MedienUnter Beobachtung

Tugendterror? Die Medien zeigen empört auf den fehlbaren Einzelnen, tatsächlich aber meinen sie die Unmoral der Märkte. von Bernd Stiegler

Der Vorwurf, Medien verübten »Tugendterror«, trifft fraglos eine unübersehbare Tendenz der Zeit. Aber dieses Verhalten nur zu brandmarken greift zu kurz. Woher kommt der neuerdings erhobene radikaltugendhafte Ton?

Die Moralisierung in den Medien hat Gründe, die sich unter der weißen Weste der proklamierten Tugendhaftigkeit verbergen. Ihr Pendant im Internet heißt bezeichnenderweise Shitstorm, ohne deshalb weniger moralisch daherzukommen. Kaum jemand, der in der Öffentlichkeit steht, ist vor den Tugend-Attacken der Medien geschützt. Von Ex-Bundespräsident Christian Wulff über den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bis hin zu den wechselseitigen Angriffen der Piraten werden unablässig Einkommen verglichen, Kontoauszüge aufgeblättert, Honorare vorgerechnet und Verträge diskutiert.

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Charakteristisch für all diese Skandalisierungen ist der nahtlose Wechsel vom Finanziellen zum Moralischen. Das ist dort, wo es um justiziable Fragen oder um ein offenkundiges Überschreiten bestehender Gesetze oder Regeln geht, weder verwerflich noch grundsätzlich zu kritisieren, sondern vielmehr eine maßgebliche Funktion der Medien. Dieser Aufgabe kommen sie allerdings mit einem auffälligen Enthusiasmus nach, mit offener Häme und einem derart ungebremsten Furor, dass am Ende auch solche Privatangelegenheiten öffentlich gemacht werden, die an den Ausgangspunkt der Entrüstung nur noch entfernt erinnern.

Medien machen Finanzfragen zu Fragen der Moral. Sie deuten das Finanzgebaren des Einzelnen als Indikator seiner Tugend und sehen in der individuellen Finanzmoral ein Kennzeichen für die Verlässlichkeit der gesamten Person. Mit einem Wort: In den Medien wird Geld zu einer moralischen Währung und der Kontoauszug zum Bekenntnis im öffentlichen Beichtstuhl.

Schwerlich kann man dabei übersehen, dass die von den Medien eingeklagte Tugendhaftigkeit im Finanziellen die Rückseite der moralischen Abstinenz des Finanzsektors ist. Der Finanzsektor zeichnet sich nachgerade dadurch aus, dass er weitgehend frei von moralischen Zwängen operieren kann. In seiner Idealkonstruktion ist der wirtschaftliche Raum genau jener Bereich des freien Marktes, der nicht den Imperativen der Moral gehorchen muss. Er ist per definitionem frei – und damit vor moralischen Anfechtungen geschützt.

Heute sind die Schattenseiten dieser eigentümlichen Moralfreiheit des Finanzsektors unübersehbar. Die Moralabstinenz der Ökonomie, die zumindest in Europa und insbesondere in der Bundesrepublik noch als Tugend angesehen werden konnte, erscheint inzwischen in anderem Licht. Darauf reagiert der Tugenddiskurs der Medien. Er wird zum Ventil einer ebenso berechtigten wie zornigen Kritik.

Allerdings findet diese Empörung an der glatten und ungreifbaren Oberfläche der abstrakten Finanzmärkte keinen Ansatzpunkt. Deshalb sucht die Wut händeringend nach Ersatzobjekten, die dann umso unbarmherziger unter Beschuss genommen werden. Solche Objekte des Furors sind zum Beispiel Finanztransaktionen einzelner Personen aus dem öffentlichen Leben. Ihre »Überweisungen« fungieren als Transfer in moralische Währungen.

Wie dieser Mechanismus funktioniert, konnte man unlängst bei dem Katz-und-Hund-Kuschelkurs von Daniel Cohn-Bendit und Josef Ackermann in der Talkshow von Günther Jauch gut beobachten. Während Cohn-Bendit versuchte, den Finanzmärkten Moral zu injizieren, unterstrich Ackermann, dass Märkte moralfrei zu organisieren seien. Auf der einen Seite plädierte Cohn-Bendit gegenüber den marktbedingten »alternativlosen« Härten der Sparkurse in Griechenland und den Ländern Südeuropas für sozialpolitische Solidarität mit diesen Ländern. Auf der anderen Seite verteidigte Ackermann die hohen Bonus- und Gehaltszahlungen von Bankern mit der vermeintlich knappen Ressource an Talenten auf dem Markt. Und während Cohn-Bendit der Deutschen Bank unmoralische Geschäfte in der – leider vergeblichen – Hoffnung vorhielt, sie sozialethisch impfen und für einen Sozialpakt gewinnen zu können, wollte Ackermann die Regulierung von Markt und Banken ausdrücklich der Politik überlassen, da sich der Finanzsektor freiwillig nicht werde einschränken wollen. Das Wesen des Marktes, so konnte man Ackermann verstehen, besteht in seiner strukturell gefräßigen Freiheit jenseits moralisch-politischer Vorgaben. Deshalb ist für ihn der Markt für einen Sozialpakt nicht ohne äußeren Zwang zu gewinnen. Zum Ersatzobjekt wurden Cohn-Bendit nun die Gehälter im Profifußball: Auch Ronaldos und Schweinsteigers Einkommen seien nicht zu vertreten.

