Stand-by-TicketIn der Warteschleife

Mit einem Stand-by-Ticket wollte Lisa Maria Hagen von Paris nach Mexiko. Jetzt kennt sie den Flughafen Charles de Gaulle nur zu gut. von Lisa Maria Hagen

Eine Frau wartet im Flughafen Charles de Gaulle auf ihren Flug.

Eine Frau wartet im Flughafen Charles de Gaulle auf ihren Flug.   |  © REUTERS/Gonzalo Fuentes

Mein 32 Kilo schwerer Koffer schrappt über den Marmorboden, dann stehe ich am Schalter. Flughafen Charles de Gaulle, Paris. »Bonjour, ich möchte heute nach Mexiko fliegen«, sage ich und schiebe der Airline-Angestellten ein Blatt mit einem Buchungscode hin. »Da sind Sie nicht die Einzige«, erwidert die, »tragen Sie sich bitte in die Warteliste ein.«

Damit musste ich rechnen – ich habe nur ein Stand-by-Ticket: einen ermäßigten Flugschein, der längere Zeit gilt und auf keinen bestimmten Flug ausgestellt ist. Viele Airlines bieten solche Tickets an, für Mitarbeiter und deren Angehörige, in seltenen Fällen auch für deren Freunde. Eigentlich darf so ein Ticket nicht weiterverkauft werden, doch über die Schwester der Freundin eines Freundes habe ich eines bekommen. »Du wirst nur mitgenommen, wenn Plätze frei sind«, hatte sie noch gesagt, »vielleicht musst du also einen Tag warten, bevor du fliegen kannst.«

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Ich musste außerdem von Köln, wo ich studiere, erst mal im Zug nach Frankreich fahren, weil die Flüge nur ab Paris gehen. Aber wen schert das schon bei einem Schnäppchenpreis von 350 Euro? Jetzt kritzele ich meinen Namen unter die ersten dreißig auf der Warteliste. Gegenüber dem Schalter sitzt eine mexikanische Mutter mit ihren beiden Töchtern und beobachtet mich argwöhnisch. Ob sie auch auf der Liste stehen? Ich drehe eine kurze Besichtigungsrunde durch den Terminal 2E: eine Apotheke, ein Kiosk, ein Restaurant, Toiletten. Als ich zurückkomme, haben die Mexikanerinnen schon begonnen, unter und neben den Sitzen ein Nachtlager aufzuschlagen, das so manche Pyjamaparty in den Schatten stellen würde. Auch ich sehe mich nach einem Schlafplatz um – ein Hotel gibt mein Urlaubsbudget nicht her – und mache es mir schließlich auf der Bank des Flughafenrestaurants gemütlich. Ich fische noch eine Tafel Schokolade aus dem Rucksack und versurfe die 15 Minuten, die der Flughafen jeden Gast täglich gratis ins Internet lässt. Ein oder zwei Tage, maile ich meinen Freunden in Mexiko, werde ich später kommen, bis bald!

Um 4.30 Uhr früh rüttelt mich eine Kellnerin wach: »Get up, we have to clean!« Ich reibe mir den Schlafsand aus den Augen, schichte Koffer und Rucksack auf einen Gepäckwagen und wanke durch den Terminal. In einer Nische vor dem Aufzug schließe ich Gepäckwagen, Rucksack und Koffer mit einem Fahrradschloss zusammen, bette mein Haupt auf meine Handtasche und ziehe die Beine an den Bauch. Bequem ist das nicht – dafür aber abenteuerlich. »Jetzt wohne ich richtig am Flughafen, wie der Typ im Film Terminal«, denke ich belustigt, bevor ich wieder einschlafe.

Gegen neun kaufe ich mir ein Baguette und freue mich, dass mir der Aufenthalt immerhin ein französisches Frühstück beschert. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses mit 1,35 Euro ein Flughafenschnäppchen ist. Dann verbummle ich meine 15 Internetminuten auf Facebook, blättere in einer Zeitschrift, döse ein bisschen, gucke einen Film auf meinem Laptop und plaudere mit Enrique. Der war für ein Tenniscamp drei Monate lang in Deutschland und muss jetzt zurück, sein Touristenvisum läuft bald aus. Mit seinem Stand-by-Ticket muss er extrem Pech gehabt haben, er wartet schon seit einer Woche und kommt nicht weg. »Vielleicht ginge es schneller, wenn ich mich einfach abschieben lasse«, sagt er und grinst.

