Erivan HaubDurchs Weib zum Wein

Der Tengelmann-Patriarch Erivan Haub und seine Frau Helga bewirtschaften ein Öko-Gut am Kaiserstuhl. von Martin Both und

Erivan Haub mit Ehefrau Helga Haub beim Ball des Sports 2007 in Wiesbaden (Archivbild)

Erivan Haub mit Ehefrau Helga Haub beim Ball des Sports 2007 in Wiesbaden (Archivbild)  |  © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Metallplatten ummanteln den fensterlosen Betonklotz am Enselberg. »Roschtkäschtle« nennen die Anwohner im badischen Bischoffingen den Neubau, der hier auf dem Land wie ein verirrter Designbunker daherkommt. Dabei passt der rostige Rotton ganz gut zu dem Grün der Burgunderreben am Berg – hochmoderne Architektur für das Hunderte Jahre alte Weingut Abril.

Im Innern warten die neuen Besitzer: Helga und Erivan Haub, verheiratet seit 1958. Er ist ein alter Mann, gerade 80 Jahre geworden. Gesundheitlich wirkt er angeschlagen, vielleicht aber auch bloß erschöpft. Wieder einmal hat er einen Transatlantikflug von der amerikanischen Westküste hinter sich, das zieht sich, und von einem gewissen Alter an sind solche Reisen kein Spaß mehr. Man spürt die vielen Lebensjahre im Gespräch. Aber man spürt auch die Energie und den Stolz auf die unternehmerische Leistung, die der Alte noch immer besitzt. Auf eigenartige Weise korrespondiert das alles mit der Atmosphäre dieses Ortes; dem Betonbau, dem auch die bunten Designermöbel die beklemmende Anmutung nicht nehmen können. Raum und Menschen atmen Vergangenheit und Zukunft zugleich.

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Erivan Haub ist ein Patriarch, einer der großen alten Männer der deutschen Wirtschaft. Er steht in einer Reihe mit Karl und Theo Albrecht, den Aldi-Brüdern, Josef und Dieter Schwarz von Lidl und dem einstigen Drogeriekönig Anton Schlecker. Allesamt geheimnisumwitterte Handelsbarone, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges Deutschland zu einem Land unbegrenzter Konsummöglichkeiten machten. Große Marken sind bis heute mit dem Namen Haub verknüpft: allen voran die Tengelmann-Supermärkte, aber auch die Baumärkte Obi, die Textilkette Kik und der Lebensmitteldiscounter Plus. Darüber wurden die Haubs zu einer der reichsten Familien Deutschlands. Ihr Vermögen wird heute auf vier Milliarden Euro geschätzt.

Handelshaus

Die Unternehmensgruppe Tengelmann gehört zu den großen Handelsimperien Europas. Das Familienunternehmen, das auf eine 145-jährige Geschichte zurückblicken kann, erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,8 Milliarden Euro und beschäftigte mehr als 83000 Mitarbeiter. Zu Tengelmann gehören die Kaiser’s-Supermärkte, die Baumarktkette Obi und der wegen der Zustände bei asiatischen Lieferanten umstrittene Textildiscounter Kik. Überdies ist Tengelmann an Netto, Tedi und Woolworth beteiligt.

An der Spitze der Holding mit Sitz in Mülheim an der Ruhr steht der 52-jährige Karl-Erivan Haub, der die Führung im Jahr 2000 von seinem Vater übernahm.

Sein Bruder Christian Haub kümmerte sich bis vor Kurzem um das Handelsgeschäft der Familie in den USA. Dort kontrollierten die Haubs seit 1979 die Supermarktkette A&P, die vor allem im Nordosten der USA aktiv ist und deren Geschichte bis in das Jahr 1859 zurückreicht. 2010 geriet das amerikanische Unternehmen in Schwierigkeiten und musste Gläubigerschutz beantragen. Nach Ende eines Planinsolvenzverfahrens zogen sich die Haubs zurück. Neue Investoren arbeiten weiter an einer anderen Ausrichtung von A&P.

Christian Haub investiert heute als Chef der familieneigenen Beteiligungsfirma Emil Capital Partners in Start-ups.

