Wolfcenter DörverdenHeul doch!

Das Wolfcenter im niedersächsischen Dörverden räumt auf mit dem Märchen vom bösen Wolf. Ein Familienausflug mit Übernachtung im Baumhaus direkt am Gehege. von 

Zwei junge Wölfe im Wolfscenter Dörverden

Zwei junge Wölfe im Wolfscenter Dörverden  |  © Ingo Wagner dpa/lni

Als wir nach unten blicken, sind sie wieder da. Drei Wölfe liegen zusammengerollt zwischen den Bäumen. Ein vierter steht fast unter unserem Baumhaus und sieht uns an. »Können die wirklich nicht raufkommen?«, fragt die Tochter. Nicht ängstlich – neugierig, wie das Fünfjährige so tun. Ich bin dabei, zu überlegen, ob ein Wolf die fünf Meter lange, schwankende Hängebrücke nicht doch zu uns hochbalancieren könnte. Da fängt es an. Ein Heulen, zuerst wie von einem Hund. Dann aus immer mehr Kehlen, auf- und abschwellend, ein Wimmern, Lachen und schrilles Schreien. Ein ergreifend schauriges Konzert, das irgendwann wieder in Heulen übergeht und mit einem kurzen Winseln endet.

Im Wald ist es sehr still. Es wird dunkel. Und es ist fast Vollmond.

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Unser Baumhaus steht im Wolfcenter Dörverden zwischen Bremen und der Lüneburger Heide. Auf fünf Hektar gibt es hier zwei Gehege von 11.000 und 9000 Quadratmetern, ein Hauptgebäude mit Ausstellung, einen Streichelzoo. Man kann auch übernachten. In einfachen Zimmern im Haupthaus, in Indianer-Tipis oder neuerdings wie wir in der Luxusvariante: einem 30 Quadratmeter großen Designerholzhaus auf Stelzen, mit WLAN, Dachterrasse, Fußbodenheizung im Bad und Whirlpool. Auf dem Tisch liegen Chips, es gibt eine Minibar, einen Weinkühlschrank, und der Flachbildfernseher überm Bett lässt sich per Fernbedienung in die beste Position drehen.

In der letzten Stunde haben wir lieber Wolfsfernsehen geguckt: Die hintere Wand unseres schwebenden Hotelzimmers, ein sieben Meter langes Panoramafenster, ist geneigt, damit man Wald und Tiere besser sehen kann. Jetzt, im Finstern, sind die Rollen vertauscht: Die Wölfe haben sich draußen versammelt und beobachten uns aus gelb blitzenden Augen. Wir könnten die Jalousien zuziehen, aber das käme uns lächerlich vor. Die Wölfe haben sicher schon öfter Chips essende Menschen gesehen.

Wir sind hier, um unsere fünfjährige Tochter aufzuklären. Die kennt Wölfe bisher nur aus alten Märchen, wo kleine Mädchen mit einem Happs verschlungen werden. Und aus modernen Kinderbüchern, wo Mädchen im Wald mit Wölfen spielen, für sie kochen und ihnen Gutenachtlieder vorsingen. Im Wolfcenter soll sie jetzt mal erfahren, wie die Tiere wirklich sind. Denn längst gibt es hierzulande wieder frei lebende: 15 Rudel aus Elterntieren mit Nachwuchs zählt man in Ostdeutschland, und dieses Jahr brachte eine Wölfin auf dem Truppenübungsplatz Munster drei Junge zur Welt – die ersten wild geborenen Welpen in Niedersachsen seit hundert Jahren.

In der Wildnis sind Wölfe sehr scheu und lassen sich normalerweise nicht blicken. Trotzdem haben sie bei vielen Menschen kein gutes Image. Das Wolfcenter möchte das ändern. Und das Motto »Natur erleben – den Wolf kennenlernen« lässt sich hier ganz leicht in die Tat umsetzen. Als wir am Nachmittag ankommen, stehen in dem Gehege, das an unser Baumhaus grenzt, schon sechs Wölfe direkt am Zaun. Schöne grauschwarze Tiere, jedes fast so groß wie unser rotbemütztes Mädchen. Natürlich wissen wir, dass ein Wolf sich nicht von Menschen, sondern Rehen, Hirschen und Wildschweinen ernährt. Und dass der Zaun dreieinhalb Meter hoch ist, stacheldrahtbewehrt, elektrodrahtverstärkt und die Stahlmatten darunter tief in die Erde reichen. Trotzdem, es muss eine uralte Reaktion des Menschen auf Raubtiere sein, beschleunigt sich mein Puls. Unsere Tochter bleibt gelassen, sie kennt herumstehende Wölfe aus dem Kinderbuch. Später werden wir erfahren, dass die sechs Tiere so zutraulich sind, weil sie von Pflegern mit der Milchflasche aufgezogen wurden. Jetzt müssen wir schnell den Koffer über die Hängebrücke ins Baumhaus bugsieren, denn gleich beginnt die Kinderführung.