Leserkommentare
    • xpol
    • 02. Dezember 2012 15:30 Uhr

    ... seinen eigenen Massstäben.

    Ein Überbrückungskredit von Bekannten und die Erwerbstätigkeit nach Ministeramt lassen keine Rückschlüsse auf den Charakter zu.

    Etwas anders sieht es aus, wenn ungünstige Gaslieferverträge abgeschlossen werden und der Verantwortliche plötzlich beim Nutzniesser auf der Lohnliste steht.

  1. Wenn Peanuts wie ein Bobbycar oder eine Einladung Oktoberfestbesuch im medialen "Tugendterror" zum Shitstorm werden und einen Bundespräsidenten zum Rücktritt zwingen hat das nichts mit Moral zu tun, sondern mit medialer Einflussnahme auf die Politik. Immer mehr versuchen Medien Meinung zu machen statt Information zu bieten.
    Fukushima, Stuttgart 21, Wulff, Mappus, Steinbrück - die Moral dient als Waffe im politischen Machtkampf.

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    Wulff ist nicht über ein Bobbycar aus dem Amt gestolpert sondern aus ganz anderen Gründen, siehe:

    http://www.youtube.com/watch?v=b2vHkwGnf_4

    Vergleichbares gilt für Mappus. Der Mann ist kein Opfer der Medien, sondern gehört vermutlich in den Knast.

    Sie erwähnten u.a. noch "Fukushima". Aber klar doch. Die Medien sind nicht nur für schlecht Wetter verantwortlich, sondern auch für Tsunamis und Reaktorunfälle.

    • Anna L.
    • 02. Dezember 2012 16:13 Uhr

    Mit diesem Begriff verbinde ich etwas völlig anderes als der Autor.
    Die gesamte Debatte um den Nichtraucherschutz z.B., bei der es nicht mehr allein darum geht, Nichtraucher zu schützen. Vielmehr wird da jeglicher Kompromiss verhindert; Raucher in den Maximalanspruch der Befürworter des Schutzes vor Gesundheitsschäden gepresst.

    Die im Artikel beschriebenen Beispiele im Zusammenhang mit Tugendterror zu sehen, zeigt, wie moralisch verkommen wir inzwischen sind. Moralische Mindesstandards werden inzwischen so dreist außer Kraft gesetzt, dass sich hemmungsloses Egoistentum, Skrupellosigkeit und Lügen hinter Sachzwängen verstecken können?

    Das Wetter ist nicht moralisch.
    Der Markt, bestehend aus der Summe seiner Teilnehmer, ist es auch deshalb nicht, weil ihm Narrenfreiheit als Qualität an sich zugestanden wird.

    Ich empfinde es nicht als Tugend-Terror, wenn Betrug, Vorteilsnahme, Korruption genauso benannt werden. Auch nicht, wenn Verfehlungen priviligierter Vertreter aus Politik und Wirtschaft in Vertretung einer vorrotteten Moral öffentlich *hingerichtet* werden. Im Gegenteil: gut so!

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    Wir werden mit einer Fülle von asozialen und kriminellen Handlungen konfrontiert.

    Alleine die in der Bankenkrise offenbar gewordene kriminelle Energie, ist erschreckend.

    In diesem Artikel hier, macht sich auch so etwas wie Desensibilisierung bemerkbar.

    Früher hat man dazu gesagt: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert.

    Dieses Motto wird heute mit einer ungeheuren Unverfrorenheit vorgetragen, in der Erwartung, dass die Öffentlichkeit abstumpft.

  2. Warum sollte jemand, der im Privatleben nur den persönlichen Vorteil sucht, sich auf der politischen Ebene anders verhalten? Entweder gibt es ethische Prinzipien, die mein Handeln leiten, oder es gibt sie nicht, oder nur in eingeschränktem Masse.

    Ein Beispiel: Vor einigen Monaten war zu lesen, dass Patrick Döring einem Nachbarn einen Autospiegel abfuhr und sich anschliessend aus dem Staub machte. Gegen eine Geldbuse von 200 Euro wurde das gegen ihn eingeleitete Verfahren eingestellt. Nur, leider wurde der Politiker Döring nicht entschärft.
    Vor wenigen Tagen erfuhren wir, dass der Armutsbericht der Bundesregierung geschönt wurde und wichtigste Passagen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet oder glatt weggelassen wurden. Dies geschah vor allem auf Druck der FDP, namentlich Dörings.

