Valery TscheplanowaSie verrät viel, aber sie gibt nichts preis
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 Solche Präsenz kann keine Schauspielschule lehren

Kürzlich hat Tscheplanowa in Günter Krämers aktueller Frankfurter Inszenierung von Goethes Faust. Zweiter Teil die Helena gespielt. Diese Frau, in einen Firnis unerschütterlicher Überlegenheit gebannt, kündet den Männern statt von der Erfüllung vom Verfall. Sie teilt mit einem Blick, der den Dingen ihr Mal aufdrückt, ihr Wesen mit: Nackt und selbstgewiss steht Tscheplanowa auf der Bühne, die Augen sind weit geöffnet, starr, als hinge Helenas ganzer Körper von der Kraft ihres Blickes ab. Eine kurze Drehung, ein Ausbruch aus der Erstarrung, und ihre Macht steigert sich noch. Solche Präsenz kann keine Schauspielschule lehren. Einer Inszenierung, die sonst ein blank poliertes Nichts wäre, verleiht Tscheplanowa eine Daseinsberechtigung.

Im Unterricht wird sie plötzlich von Lachkrämpfen geschüttelt

Überhaupt: Wie verträgt sich das, was sie will, mit dem, was aus dem Schauspiel Frankfurt geworden ist? Jener Trutzburg der Selbstvergewisserung, in der man unter dem Intendanten Oliver Reese (»Wir schreiben gerade die größte Erfolgsgeschichte seit Jahrzehnten«) längst das Zweifeln verlernt hat. Ihre Antwort ist ein Schweigen.

Bei der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman Der Turm nutzte der Regisseur Christian Schwochow ihren unbeugsamen Eigensinn. »Valery ist klug und eine wunderbare Mischung aus Kraft und Durchlässigkeit. An ihr ist nichts Profanes«, sagt Schwochow, der sie auf der Bühne des Deutschen Theaters gesehen hatte und sofort mir ihr drehen wollte. Sie spielt im Turm eine regimekritische Schriftstellerin, und dieser Charakter liegt ihr: Tscheplanowa ist selbst eine Widerständige, die in der Oberstufe aus dem Gymnasium floh und für einige Wochen auf der Straße lebte. Während des Unterrichts war die bisherige Musterschülerin plötzlich von Lachkrämpfen geschüttelt worden, als gälte es, die These des sowjetischen Literaturwissenschaftlers und Dissidenten Michail Bachtin vom Lachen als Werkzeug der Subversion zu illustrieren. Später stieg sie an der Berliner Ernst-Busch-Schule aus allen Studioinszenierungen aus, weil ihr die Vorgaben zu eng geworden waren. Schwochow erkannte diese Prägung und nützte sie – Tscheplanowa gibt ihre Figur hochgeschlossen, renitent und unnahbar. In Gedanken verbissen, sagt sie in einer der markantesten Einstellungen einen Satz, der auf Frankfurt bezogen sein könnte: »So einfach ist es aber: Dafür oder dagegen.«

Am Ende, nach den vereinbarten drei Treffen, ein Aufbegehren. Nein, sie werde keine Zitate autorisieren, alles andere wäre ein Rühmen, Aufplustern. Die Gegenargumente prallen an ihr ab, sie lässt sich nicht umstimmen. Ob der Journalist mit dem Porträt überhaupt nicht noch einige Jahre warten wolle. Was sie zu sagen habe, müsse sie auf der Bühne ausdrücken. Eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart will nicht erklären, nur darstellen. Archaisch, auf den Gegenstand konzentriert. Hoffnungslos anachronistisch. Und damit in die Zukunft weisend.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • Hagmar
    • 03. Dezember 2012 9:52 Uhr

    fürchtet die Schauspielerin.
    Sorry, aber für mich ist dies ein selbstverliebter, aufgeplusterter Text.

    • Z.Geist
    • 10. November 2013 19:37 Uhr

    Ich muss Hagmar Recht geben. Ich habe Tscheplanowa auf der Bühne mehrfach gesehen und was ihr in diesem Artikel attestiert wird, diese unnachahmliche Präsenz und das "Reduzierte", konnte ich dort nicht sehen und in diesem Artikel auch nicht wiederfinden. Für mich klingt das alles schwer nach Star-Allüren.

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