»Man muss auch wieder schrumpfen. Es soll uns nicht gehen wie Schlecker«

Die Haubs zu treffen ist eine ausgesprochene Seltenheit. Wenn irgend möglich, meiden sie die Öffentlichkeit. »Wir wollen das nicht«, erzählt Helga Haub. »Dass wir heute mit Ihnen sprechen, tun wir auch unserem Weingut zuliebe. Mit Tengelmann hat das überhaupt nichts zu tun.« Es stimmt: Schon zur Jahrtausendwende hat Erivan Haub die Führung der Unternehmensgruppe an die jüngere Generation abgegeben. Seine Söhne führen seither die Geschäfte der Firmengruppe aus Mülheim. »Sie informieren mich regelmäßig«, sagt der Senior, »aber in meinem Alter sollte man so etwas nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Da ist ja absehbar, dass man morgen nicht mehr da ist, da muss die nächste Generation längst im Geschäft stehen und voll Verantwortung tragen.«

Und doch kann man von Haub senior noch heute etwas lernen. Es gibt nicht mehr viele, die berichten können, wie das war, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Als sich, durch eine Mauer getrennt, zwei Deutschlands entwickelten und stellvertretend zwei Wirtschaftssysteme um die globale Vorherrschaft kämpften.

Haub konnte das Familienimperium ausbauen, dabei reich werden. »Selbstvertrauen, ein gutes Bauchgefühl und Lebensfreude« hätten ihm den Weg zum Erfolg geebnet. Und Verantwortungsbewusstsein. »Wenn Sie ein Vermögen haben, tragen Sie auch eine unglaubliche Verantwortung«, sagt er. »Ich hatte in der Spitze mal 120.000 Mitarbeiter, und diese mehr oder minder verstreut über die ganze Welt. Da müssen Sie sich schon am Riemen reißen, dass Sie denen ein Vorbild sind und die Leute nicht enttäuschen.«

Rückblickend war es wohl besonders vorbildlich, die Führung der Unternehmensgruppe mitten in dessen größter Krise abgegeben zu haben. Die Supermärkte verloren Kunden, der Discounter Plus war nicht billig genug, um gegen Aldi und Co. zu bestehen, und nicht so hochwertig, um für die Oberschicht attraktiv zu sein. Um die Jahrtausendwende drohte den Tengelmännern dasselbe Schicksal, das später Karstadt, Quelle und Schlecker ereilte: Sie alle waren auf jene Mittelschicht ausgerichtet, die Deutschland durch ihre Kaufkraft ökonomisch stark gemacht hatte, nun aber zu erodieren begann. Dass die Gesellschaft auseinanderzudriften drohte, in reicher und ärmer, bekamen viele jener Handelsunternehmen zu spüren, die nicht genau wussten, wofür sie standen.

Leserkommentare
    • ludna
    • 02. Dezember 2012 18:50 Uhr

    "Mit den amerikanischen Steuerbehörden ist nicht zu spaßen"

    Ja, die USA toll finden, aber wenn es ernst wird, lieber zurück nach D und für die CDU spenden.

    4 Leserempfehlungen
  1. wie dieser Artikel, dann sind die Portraitierten wohl die Lichtgestalten Deutschlands.

    3 Leserempfehlungen
    • Xdenker
    • 02. Dezember 2012 19:28 Uhr

    ... von wegen "steht in einer Reihe mit", wie es im Text auf der Übersichtsseite heißt.

    Erivan Haubs unternehmerische Leistung ist durchaus beachtenswert. Aber sie reicht sowohl, was die Innovationshöhe, als auch den wirtschaftlichen Erfolg angeht, bei weitem nicht an die der Albrecht-Brüder heran.

    Im Unterschied zu Schlecker hat er allerdings erkannt, das es Zeit war, auszusteigen, als es soweit war. Er hat's gerade noch hin bekommen.

  2. Warum muessen wir immer das negative suchen ? ist hier vielleicht auch Neid im Spiel? Hier wird ein Ehepaar portraitiert, dass offensichtlich verantwortungsvoll und nachhaltig unternehmerisch taetig war. Den Aufbau der BRD mitgeformt hat etc.
    Ob ich nun politisch mit Ihnen einer Meinung bin ? bestimmt nicht . Ob ich glaube das sie immer mit samthandschuhen agiert haben ? Bestimmt nicht ! Kein Mensch der solche Macht haelt ist ohne genauso grossen Schatten und ?
    Hier haben wir das Beispiel von jemanden der bereit war diese Macht auch wieder abzugeben, der klar international denkt .
    Hut ab fuer Famile Haub . und danke an die redaktion fuer eine der immer seltener werdenden positiven Nachrichten !

    Eine Leserempfehlung
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    • mee2
    • 03. Dezember 2012 1:13 Uhr

    Wenn hier davon die Rede ist, dass dem Artikel durchaus eine kritische Würdigung des Wirkens wohlgetan hätte, so hat das NIX mit schlechtreden zu tun !

    • Sirisee
    • 02. Dezember 2012 23:45 Uhr

    ... das sind halt Unternehmerpersönlichkeiten. Ihnen sei der Reichtum gegönnt.

    Seltsam, dass denen so eine NS-Biographie wirklich ein Anliegen zu sein scheint...Ich fände es eher von Interesse, ob und welche Marktabsprachen getroffen wurden. Bitte, Familie Haub, schreibt doch darüber mal etwas auf...

