SchulsystemWenn Eltern Schule machen

Die erste Freie Schule in England will für alle offen bleiben – und gleichzeitig landesweit zu den besten gehören. von Christine Brinck

West London Free School

Schulkinder an der West London Free School in London  |  © REUTERS/Luke MacGregor

Ein Mädchen klopft vorsichtig an die Tür des Sekretariats. Sie trägt einen grauen Rock, schwarze Strumpfhosen, einen dunkelblauen Blazer mit silbergrauer Paspelierung, ein weißes Hemd, einen gestreiften Schlips und Sneakers, die in England Trainers heißen. Die trägt hier niemand, und darum geht es auch. Sie bittet um Erlaubnis, die Sportschuhe tragen zu dürfen, weil der Fuß wehtut. Die Sekretärin schickt das Mädchen zum Vizerektor. Dem trägt sie den Wunsch samt Empfehlung des Arztes noch einmal vor und bekommt – »für heute« – die Erlaubnis, in Trainers in der Schule herumzulaufen. »Danke«, sagt sie höflich und marschiert in den Unterricht.

Im überdachten Schulhof tummelt sich eine Klasse und macht den üblichen Lärm von Teenagern. Einem Lehrer, der an seinem Schreibtisch arbeitet, wird das zu viel. Er tritt vor die Tür, sagt nur laut und deutlich »Ruhe«, und es wird leise, auch als er längst wieder hinter seinem Schreibtisch verschwunden ist.

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Diese Szenen spielten sich nicht etwa in einer feinen, teuren Privatschule ab, wie der höfliche Ton und die sauberen Uniformen sämtlicher Schüler nahelegen, sondern in der West London Free School (WLFS), einer staatlichen Schule, die ein Elternkomitee gegründet hat.

Freie Schule? Wer dabei an Freiheit von Zwang, Zensuren, Hausaufgaben und Hierarchie denkt, hat vielleicht Nenas »Neue Schule« in Hamburg-Rahlstedt im Kopf oder denkt an Alexander Neills berühmte Summerhill-Schule. Die Freien SchulenFree Schools – in England haben aber ebenso wie die in Schweden oder in den USA etwas ganz anderes, um nicht zu sagen Gegensätzliches im Sinn. Sie wollen zeigen, dass man es besser (häufig auch billiger) machen kann als der Staat.

Eine Free School ist eine auslesefreie Schule, die vom Steuerzahler finanziert wird, aber unabhängig von staatlicher Kontrolle ist. Sie untersteht jedoch in der englischen Variante der Inspektion durch Ofsted (Office for Standards in Education) und ist gegenüber dem Bildungsminister rechenschaftspflichtig. Einfacher ausgedrückt: Eine Free School ist eine autonome öffentliche Schule, die staatlich finanziert wird, aber frei ist von den Forderungen, Einsprüchen und Gängeleien der lokalen Schulbehörden. Und, müsste man hinzufügen, der Lehrergewerkschaften. Die Schulbeiräte wählen ihr Personal entsprechend der Schulphilosophie.

Sapere aude! Latein ist Pflicht an der West London Free School

Inspiriert von ähnlichen Programmen in Schwedens Freien Schulen (seit 1992) oder amerikanischen Charter Schools (seit 1991), hat die seit 2010 in London regierende Koalition Eltern und Lehrergruppen ermuntert, Free Schools zu gründen. Die West London Free School war die erste Freie Schule dieser Art, die mit dem Bildungsminister ein Finanzierungsabkommen unterzeichnet hat. Im September 2011 wurde sie feierlich von Bürgermeister Boris Johnson eröffnet. »Floreat Free School West London!«, lateinisierte er.

Sapere aude! – diese von Horaz stammende und von Kant benutzte Aufforderung: Wage zu wissen! – ist das lateinische Motto der Schule. Latein bei einer Schule mit dem Gründungsdatum 2011? Nun, die Elterninitiative, die sich zwei Jahre lang durch ein Labyrinth von Anweisungen und beamtlichen Entmutigungen kämpfte, hatte sich zusammengefunden, weil sie eine Sekundarschule für ihre Kinder wollte, die hohe Ansprüche stellt, eindeutig in der Disziplin und akademisch rigoros sein sollte und doch offen für alle, egal welchen Glaubens, welchen Einkommens oder welcher Fähigkeiten. Darum Latein, darum: Sapere aude!

Motor des Unternehmens Free School war Toby Young. Autor des Bestsellers How to Lose Friends and Alienate People, Alleinunterhalter und Filmproduzent in den Neunzigern, Autor bei Vanity Fair in New York, heute Redakteur beim Spectator, Blogger beim Daily Telegraph und Kolumnist. Klingt nicht gerade wie der Mann, von dem zu erwarten war, dass er zwei Jahre seines Lebens der komplizierten Gründung einer Free School widmen würde. Young, 48, Vater von vier Kindern zwischen vier und neun Jahren alt, tat aber genau das. Er hielt die kleine Elterngruppe zusammen und überzeugte erfahrene Pädagogen, sich der Gruppe anzuschließen. Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Vater mit noch sehr jungen Kindern sich so früh um eine Sekundarschule kümmert? »Überhaupt nicht«, lautet seine Antwort. »Mittelschichtseltern haben nur ein Ziel: die beste Schule für ihre Kinder zu finden, dafür würden sie sogar umziehen.« Und die Privatschulen? »Die Oberschicht hat sich aus der öffentlichen Schule total verabschiedet, die kämpft nicht mehr für Qualität um die Ecke...«

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