Valery TscheplanowaSie verrät viel, aber sie gibt nichts preis

In der Schauspielschule hat man ihr vorgeworfen, sie könne nicht verführen. Auf der Bühne in Frankfurt widerlegt sie dieses Fachidioten-Urteil: Begegnungen mit Valery Tscheplanowa, einer der besten Theaterschauspielerinnen unserer Zeit. von Martin Eich

Drei Gespräche hatten Schauspielerin und Journalist verabredet, und nach dem ersten kommt mitten in den Theaterferien eine E-Mail mit Fragen. Gott, Willensfreiheit, Moral, Charakter: Dazu will Valery Tscheplanowa vom Schreiber eine Position, eine Haltung. Der langen Antwort folgt erst nichts, dann eine kurze Replik. Vom nächsten Treffen an werde sie nicht mehr über sich reden, es sei alles gesagt: »Denn wäre das Sich-Brüsten zu vermeiden, spräche ich über mich? Aber gemeinsam denken! Davon kriege ich nie genug.«

Sätze, die viel verraten, indem sie nichts preisgeben. Und die zu ihrer Erscheinung passen, der nichts Grelles, Auftrumpfendes eignet. Die blonden, unauffällig frisierten Haare, die braun-grünen Augen, die jedem Blick standhalten, ohne dass daraus ein Duell wird: Ein sanfter Glamour umgibt sie, eine Wirkung, die zuerst beruhigt, bevor sie reizt. In Frankfurt, wo die 32-jährige Russin in der vierten Spielzeit zum Ensemble des Schauspiels gehört, wirkt sie wie der Gegenentwurf zur nüchternen Welt der Bilanzen und Börsenmeldungen. Seht, ich bin das Unergründliche, das sich entzieht. Und das Flüchtige, das als Erinnerung bleibt.

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Ihr Weg begann auf halber Strecke zwischen Moskau und Jekaterinburg, in Kasan. Dort und im einige Bahnkilometer entfernten Wassiljewo wuchs sie auf. Es war eine Kindheit der Extreme. Die Millionenstadt und der ehemalige Kurort, nur ein größeres Dorf an der Wolga, die grüne Endlosigkeit der vom Sommerwind aufgerauten Steppe und das Holzhaus, das sie und ihre Urgroßmutter mit drei anderen Parteien teilen mussten: Enge und Weite gehören zu den ersten und eindrücklichsten Erfahrungen ihres Lebens. Wie die Spielplatzbesuche mit ihrem Vater, einem Mathematiker. Andere Kinder schaukelten, sie saß mit ihm auf einer Bank und löste Gleichungen. Mit acht Jahren kam sie mit ihrer Mutter in die norddeutsche Provinz, in ein unbekanntes Land mit einer fremden Sprache. Ihr Spielkamerad war in diesen Jahren ein verwildertes, traumatisiertes Pony, das nur ihre Nähe duldete. Gemeinsam zogen die ungleichen Gefährten umher, und vielleicht entstand schon damals Tscheplanowas Ideal einer selbstgenügsamen Existenz. Heute sucht sie Menschen, die sich mit der Stille und sich selbst abgefunden haben. Sie wohnt zur Untermiete bei einer 92-Jährigen, und zum ersten Gespräch kommt sie aus Koblenz, wo sie regelmäßig eine Nonne besucht, die ihr Inspiration ist.

Die Bühne wird zum Königreich, wenn ihre Maria Stuart erscheint

Tscheplanowa, die keinen Fernseher besitzt, verweigert sich der Moderne. Sie schreibt, dichtet, zeichnet, erschafft Mikrokosmen des Eigenen, Unangreifbaren. Jeden Tag. Deshalb weiß sie mehr über Idee und Umsetzung als viele Regisseure. In Alice im Wunderland ist das auf der Bühne zu sehen: Ihre blutjungfräuliche Alice scheint zu schweben und ist doch ganz diesseitig, die Fantasie eingefangen in der Präzision der Darstellung. Die Bewegungen sind fließend, ihre Schritte kurz, und ein schlafwarmer Ausdruck deutet zunächst mehr an, als der Text offenbart. Die Inszenierung bleibt im Vagen, bis Tscheplanowas Spiel – als würde sich ihr zierlicher Körper weiten – immer präsenter und raumgreifender wird und die Imagination die Realität übertrifft. Diese Wirkung bestimmt die Dramaturgie des Abends, aber abgesprochen mit dem Regisseur ist sie nicht – sie ergibt sich aus ihrer Darstellung. So sehr sie manche Regisseure schätzt, so wenig würde sie sich von ihnen einen Rhythmus aufzwingen lassen. »Männer setzen eine Schauspielerin gerne in Szene«, sagt sie, und das Aber-mich-nicht schwebt unausgesprochen im Raum. Mit Regisseurinnen sei das Arbeiten anders, schiebt sie nach: Da herrsche eine größere Nähe und deshalb mehr Mut zum Experiment.

Alice im Wunderland: Valery Tscheplanowa, Schauspiel Frankfurt

Alice im Wunderland: Valery Tscheplanowa, Schauspiel Frankfurt  |  © Alexander Paul Englert

Valery Tscheplanowa verkörpert etwas schwer Greifbares: die Magie des Moments. Wie in Remake: Rosemarie, als sie die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt verkörperte, ein legendäres Opfer der Frankfurter Lokalgeschichte. Es war ein Nahkampf zwischen dem Publikum und Tscheplanowa, dem alle Grenzen zum Opfer fielen. Einzeln traten Zuschauer, die längst zu Mitwirkenden geworden waren, in den engen Raum, um von ihr angesprochen, umgarnt, umworben zu werden. Für viele Schauspielerinnen wäre es unerträglich gewesen. Für sie war es Vollendung. Das Unmittelbare der Begegnung, das Authentische im Fiktionalen, die in der Frage »Darf ich dich küssen?« gipfelnde Überschreitung einer Barriere – all das entsprach ihrem Theater-Ideal.