  3. Sicherlich ist es zu beachten, dass der beschriebene Unternehmer sich zu seiner Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern bekennt, dennoch würden die sich sicher mehr an einer Gewinnteilhabe als an warmen Worten erfreuen. Wieso findet es niemand erstaunlich, dass Menschen die ausgerechnet mit dem Grundbedürfnis Lebensmittel handeln, solche enormen Gewinne beiseite schieben? Die "unternehmerische" Leistung der Aldi Brüder findet viele Bewunderer, obwohl die tausenden Kassierer und anderen Angestellten bei einem Jahreslohn von (Brutto) 20.000 Euro, ca 16.000 netto wenn man sie günstig wohnen lässt;12 Monate im Jahr 6.000, bleiben 10.000, sagen wir 2000 für Essen, 1000 für Kleidung im Jahr sind wir bei 7.000 minus 1.200 für die Jahreskarte im Nahverkehr, 5.800. Haben diese Menschen also keine Freizeitvergnügen und arbeiten für 50 Jahre bei Aldi haben sie wohlwollend die Chance 290.000 Euro zu sparen. Wie kann man sich da für eine Einzelperson (Einen der Aldi-Brüder) freuen die dem 17.000.000.000 Euro entgegenstellt ?

    Verrückte Welt.

    4 Leserempfehlungen
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    Sie machen einen Denkfehler, der gerne und häufig gemacht wird. Wenn Sie schon jemanden nach seinem Vermögen beurteilen wollen, dann müßten Sie eigentlich darauf abzielen, welche Ressourcen, er, der Unternehmer, für sich persönlich in Anspruch nimmt. Alles andere, also die Ressourcen, die diese Person nicht für sich persönlich beansprucht, ist ja irgendwie im Wirtschaftkreislauf verteilt. Wenn jetzt jemand wie Haub mit bis zu 120.000 Mitarbeitern sich eine große Villa auf seinem privaten Weingut gönnt, dann hat der unter Umständen einen geringeren Ressourcenbedarf pro Mitarbeiter als der Handwerksmeister mit drei Angestellten irgendwo in der Provinz, der sich eine gehobene Mittelklasselimousine neu kauft. Nur mal so exemplarisch durchdacht ohne dies hier explizit an genau diesem Rechenbeispiel festmachen zu wollen. Alles andere läuft nämlich nur auf eine Verteilungsbetrachtung aller Nichtunternehmer untereinander raus. Die wird aber praktisch nie angestellt, da es viel einfacher ist auf die bösen und gierigen Unternehmer zu schimpfen.

    Rechnen Sie sich doch einmal die Lohnsumme aus, die an die Angestellten der Firma Tengelmann geflossen sind. Inkl. Lohnnebenkosten liegt diese bei 85.000 Angestellten bei ca. 3 Mrd Euro pro Jahr. In Ihrer Betrachtung wird unterstellt, dass jeder andere diese Leistung genauso gut erbringen hätte können. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Viele Unternehmen scheitern an ihren Zielen, weil sie es eben nicht schaffen auf Dauer Gewinn zu erwirtschaften, d.h. die Bedürfnisse der Kunden so zu bedienen, wie dieser es sich erwartet.

    • mee2
    • 03. Dezember 2012 1:13 Uhr

    Wenn hier davon die Rede ist, dass dem Artikel durchaus eine kritische Würdigung des Wirkens wohlgetan hätte, so hat das NIX mit schlechtreden zu tun !

  4. Sie machen einen Denkfehler, der gerne und häufig gemacht wird. Wenn Sie schon jemanden nach seinem Vermögen beurteilen wollen, dann müßten Sie eigentlich darauf abzielen, welche Ressourcen, er, der Unternehmer, für sich persönlich in Anspruch nimmt. Alles andere, also die Ressourcen, die diese Person nicht für sich persönlich beansprucht, ist ja irgendwie im Wirtschaftkreislauf verteilt. Wenn jetzt jemand wie Haub mit bis zu 120.000 Mitarbeitern sich eine große Villa auf seinem privaten Weingut gönnt, dann hat der unter Umständen einen geringeren Ressourcenbedarf pro Mitarbeiter als der Handwerksmeister mit drei Angestellten irgendwo in der Provinz, der sich eine gehobene Mittelklasselimousine neu kauft. Nur mal so exemplarisch durchdacht ohne dies hier explizit an genau diesem Rechenbeispiel festmachen zu wollen. Alles andere läuft nämlich nur auf eine Verteilungsbetrachtung aller Nichtunternehmer untereinander raus. Die wird aber praktisch nie angestellt, da es viel einfacher ist auf die bösen und gierigen Unternehmer zu schimpfen.

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