfen, weil der Fuß wehtut. Die Sekretärin schickt das Mädchen zum Vizerektor. Dem trägt sie den Wunsch samt Empfehlung des Arztes noch einmal vor und bekommt – »für heute« – die Erlaubnis, in Trainers in der Schule herumzulaufen. »Danke«, sagt sie höflich und marschiert in den Unterricht.

Im überdachten Schulhof tummelt sich eine Klasse und macht den üblichen Lärm von Teenagern. Einem Lehrer, der an seinem Schreibtisch arbeitet, wird das zu viel. Er tritt vor die Tür, sagt nur laut und deutlich »Ruhe«, und es wird leise, auch als er längst wieder hinter seinem Schreibtisch verschwunden ist.

Diese Szenen spielten sich nicht etwa in einer feinen, teuren Privatschule ab, wie der höfliche Ton und die sauberen Uniformen sämtlicher Schüler nahelegen, sondern in der West London Free School (WLFS), einer staatlichen Schule, die ein Elternkomitee gegründet hat.

Freie Schule? Wer dabei an Freiheit von Zwang, Zensuren, Hausaufgaben und Hierarchie denkt, hat vielleicht Nenas »Neue Schule« in Hamburg-Rahlstedt im Kopf oder denkt an Alexander Neills berühmte Summerhill-Schule. Die Freien SchulenFree Schools – in England haben aber ebenso wie die in Schweden oder in den USA etwas ganz anderes, um nicht zu sagen Gegensätzliches im Sinn. Sie wollen zeigen, dass man es besser (häufig auch billiger) machen kann als der Staat.

Eine Free School ist eine auslesefreie Schule, die vom Steuerzahler finanziert wird, aber unabhängig von staatlicher Kontrolle ist. Sie untersteht jedoch in der englischen Variante der Inspektion durch Ofsted (Office for Standards in Education) und ist gegenüber dem Bildungsminister rechenschaftspflichtig. Einfacher ausgedrückt: Eine Free School ist eine autonome öffentliche Schule, die staatlich finanziert wird, aber frei ist von den Forderungen, Einsprüchen und Gängeleien der lokalen Schulbehörden. Und, müsste man hinzufügen, der Lehrergewerkschaften. Die Schulbeiräte wählen ihr Personal entsprechend der Schulphilosophie.

Sapere aude! Latein ist Pflicht an der West London Free School

Inspiriert von ähnlichen Programmen in Schwedens Freien Schulen (seit 1992) oder amerikanischen Charter Schools (seit 1991), hat die seit 2010 in London regierende Koalition Eltern und Lehrergruppen ermuntert, Free Schools zu gründen. Die West London Free School war die erste Freie Schule dieser Art, die mit dem Bildungsminister ein Finanzierungsabkommen unterzeichnet hat. Im September 2011 wurde sie feierlich von Bürgermeister Boris Johnson eröffnet. »Floreat Free School West London!«, lateinisierte er.

Sapere aude! – diese von Horaz stammende und von Kant benutzte Aufforderung: Wage zu wissen! – ist das lateinische Motto der Schule. Latein bei einer Schule mit dem Gründungsdatum 2011? Nun, die Elterninitiative, die sich zwei Jahre lang durch ein Labyrinth von Anweisungen und beamtlichen Entmutigungen kämpfte, hatte sich zusammengefunden, weil sie eine Sekundarschule für ihre Kinder wollte, die hohe Ansprüche stellt, eindeutig in der Disziplin und akademisch rigoros sein sollte und doch offen für alle, egal welchen Glaubens, welchen Einkommens oder welcher Fähigkeiten. Darum Latein, darum: Sapere aude!

Motor des Unternehmens Free School war Toby Young. Autor des Bestsellers How to Lose Friends and Alienate People, Alleinunterhalter und Filmproduzent in den Neunzigern, Autor bei Vanity Fair in New York, heute Redakteur beim Spectator, Blogger beim Daily Telegraph und Kolumnist. Klingt nicht gerade wie der Mann, von dem zu erwarten war, dass er zwei Jahre seines Lebens der komplizierten Gründung einer Free School widmen würde. Young, 48, Vater von vier Kindern zwischen vier und neun Jahren alt, tat aber genau das. Er hielt die kleine Elterngruppe zusammen und überzeugte erfahrene Pädagogen, sich der Gruppe anzuschließen. Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Vater mit noch sehr jungen Kindern sich so früh um eine Sekundarschule kümmert? »Überhaupt nicht«, lautet seine Antwort. »Mittelschichtseltern haben nur ein Ziel: die beste Schule für ihre Kinder zu finden, dafür würden sie sogar umziehen.« Und die Privatschulen? »Die Oberschicht hat sich aus der öffentlichen Schule total verabschiedet, die kämpft nicht mehr für Qualität um die Ecke...«

