ZEIT: Wie verteidigen Sie sich?

Kremer: Zunächst analysieren wir die Methoden der Angreifer. Dazu locken wir sie auf isolierte Systeme, die Schwachstellen simulieren. Diese sogenannten Honigtöpfe sollen den Anschein leichter Ziele machen. Dabei können wir viel lernen. Wenn wir nämlich wissen, wo die Angreifer ansetzen, können wir unsere Schutzmaßnahmen gezielt verbessern. Und Sie glauben gar nicht, wie viele Viren, Trojaner und sonstige Schadprogramme im Netz unterwegs sind und hier ankommen. Als Spitzenwert haben wir innerhalb eines Tages 400.000 digitale Angriffe auf unsere Systeme registriert. Wie gesagt, ohne Schaden für unsere Kunden.

ZEIT: Ist dieser Wert repräsentativ für die ganze Industrie im Land?

Kremer: Vermutlich, aber ich weiß es nicht. Genau das ist ein ganz großes Problem. Wie die digitalen Angriffe auf deutsche Unternehmen insgesamt aussehen, ist weitgehend unbekannt. Wer attackiert wird, errichtet meist Mauern des Schweigens um sich, weil er um seine Reputation fürchtet. Diese Mauern müssen wir einreißen! Die deutsche Industrie kann sich auf Dauer nur effizient gegen digitale Bedrohungen schützen, wenn sie zusammenarbeitet. Deswegen setzen wir bei der Telekom auf Transparenz und haben beispielsweise den Hackerangriff vom September öffentlich gemacht. Vielleicht ist das ein Beispiel für andere, sich ebenfalls zu öffnen. Gemeinsam können wir uns viel besser wehren, denn die Angreifer rüsten ebenfalls auf.

ZEIT: Der Bundesinnenminister erwägt eine Meldepflicht für digitale Attacken.

Kremer: Dass Unternehmen Angriffe melden sollen, unterstützen wir. Wenn das nicht freiwillig funktioniert, brauchen wir eine Verpflichtung. Wir benötigen aber nicht nur Statistiken, sondern auch Abwehrstrategien.

ZEIT: Was schwebt Ihnen vor?

Kremer: Die IT- und Telekommunikationsindustrie sollte beispielsweise ein gemeinsames und unabhängiges Testzentrum einrichten. Darin könnten alle beteiligten Unternehmen kritische Netzkomponenten wie Router auf Sicherheit gegen digitale Angriffe überprüfen. Jeder stellt sein Wissen und seine Testverfahren zur Verfügung, damit alle voneinander lernen können. Neben den Unternehmen sollte sich auch die öffentliche Hand engagieren, konkret das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Am Ende steht womöglich eine Art TÜV-Siegel für digitale Sicherheit. Ein Prüfzeichen, dass ein technisches Produkt den strengsten deutschen IT-Sicherheitskriterien von Privatwirtschaft und Staat entspricht. Das muss nicht auf Deutschland beschränkt bleiben, auch ein europäisches Siegel ist vorstellbar.

ZEIT: Welche Unternehmen wollen dabei mitmachen?

Kremer: Namen will ich noch nicht nennen, aber das Interesse ist definitiv vorhanden. Wir stehen da ganz am Anfang. Zunächst brauchen wir die Unterstützung der Politik für das Thema.