Metallplatten ummanteln den fensterlosen Betonklotz am Enselberg. »Roschtkäschtle« nennen die Anwohner im badischen Bischoffingen den Neubau, der hier auf dem Land wie ein verirrter Designbunker daherkommt. Dabei passt der rostige Rotton ganz gut zu dem Grün der Burgunderreben am Berg – hochmoderne Architektur für das Hunderte Jahre alte Weingut Abril.

Im Innern warten die neuen Besitzer: Helga und Erivan Haub, verheiratet seit 1958. Er ist ein alter Mann, gerade 80 Jahre geworden. Gesundheitlich wirkt er angeschlagen, vielleicht aber auch bloß erschöpft. Wieder einmal hat er einen Transatlantikflug von der amerikanischen Westküste hinter sich, das zieht sich, und von einem gewissen Alter an sind solche Reisen kein Spaß mehr. Man spürt die vielen Lebensjahre im Gespräch. Aber man spürt auch die Energie und den Stolz auf die unternehmerische Leistung, die der Alte noch immer besitzt. Auf eigenartige Weise korrespondiert das alles mit der Atmosphäre dieses Ortes; dem Betonbau, dem auch die bunten Designermöbel die beklemmende Anmutung nicht nehmen können. Raum und Menschen atmen Vergangenheit und Zukunft zugleich.

Erivan Haub ist ein Patriarch, einer der großen alten Männer der deutschen Wirtschaft. Er steht in einer Reihe mit Karl und Theo Albrecht, den Aldi-Brüdern, Josef und Dieter Schwarz von Lidl und dem einstigen Drogeriekönig Anton Schlecker. Allesamt geheimnisumwitterte Handelsbarone, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges Deutschland zu einem Land unbegrenzter Konsummöglichkeiten machten. Große Marken sind bis heute mit dem Namen Haub verknüpft: allen voran die Tengelmann-Supermärkte, aber auch die Baumärkte Obi, die Textilkette Kik und der Lebensmitteldiscounter Plus. Darüber wurden die Haubs zu einer der reichsten Familien Deutschlands. Ihr Vermögen wird heute auf vier Milliarden Euro geschätzt.

»Man muss auch wieder schrumpfen. Es soll uns nicht gehen wie Schlecker«

Die Haubs zu treffen ist eine ausgesprochene Seltenheit. Wenn irgend möglich, meiden sie die Öffentlichkeit. »Wir wollen das nicht«, erzählt Helga Haub. »Dass wir heute mit Ihnen sprechen, tun wir auch unserem Weingut zuliebe. Mit Tengelmann hat das überhaupt nichts zu tun.« Es stimmt: Schon zur Jahrtausendwende hat Erivan Haub die Führung der Unternehmensgruppe an die jüngere Generation abgegeben. Seine Söhne führen seither die Geschäfte der Firmengruppe aus Mülheim. »Sie informieren mich regelmäßig«, sagt der Senior, »aber in meinem Alter sollte man so etwas nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Da ist ja absehbar, dass man morgen nicht mehr da ist, da muss die nächste Generation längst im Geschäft stehen und voll Verantwortung tragen.«

Und doch kann man von Haub senior noch heute etwas lernen. Es gibt nicht mehr viele, die berichten können, wie das war, in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Als sich, durch eine Mauer getrennt, zwei Deutschlands entwickelten und stellvertretend zwei Wirtschaftssysteme um die globale Vorherrschaft kämpften.

Haub konnte das Familienimperium ausbauen, dabei reich werden. »Selbstvertrauen, ein gutes Bauchgefühl und Lebensfreude« hätten ihm den Weg zum Erfolg geebnet. Und Verantwortungsbewusstsein. »Wenn Sie ein Vermögen haben, tragen Sie auch eine unglaubliche Verantwortung«, sagt er. »Ich hatte in der Spitze mal 120.000 Mitarbeiter, und diese mehr oder minder verstreut über die ganze Welt. Da müssen Sie sich schon am Riemen reißen, dass Sie denen ein Vorbild sind und die Leute nicht enttäuschen.«

Rückblickend war es wohl besonders vorbildlich, die Führung der Unternehmensgruppe mitten in dessen größter Krise abgegeben zu haben. Die Supermärkte verloren Kunden, der Discounter Plus war nicht billig genug, um gegen Aldi und Co. zu bestehen, und nicht so hochwertig, um für die Oberschicht attraktiv zu sein. Um die Jahrtausendwende drohte den Tengelmännern dasselbe Schicksal, das später Karstadt, Quelle und Schlecker ereilte: Sie alle waren auf jene Mittelschicht ausgerichtet, die Deutschland durch ihre Kaufkraft ökonomisch stark gemacht hatte, nun aber zu erodieren begann. Dass die Gesellschaft auseinanderzudriften drohte, in reicher und ärmer, bekamen viele jener Handelsunternehmen zu spüren, die nicht genau wussten, wofür sie standen.