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Mündige Eltern brauchen keine Bidungsbürokratie

Langsam dämmert es in Europa: Freie Schulen sind nicht des Teufels und sorgen dadurch für soziale Ungleichheit. Nein, sie stellen sich der Konkurrenz, gehen das Risiko des Scheiterns ein und müssen sich im Wettbewerb behaupten.
Müde Beamtengewissheit, was die monatlichen Lohnüberweisungen und die unverhältnismäßig hohen Pensionen ohne Eigenbeitrag betrifft, gibt es hier nicht.
Man muss sich bemühen, neue Ideen entwickeln und Leistungsfähigkeit beweisen.
Wo ist also das Problem? Soziale Ungerechtigkeiten beim wachsendem Privatschulsektor kann der Staat durch gesetzliche "Leitplanken" verhindern.
Alles andere ist Besitzstandswahrungsgeschwätz und passt nicht mehr in die heutige Zeit!
In Holland sind über 50% der Schulen privat organisiert und man lebt nach em Motto: "Lasst viele Blumen blühen"- sehr gut.
Unsere Angst, preußische Staatszustände des 19.Jahrhundert zu verlasse, wirkt dagegen anachronistisch.

Bildungshoheit der Länder (1)

Hallo Jule 2013,

das Problem ist, ich will es mal so nennen, der Glaube an die Bildungshoheit der Länder und ihrer Kultis.
Der Bund und dessen Länder versuchen, vor allem was Schule betrifft, die Grenzen so eng zu stecken, dass "Freigeister" kaum noch zum Zug kommen.

Schüler sind für staatliche Schule bares Geld. Die Länder zahlen jährlich Zehntausende Euros für einen Schüler, damit dieser beschult werden kann. Somit refinanzieren sich diese "Bildungseinrichtungen".
Die Länder sind jedoch auch verpflichtet, diese Zahlungen auch an Freie Schulen in privater Trägerschaft zu tätigen.
Da man hier die "Konkurrenz" mitfinanziert, ist es ein bürokratischer "Hürden-Marathon", um eine Freie Schule durch Elterninitiativen gründen zu können.

Hinzu kommen noch die massiven Kürzungen für Freie Schule in den letzten Jahren.

Bildungshoheit der Länder (2)

Ich möchte gerne mal etwas fantasieren und mich dabei auf §3 und §4 des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) beziehen. Dabei werde ich den Text so verändern, dass es sich auf Schule bezieht:

§ 3 Freie und öffentliche SCHULEN
(1) SCHULE ist gekennzeichnet durch die Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen und die Vielfalt von Inhalten, Methoden und Arbeitsformen.
(2) Leistungen DER SCHULEINRICHTUNGEN werden von Trägern der FREIEN SCHULEN und von Trägern der ÖFFENTLICHEN SCHULEN erbracht. Leistungsverpflichtungen, die durch dieses Buch begründet werden, richten sich an die Träger der ÖFFENTLICHEN SCHULEN.
(3)...

§ 4 Zusammenarbeit der ÖFFENTLICHEN SCHULEN mit den FREIEN SCHULEN
(1) Die ÖFFENTLICHE SCHULE soll mit der FREIEN SCHULE zum Wohl junger Menschen und ihrer Familien partnerschaftlich zusammenarbeiten. Sie hat dabei die Selbständigkeit der FREIEN SCHULE in Zielsetzung und Durchführung ihrer Aufgaben sowie in der Gestaltung ihrer Organisationsstruktur zu achten.

!!! WICHTIGSTER SATZ !!!
(2) Soweit geeignete Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen von anerkannten Trägern der FREIEN SCHULE betrieben werden oder rechtzeitig geschaffen werden können, soll die ÖFFENTLICHE SCHULE von eigenen Maßnahmen absehen.
!!! WICHTIGSTER SATZ !!!

(3) DER BUND UND DIE LÄNDER sollen die FREIE SCHULE nach Maßgabe dieses Buches fördern und dabei die verschiedenen Formen der Selbsthilfe stärken.

Freie Schulen 1919 in Hamburg

Moin Frau Brinck!
Ein interessanter Bericht!
Wenn man bedenkt, dass es mehrere solcher Freien Schulen in Folge der November-Revolution 1919 in Hamburg gab? Und von diesen Schulen starke Impulse auf die Reformpädagogik ausgegangen sind -
Zur Zeit von Joist Grolle gab es Versuche, solche Bestrebungen wiederzubeleben -
Heute scheint dies alles in Vergessenheit geraten zu sein.

Moin!
Ludolf Kolligs