Das Baumhaushotel

Das Baumhaushotel  |  © Carmen Jaspersen dpa/lni

Hinter dem Haupthaus empfängt uns Frank Faß, der das Center im Jahr 2010 mit seiner Frau Christina gegründet hat. Eine ungewöhnliche Geschichte: Faß, ein freundlicher blonder Hüne, ist Luft- und Raumfahrtingenieur und noch dazu Jäger – man könnte also meinen, der prädestinierte Feind jedes Wolfes. Aber Faß versteht unter Jagd auch Hege und Pflege. Im kanadischen British Columbia besuchte er zum ersten Mal ein Wolfcenter: »Da dachte ich, so etwas müsste man auch in Deutschland machen.« Andere vergessen solche Träume nach dem Urlaub, Faß aber kündigte seinen Job, nahm Kredite auf und fand ein Grundstück auf dem Gelände der ehemaligen Niedersachsen-Kaserne. Das frühere Soldatenfreizeitheim ist nun das Haupthaus des Centers. Ein halbes Dutzend Kinder mit Eltern, Omas und Opas hat sich jetzt dahinter versammelt; eine Familie hat einen schwarzen großen Mischlingshund dabei. Der blickt sich unbehaglich um, als wir einem Weg ins Wäldchen folgen, der nach zwei Kurven an einem Zaun entlangführt: das zweite Wolfsgehege. 

Die vier Tiere, die hier leben, denken nicht daran, uns am Zaun zu begrüßen. Sie sitzen und liegen in gehörigem Abstand zwischen den Bäumen, und es dauert geraume Zeit, bis die Kinder sie mit »Ah!« und »Oh!« überhaupt entdecken. Diese Wölfe sind scheuer als die anderen, erklärt Faß, weil sie nicht mit der Flasche aufgezogen wurden. Da sie aber aus einem Tierpark und einem Forschungsinstitut stammen, sind sie dennoch an Menschen gewöhnt. Und offenbar doch neugierig: Als wir am Zaun entlang weitergehen, folgen sie uns wie an einer langen Leine. Und als wir auf der anderen Seite des Geheges wieder stehen bleiben, kommen sie sogar direkt auf uns zu. Geduckt, fast katzenhaft einen Fuß vor den anderen setzend, die Körper angespannt wie zum Sprung. Der schwarze Hund bleibt stehen und sieht ziemlich unglücklich aus, wir Menschen versichern uns, dass der Zaun wirklich da ist. Erst als die Wölfe ihn mit ihren Schnauzen fast berühren, merken wir, dass sie an uns vorbeistarren: Hinter uns, auf der anderen Seite des Weges, grast eine Schafherde.

Leserkommentare
    • TDU
    • 03. Dezember 2012 10:46 Uhr

    "ermittelte das Norwegische Institut für Naturforschung neun tödliche Attacken von Wölfen gegen Menschen in Europa."

    Das würden mehr, wenn mehr Menschen in der Natur leben müssten und dem Wolf sein Revier streitig machten oder eben Tiere halten, die der Wolf bevorzugt.

    Ansonsten dürfte der "böse Wolf" für eine Erwachsenen doch wohl eine Erinnerung an Filme und Bücher der Kindheit sein. Und wer die Sprache der Wölfe nicht kann, dem nützt auch das Heulen nichts.

  1. Da der Wolf ja harmlos ist, müsste es doch statt "im Baumhaus direkt am Gehege" besser heissen "im Gehege".

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    ... müsste es statt "heissen" "heißen" heißen. Soviel Tüpflischiss muss sein.

  2. ... waren wir bei den "Loups du Gévaudan" im südfranzösischen Département Lozère, wo auf ca .20 Hektar mittlerweile rund 130 Wölfe unterschiedlichster Unterarten leben und sich vermehren. Ein grandioses Erlebnis. Schön, daß so etwas hierzulande auch im Entstehen begriffen ist. Wir wünschen Herrn Faß viel Erlfolg und haben seinen Wolfspark für die nächste Norddeutschlandtour auf der Liste.

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    Die Eintrittspreise bei den "Wölfen des Gévaudan" sind niedriger: Erw. 7,50 EUR, Kinder 4,50 EUR. Zwischen dem 15. Juli und dem 15. August sind donnerstags von 20.30 Uhr bis 23.30 Uhr Nachtbesuche möglich (Erw. 10,00 EUR, Kinder 6,00 EUR; nur nach Voranmeldung).

  3. ... müsste es statt "heissen" "heißen" heißen. Soviel Tüpflischiss muss sein.

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    Aber um beim Thema zu bleiben: mir sind Jäger unheimlich, weil sie sich am "feigen Mord am wehrlosen Mitgeschöpf" (Theodor Heuss) ergötzen. Die Trophäen, die sie sich ins Wohnzimmer hängen, sind der Beweis, auch wenn sie nebenher ein Gehege für Wölfe einrichten.

  4. Die Eintrittspreise bei den "Wölfen des Gévaudan" sind niedriger: Erw. 7,50 EUR, Kinder 4,50 EUR. Zwischen dem 15. Juli und dem 15. August sind donnerstags von 20.30 Uhr bis 23.30 Uhr Nachtbesuche möglich (Erw. 10,00 EUR, Kinder 6,00 EUR; nur nach Voranmeldung).

  5. Aber um beim Thema zu bleiben: mir sind Jäger unheimlich, weil sie sich am "feigen Mord am wehrlosen Mitgeschöpf" (Theodor Heuss) ergötzen. Die Trophäen, die sie sich ins Wohnzimmer hängen, sind der Beweis, auch wenn sie nebenher ein Gehege für Wölfe einrichten.

    Antwort auf "Allerdings ..."
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    ... die sich dort kratzen, wo es andere juckt.
    Samuel Becket

  6. ... die sich dort kratzen, wo es andere juckt.
    Samuel Becket

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    angekratzt?

  7. angekratzt?

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