»Du kannst nicht verführen« – das war Valery Tscheplanowa während des Schauspielstudiums vorgeworfen worden. Auf der Bühne widerlegt sie dieses Urteil. Für ihre Maria Stuart war sie im vergangenen Jahr für den Faust-Theaterpreis nominiert, es ist eine Rolle, die einer Darstellerin im raschen Wechsel Demut wie Größe abverlangt: Die Bühne wird zum Königreich, um das Maria und Elisabeth mit Vehemenz ringen, und Tscheplanowa gelingt es virtuos, die Entschlossenheit der unterlegenen Schottin allein durch das Spiel der Gesichtsmuskeln zu zeigen, ehe die Maske der Selbstbeherrschung jeden Ausdruck zur Erstarrung bringt.

Und weil sie die Eleganz der Reduktion liebt, fehlt ihr der Regisseur Jürgen Gosch. Erzählt sie von ihm, schließt sie die Augen. Sie gehörte zum Ensemble, als Gosch vor drei Jahren in Berlin am Deutschen Theater Roland Schimmelpfennigs Idomeneus (nach Homer) inszenierte, nur wenige Monate vor seinem Tod. Vom Krebs gezeichnet, schlief Gosch während der Proben immer wieder ein, und wenn er erwachte, tröstete er die weinenden Schauspieler ohne jedes Selbstmitleid. Diese Selbstbeherrschung, diese Zurücknahme der eigenen Person haben sie ergriffen.

Kürzlich hat Tscheplanowa in Günter Krämers aktueller Frankfurter Inszenierung von Goethes Faust. Zweiter Teil die Helena gespielt. Diese Frau, in einen Firnis unerschütterlicher Überlegenheit gebannt, kündet den Männern statt von der Erfüllung vom Verfall. Sie teilt mit einem Blick, der den Dingen ihr Mal aufdrückt, ihr Wesen mit: Nackt und selbstgewiss steht Tscheplanowa auf der Bühne, die Augen sind weit geöffnet, starr, als hinge Helenas ganzer Körper von der Kraft ihres Blickes ab. Eine kurze Drehung, ein Ausbruch aus der Erstarrung, und ihre Macht steigert sich noch. Solche Präsenz kann keine Schauspielschule lehren. Einer Inszenierung, die sonst ein blank poliertes Nichts wäre, verleiht Tscheplanowa eine Daseinsberechtigung.

Im Unterricht wird sie plötzlich von Lachkrämpfen geschüttelt

Überhaupt: Wie verträgt sich das, was sie will, mit dem, was aus dem Schauspiel Frankfurt geworden ist? Jener Trutzburg der Selbstvergewisserung, in der man unter dem Intendanten Oliver Reese (»Wir schreiben gerade die größte Erfolgsgeschichte seit Jahrzehnten«) längst das Zweifeln verlernt hat. Ihre Antwort ist ein Schweigen.

Bei der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman Der Turm nutzte der Regisseur Christian Schwochow ihren unbeugsamen Eigensinn. »Valery ist klug und eine wunderbare Mischung aus Kraft und Durchlässigkeit. An ihr ist nichts Profanes«, sagt Schwochow, der sie auf der Bühne des Deutschen Theaters gesehen hatte und sofort mir ihr drehen wollte. Sie spielt im Turm eine regimekritische Schriftstellerin, und dieser Charakter liegt ihr: Tscheplanowa ist selbst eine Widerständige, die in der Oberstufe aus dem Gymnasium floh und für einige Wochen auf der Straße lebte. Während des Unterrichts war die bisherige Musterschülerin plötzlich von Lachkrämpfen geschüttelt worden, als gälte es, die These des sowjetischen Literaturwissenschaftlers und Dissidenten Michail Bachtin vom Lachen als Werkzeug der Subversion zu illustrieren. Später stieg sie an der Berliner Ernst-Busch-Schule aus allen Studioinszenierungen aus, weil ihr die Vorgaben zu eng geworden waren. Schwochow erkannte diese Prägung und nützte sie – Tscheplanowa gibt ihre Figur hochgeschlossen, renitent und unnahbar. In Gedanken verbissen, sagt sie in einer der markantesten Einstellungen einen Satz, der auf Frankfurt bezogen sein könnte: »So einfach ist es aber: Dafür oder dagegen.«

Am Ende, nach den vereinbarten drei Treffen, ein Aufbegehren. Nein, sie werde keine Zitate autorisieren, alles andere wäre ein Rühmen, Aufplustern. Die Gegenargumente prallen an ihr ab, sie lässt sich nicht umstimmen. Ob der Journalist mit dem Porträt überhaupt nicht noch einige Jahre warten wolle. Was sie zu sagen habe, müsse sie auf der Bühne ausdrücken. Eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart will nicht erklären, nur darstellen. Archaisch, auf den Gegenstand konzentriert. Hoffnungslos anachronistisch. Und damit in die Zukunft weisend.

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Leserkommentare
    • Hagmar
    • 03. Dezember 2012 9:52 Uhr

    fürchtet die Schauspielerin.
    Sorry, aber für mich ist dies ein selbstverliebter, aufgeplusterter Text.

    • Z.Geist
    • 10. November 2013 19:37 Uhr

    Ich muss Hagmar Recht geben. Ich habe Tscheplanowa auf der Bühne mehrfach gesehen und was ihr in diesem Artikel attestiert wird, diese unnachahmliche Präsenz und das "Reduzierte", konnte ich dort nicht sehen und in diesem Artikel auch nicht wiederfinden. Für mich klingt das alles schwer nach Star-Allüren.

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