Endlich der passende Schuh für den Gernegroß: Von Bottega Veneta, 850 Euro © Peter Langer

Ich bin nicht klein. Ich bin aber auch nicht groß. Nicht groß in dem Sinne, wie man heutzutage jemanden groß findet. Man hätte mich wohl vor 500 Jahren groß gefunden. Aber heute hält man meinesgleichen nicht mehr für groß. Damit kann ich leben, es hat ja jeder seinen eigenen Größenbegriff. Das Problem ist eher die Größe der anderen. Beim Kleiderkauf hatte ich bisher die Größe S. Das war zu verschmerzen. Nun aber häufen sich die Fälle, in denen mir nur die Größe XS passt.

Ich bin nicht kleiner geworden, aber um mich herum wird alles immer größer – und die Kleidermaße wachsen mit. Weil die Kunden mit XXL-Größen sich mehren – man ihnen jedoch die unangenehme (und konsumfeindliche) Einsicht ersparen will, dass sie übergroß sind. Die Kleidergrößen passen sich der Mehrheit an – und in der Konsequenz schrumpfen Menschen wie ich. So funktioniert der Markt. Gäbe es mehr Leute wie mich, trüge ich jetzt L.

Leider wachsen mir auch die Frauen über meinen Kopf, weil die Absätze immer höher werden. Frauen mögen das, weil Absätze schlanke Fesseln machen, das Bein strecken und den Hintern heben. Man muss sich nur Männer wie Sarkozy anschauen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie man darunter leiden kann: Damit seine Frau Carla Bruni ihn nicht überragt, trägt sie immer flache Schuhe.

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Es wäre für den nicht so großen Mann viel einfacher, wenn er ebenfalls hohe Schuhe tragen könnte. Das gab es ja schließlich schon einmal, das galt nicht als unmännlich. Selbst die Mongolen hatten hohe Absätze, damit sie besser im Steigbügel ihres Ponys Fuß fassen konnten. Auch Ludwig XIV ., der Sonnenkönig, liebte hohe Schuhe. Er machte sie im höfischen Frankreich sogar extrem populär.

Einiges spricht dafür, dass dem nicht so großen Mann von heute jetzt geholfen wird. So hat Bottega Veneta Stiefeletten für den Herrn präsentiert, die einen deutlichen Absatz haben. Natürlich habe ich sie gleich ausprobiert, ein bisschen Sonnenkönig, dachte ich, kann ja nicht schaden. Ich stolzierte ungefähr drei Meter durch die Redaktion, da mussten alle weiblichen Mitarbeiter, von Lachkrämpfen geschüttelt, die Arbeit einstellen. Der Schuh ist gut. Ich habe wohl nur nicht den richtigen Hintern dafür.