  3. Und die Moral von der Geschichte: Ein Neustart wird’s schon richten. http://www.cicero.de/karikaturen/spd-kanzlerkandidat-peer-steinbrueck-ar...

  4. Wulff ist nicht über ein Bobbycar aus dem Amt gestolpert sondern aus ganz anderen Gründen, siehe:

    http://www.youtube.com/watch?v=b2vHkwGnf_4

    Vergleichbares gilt für Mappus. Der Mann ist kein Opfer der Medien, sondern gehört vermutlich in den Knast.

    Sie erwähnten u.a. noch "Fukushima". Aber klar doch. Die Medien sind nicht nur für schlecht Wetter verantwortlich, sondern auch für Tsunamis und Reaktorunfälle.

    Antwort auf "Moral als Waffe"
    • OLama
    • 02. Dezember 2012 17:03 Uhr

    Es wird Zeit für eine Wirtschaftsethik in der zu erst das Wohl der Menschen steht. Gefolgt von dem Wohl des States.

    Und erst an letzter Stelle der ökonomische Vorteil.

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    ## Es wird Zeit für eine Wirtschaftsethik in der zu erst das Wohl der Menschen steht. Gefolgt von dem Wohl des States. ##

    Gibt es ethischen Betrug, ethischen Raub, ethische Vergewaltigungen?
    Das gegenwärtige Gesellschaftsmodell ist in seiner kompletten Systemlogik nicht mit einer Ethik vereinbar.
    Zum einen steht das Kapital grundsätzlich über dem Menschen, ist im Gegensatz zu letzteren tatsächlich "systemrelevant", zum anderen ghet es bei diesem elenden Spiel nur darum, dass eine Minderheit auf Kosten der Mehrheit leben kann und diese legal ausbeuten, unterdrücken kann.

    Der Versuch der Einführung einer systemkonformen Wirtschaftsethik, z.B. die CSR, "Ethikbeauftragte" usw. (hatte sogar die HRE!), kann ja wohl als komplett gescheitert angesehen werden.

    D.h. entweder sie wollen Ethik oder Kapitalismus.
    Beides zusammen ist nicht erhältlich.

    Und btw - der bürgerliche Staat als solches hat auch nur seine eigene Pseudo-Ethik, die er sich zur Legitimierung seines Gewaltmonopols hält um die herrschenden Verhältnisse aufrecht zu halten und die - im Zweifelsfall - nichts wert ist, wenn mächtige Partikularinteressen dagegenstehen.
    Siehe das zusammenprügeln von Demonstrationen, Kooperation mit Folterstaaten, Export von Kriegsgerät usw..

    Aber dann sagen Sie mir doch mal wie man eine solche Ethik implemtieren will? Vor allen Dingen, war sollte der Einzelne danach streben sich ethisch korrekt zu verhalten, im Zweifel kostet das was. In DE gibt es allerdings schon selbst ernannte Wirtschaftsethiker, die dann lsutig knallhart die Ethik des Marktes vertreten, und die lautet, alles ist erlaubt solange es effizient ist. Aber bitte denken Sie sich eine Wirtschaftsordnung aus, in der es sich lohnt sich ethisch zu verhalten. Also irgendwelche Erklaerungen und Versprechungen aendern nichts, es muss erstrebenswert sein sich ethisch zu verhalten. Aber wie soll man das hinkriegen? Ansonsten mit faellt nur Zwang und Kontrolle ein, jeden und alles und jedes Fehlverhalten muss drastisch bestraft werden. Bspw. im Fall Mappus, der sollte den Rest seines Lebens nur noch auf ALG II Niveau vegitieren, seine Familie natuerlich konsequenterweise auch.

  5. Es ist zu kurz gegriffen (und vielleicht auch von manchen gewollt) den Medien lediglich eingeforderte Tugendhaftigkeit zu unterstellen, lenkt dieser Begriff doch so schön von den Tatsachen ab. Es geht darum, dass in einer zunehmend neoliberal agierenden Welt eben auch zunehmend Ichlinge das Sagen haben, denen übliche moralische Standards abhanden gekommen sind und die die Gesellschaft gerne mit ihrem persönlichen Selbstbedienungsladen verwechseln und dabei gegen das Gemeinwohl agieren. Ob noch innerhalb juristischer Grenzen oder nicht, ist in den Fällen egal, in der die betroffene Person eine Vorbildfunktion hat, bei der beispielsweise der Eindruck persönlicher Vorteilsnahme einfach auf die falsche Einstellung für ihre Rolle hinweist. Insofern haben die Medien die Aufgabe, auch solche Handlungen von Personen des öffentlichen Lebens zu thematisieren und transparent zu machen, die auf eine kritische Lebenseinstellung zum Nachteil Anderer gegenüber hindeuten könnten. Mit Tugendwächtertum hat das erst einmal wenig zu tun.

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