Ausstellung in Washington : Der wahre Krieg

Kitsch und Klage: Eine große Ausstellung in Washington zeigt Amerikas Bürgerkrieg im Spiegel der Kunst.

Mathew Brady ist ein Fotograf mit einem wachen Sinn fürs Geschäft. Doch diesmal, im Herbst 1862, zeigt er in seinem Studio am New Yorker Broadway keine Porträts und nichts Dekoratives, sondern eher schwer verkäufliche Ware: Fotos, die unter die Haut gehen. Bald drängeln sich die Menschen; nicht wenige verlassen blass, zutiefst erschüttert und mit Tränen in den Augen den Raum.

Was Brady ausstellt und solche Sensation macht, sind die Werke seines Mitarbeiters, des Fotografen Alexander Gardner, der aus Schottland in die Neue Welt eingewandert ist und als überzeugter Sozialist bislang meist das Elend der armen Leute dokumentiert hat. Einige Wochen zuvor ist Gardner an einem kleinen Fluss namens Antietam Creek in Maryland gewesen, dem Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs. 2108 Unionssoldaten (aus dem Norden) und 1564 Konföderierte (aus dem Süden) waren hier am 17. September 1862 gefallen, fast zwanzigtausend Menschen verwundet worden. Gardner fotografierte die Leichenberge, die aufgedunsenen Körper – in Gräben und hinter zerschossenen Zäunen, neben verlassenen Kanonen.

Die Fotos lösen einen Schock aus: Erstmals tritt das ganze Grauen dieses Krieges ins Licht der Öffentlichkeit. Erstmals sind Fotos von gefallenen amerikanischen Soldaten zu sehen, etliche der Bilder wurden sogar in 3-D-Technik aufgenommen, was den Eindruck des Schreckens besonders plastisch macht. Es ist überhaupt das erste Mal, nach frühen Versuchen im Krimkrieg, dass der Krieg fotografiert wird. Die New York Times erkennt sofort die Brisanz dieser Dokumente: »Mr. Brady bringt uns die grausame Realität und den Ernst des Krieges nach Hause. Zwar legt er die Leichen nicht vor unsere Türen und in unsere Straßen – aber er macht etwas sehr Ähnliches.«

In der Wiederbegegnung heute, genau 150 Jahre und etliche Kriege später, haben Gardners Fotos nichts von ihrer Kraft verloren. Wir sehen die kostbaren, kleinformatigen Albuminabzüge, lichtgeschützt präsentiert, in einem engen, länglichen Kabinett, was ihre Wirkung noch verstärkt. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Exponaten einer bemerkenswerten Ausstellung, die soeben im Smithsonian American Art Museum in Washington eröffnet wurde: The Civil War and American Art.

Die umfassende Schau gehört zum langen Reigen der Veranstaltungen, die an den Amerikanischen Bürgerkrieg erinnern. Er hat die Vereinigten Staaten von 1861 bis 1865 erschüttert und fundamental verändert, er war gleichsam der zweite Gründungsakt der USA. Die Ausstellung, in deren Mittelpunkt neben den Fotos und weiteren Kunstwerken an die sechzig Gemälde stehen – darunter wahre Ikonen, die jedes amerikanische Schulkind von Reproduktionen her kennt –, fragt nach dem Reflex dieses Krieges in der Kunst. Und es ist ein bezeichnender Zufall, dass just an dem Wochenende, an dem sie eröffnet wurde, Steven Spielbergs neues Meisterwerk Lincoln, mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle, in die amerikanischen Kinos kam. Der Film beschränkt sich auf den letzten Akt des Krieges, auf die letzten Lebenstage des großen Präsidenten – und auf den wohl bedeutsamsten Augenblick seiner Amtszeit: den Moment, da per Verfassungszusatz die Sklaverei für immer auf dem Boden der Vereinigten Staaten beendet wird.

In dieser Perspektive ähnelt Spielbergs Film auf seltsame Weise der von Eleanor Jones Harvey kuratierten Ausstellung. Denn neben der großen Erschütterung, der nationalen Existenzkrise, geht es der Washingtoner Kunsthistorikerin immer wieder um die Menschenrechtsfrage, um die Darstellung der Sklaven, der leidenden wie der bereits befreiten. So zeigt uns Eastman Johnsons fast nächtliches Gemälde Ritt in die Freiheit von 1862 eine Sklavenfamilie auf der Flucht – als wär’s die Flucht aus Ägypten. Winslow Homer, einer der bekanntesten amerikanischen Maler des 19. Jahrhunderts, konzentriert sich in seinem Ölbild Die Baumwollpflückerinnen auf zwei junge schwarze Frauen in einem Baumwollfeld. Das wehmütige, ins Sentimentale spielende Gemälde entspricht exakt dem Diktum des Bürgerrechtlers Frederick Douglass (1818 bis 1895), der, selbst als Kind einer Sklavin geboren, im Sklaven eine Gestalt der Vergangenheit sah, die alle Hoffnung der Zukunft verkörpere. Eine der beiden jungen Frauen scheint nach wie vor in dem Feld gefangen, den Erntekorb gehorsam gefüllt. Vor der anderen hingegen eröffnet sich eine Gasse, durch die Blüten hindurch, und ihr Blick geht zum Horizont.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Zu erwähnen wäre aus meiner Sicht noch ...

... dass sich Gardner (wie manch anderer Fotograf des Amerikanischen Bürgerkriegs) die Leichen von seinen Assistenten gerne mal hindrapieren hat lassen, um einen größeren Effekt zu erzielen. (Ich meine, es im Buch „Die kleine Geschichte der Fotografie“ aus dem Reclam Verlag gelesen zu haben.) Auch das oben gezeigte Motiv könnte „inszeniert“ sein. Was die Sache an sich natürlich nicht ändert.

Schöne Grüße