Toby Young, Sohn eines berühmten Labour-Politikers, der die Open University mit aus der Taufe hob, glaubt an die öffentliche Schule, war selber auf einer öffentlichen Schule. Er wollte lediglich, dass seine Kinder in ihrem Viertel eine gute Schule besuchen können. Gute Schule hieß für ihn »comprehensive grammar« – gewissermaßen eine gymnasiale Gesamtschule. Für so einen Traum war seine Frau bereit, aufs Land zu ziehen, weil sie irgendwo in Suffolk eine öffentliche Schule entdeckt hatte, die ihren Wünschen entsprach. Toby Young, eine typische Großstadtpflanze, hielt das für verkehrte Welt und begann seinen Kreuzzug für eine anspruchsvolle Schule in seiner Nachbarschaft mit einem Artikel im Observer im August 2009. Innerhalb von einer Woche hatten sich 150 Eltern angeboten mitzumachen. In seinem Wohnzimmer saßen schließlich 50 Eltern und Lehrer aus West London. Aus ihnen sollte der Leitungsausschuss hervorgehen, der die beschwerliche Organisation der Schulgründung durchzog.

Viele erklärten Toby Young für verrückt, ein Oxymoron wie eine gymnasiale Gesamtschule zu wollen. »Hatten wir noch nicht, geht nicht.« Toby Young hatte zwei solcher Schulen im Auge, es gab sie also. Die eine in London, eine andere in Kalifornien, die Renaissance Arts Academy. Ren Art, in einem der ärmsten Stadtteile von Los Angeles angesiedelt, schafft Jahr um Jahr die besten Ergebnisse im Schulbezirk von East L. A. Alle Schüler müssen hier Latein bis zum 18. Lebensjahr und ein Streichinstrument lernen. Diese Schule war von Eltern gegründet worden, die klassische Musik liebten und fanden, dass die lokalen Schulen ihre Kinder nicht genügend unterstützen.

Auch an der WLFS ist Latein bis zum 14. Lebensjahr Pflichtfach, ebenso wie Geschichte, Musik, Instrumentalunterricht und Kunst. Was es nicht gibt, sind praktische Fächer wie »hair and beauty« oder »travel and tourism«, die an vielen Comprehensives für Schüler früh die intellektuell anspruchsvollen Fächer ablösen. »Gerade die Kinder aus den schwierigeren Familien brauchen Struktur und Herausforderung«, meint Toby Young und fügt hinzu: »Mit der Wahl schlichterer Fächer werden die Klassenunterschiede weiter zementiert.« Auch Computer und Informationstechnologie werden nicht separat, sondern nur kontextuell unterrichtet. Alle Schüler müssen stretch and support- Klassen in Englisch und Mathe besuchen, wo sie entweder gefördert (support) oder gefordert (stretch) werden. Vom 14. bis zum 16. Lebensjahr wird den Schülern eine Palette von Fächern angeboten, die zu GCSEs (General Certificates of Secondary Education – etwa mit der mittleren Reife vergleichbar) und IGCSEs (International General Certificates of Secondary Education) in acht bis zehn Fächern führen.

Die WLFS hat den Vorsatz, eine der besten Schulen im Lande zu werden, akademisch erstklassig zu sein und den Ehrgeiz in Kindern jedweden Hintergrunds zu wecken. Wie nahe die neue Schule diesem Ziel jetzt schon kommt, zeigen die Bewerberzahlen. Kein Jahr nach ihrer Gründung hatten sich für die 120 Plätze der nächsten Gruppe von 11-Jährigen weit mehr als 1000 Schüler beworben. Es zeigt sich, dass es klug war, nur mit einem Jahrgang zu beginnen. »Es ist einfacher, unsere Werte einzupflanzen und Disziplin durchzuhalten, wenn man nur mit einer Alterskohorte beginnt«, erklärt Toby Young. »Außerdem«, fügt er hinzu, »können so die Kinder die Werte der Schule besser an die nächste Gruppe weiterreichen.« Viele Fehler, die durch die vielfältigen Anforderungen und Prüfungen mehrerer Jahrgänge entstehen, konnten ebenso vermieden werden wie die Aufmischung der Schulen in der Nachbarschaft, denen man Schüler abgezogen hätte, wenn man alle Jahrgänge auf einmal angeboten hätte.

200 Bewerbungen kamen auf acht Lehrerstellen

Das Schulgebäude in Cambridge Grove ist nicht riesig. 2013 wird hier die Freie Primarschule einziehen und die Sekundarschule mit einer geplanten Größe von am Ende 600 Schülern in ein neues, größeres Gebäude in der Nähe umziehen. Auch hat die WLFS den Ehrgeiz, eine Oberstufe aufzubauen. »Wir wollen, dass unsere Schüler die Universität besuchen.«

Wie erklärt Young, dass eine Free School bei gleichem Einzugsgebiet bessere Leistungen erzielen kann? Ein Grund sei, dass »schlechte Schulen oft mit schlechten Lehrern geschlagen sind, die sie wegen der Macht der Lehrergewerkschaft nicht loswerden können«. Ein anderer »die, one size fits all, fehlgeleitete Gleichmacherei, die das englische Klassensystem nicht etwa aufhebt, sondern nur verstärkt«. Ein Konzept wie das akademisch fordernde der WLFS gilt dann als »elitär«. »Viele Schulen in den Großstädten leiden unter einer falschen Schulphilosophie. Wir konzentrieren uns auf weniger Fächer, das versetzt uns in die Lage, kleinere Klassen zu haben und mehr Fachlehrer.« Das Wunder des Erfolgs sei ein anderes Ethos, erklärt Young: »die Vermittlung von Wissen und die Beharrung auf akademischen Fertigkeiten«.

Als die Schule in der Gründungsphase acht Lehrerstellen ausschrieb, gab es schnell 200 Bewerbungen. Auch Lehrer wollen offenbar lieber in einem anderen Lernklima arbeiten. Sie gaben ihre guten Positionen an staatlichen wie privaten Schulen auf, um an der ersten Free School mitzuwirken. In Thomas Packer fanden Toby Young und seine Mitstreiter einen passenden Schulleiter. »Deine Schule jemandem zu übergeben«, schreibt der Schulgründer, »bedeutet Vertrauensvorschuss. Unser Vertrauen in Tom und sein Team hat sich tausendfach ausgezahlt.«

Toby Young ist heute nicht mehr der Motor. Er sitzt im Beirat der Schule, die er gründen half. Noch ist keines seiner Kinder in der Schule, sie sind zu jung. Die Primarschule, die bald folgen wird, werden sie mit Sicherheit besuchen. Young ist neben seiner journalistischen Tätigkeit immer noch engagiert in der Free School -Bewegung. Er hat für alle, die eine Free School gründen wollen, das Buch How to Set up a Free School geschrieben. Interessanterweise hat er es sowohl dem früheren Labour-Bildungsminister, Andrew Adonis, wie dem gegenwärtigen Tory-Minister Michael Gove gewidmet. Beide Minister haben entscheidend dazu beigetragen, Schulgründungen aus Elterninitiativen zu fördern.