Meine Füße haben seit zwei Tagen kein Wasser gesehen. Meine Haare seit vier

Hinter uns huschen ein paar Sicherheitsbeamte durch den Terminal, irgendein Tourist hat sein Gepäck unbeaufsichtigt herumstehen lassen. Dann ist es 20.30 Uhr – zwei Stunden bevor der reguläre Check-in schließt. Ein Mann vom Bodenpersonal kommt zu uns und wedelt mit einem Zettel in der Hand. Wie Fische um Brotkrumen scharen sich alle Stand-by-Passagiere um ihn und warten auf seine Prognose für den heutigen Flug. »Die Maschine ist voll, sieht schlecht aus. Ich lasse die Warteliste da und hole sie nachher wieder ab«, sagt er knapp. Langsam ruft Enrique alle Namen auf. Wer sich nicht meldet, wird gestrichen.

Am nächsten Abend sind wieder keine Restplätze frei. In drei Tagen ist kein einziger Stand-by-Passagier geflogen. »Nicht nachdenken«, sage ich mir im Minutentakt und tue es trotzdem: Was, wenn ich hier so schnell nicht wegkomme? Auf meinem Laptop gucke ich drei Folgen meiner Lieblingsserie Breaking Bad, um mich abzulenken, werde aber immer nervöser. Vielleicht sollte ich mir doch ein reguläres Ticket kaufen? Abflugort »Paris«, Ziel »Mexico City«, Datum »in drei Tagen« gebe ich in die Maske der Suchmaschine ein. Eine Sanduhr dreht sich auf und ab. Dann das Ergebnis: »Bester Preis: 1490 Euro.« Ich schlucke.

Fünfter Tag. Neben mir sitzt Miriam, die mexikanische Mutter, mit ihren beiden Töchtern. Vor ihrem Frankreich-Urlaub sei sie befördert worden, erzählt sie. Inzwischen sollte sie ihren neuen Job bereits angetreten haben. Eine Woche Puffer hat der Chef ihr noch zugestanden, aber langsam rennt ihr die Zeit davon. »Wenn nicht bald was passiert, bin ich arbeitslos«, murmelt sie. Vor uns liegt Enrique seit zwei Stunden bewegungslos auf dem Boden. Ida weint. Seit einer Woche wartet sie schon. »Ich kann nicht mehr«, sagt sie. Einmal hat sie es bis in den Flieger geschafft, den Gurt schon festgezurrt, war bereit zum Abflug, als der fehlende Passagier in letzter Minute doch noch kam: »Wenn heute nichts vorangeht, fahre ich zurück nach Deutschland.« Ich selbst bin inzwischen apathisch. Gucke nicht mehr, starre nur noch. Bin dauermüde, aber kann nicht mehr schlafen. Ich laufe auf Stand-by.

Leserkommentare
  1. wartet sie noch heute?
    Ich schwankte die ganze Zeit zwischen Mitleid und Kopfschütteln, ob der Naivität zur Hochsaison auf ein StandBy-Ticket nach Mexico zu setzen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Ein Grund, weshalb ich als (ex) Airlinerin grundsätzlich nur in absoluten Notfällen Standby geflogen bin. Die Einsparung rechtfertigt den Streß in keinster Weise.

    3 Leserempfehlungen
    • Plupps
    • 29. November 2012 13:40 Uhr

    Kompletter Irrsin - aber schön zu lesen

  3. das in diesem schön geschriebenen Artikel erwähnt wird, empfehle ich das französische Original "Décalage horaire" von 2002 mit Jean Reno. Wem der Artikel gefallen hat, dem dürfte auch dieser Film gefallen. - Was mich wundert: gibt es wirklich keine Duschen auf diesem Flughafen?

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