Wythe Hotel New YorkLokalpatriotismus für Durchreisende

Das Wythe Hotel in New Yorks Modeviertel Williamsburg feiert seine Umgebung – sogar Duschgel und Tapeten kommen aus der Nachbarschaft. von Claudia Steinberg

Die Heldengeschichten der ersten Künstler, die in den achtziger Jahren Manhattan verließen, um auf die andere Seite des East River zu ziehen, nach Williamsburg in Brooklyn, sind für die neuen Bewohner des Viertels so etwas wie lokales Seemannsgarn. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass damals Hunderudel durch verödete Industriegelände streiften und Drogenhändler an windigen Ecken auf Kundschaft aus der City warteten? Im letzten Jahrzehnt haben die Hipster Williamsburg zum Inbegriff der New Yorker Boheme gemacht – auch wenn sie selbst inzwischen weitergezogen sind, nach Bushwick oder ins nächste Ghetto entlang der L-Train-Strecke. In den Broschüren der Immobilienmakler, die Eigentumswohnungen mit Blick auf die Skyline preisen, wird Williamsburg allerdings nach wie vor als cooles Künstlerviertel vermarktet. Und tatsächlich hat sich die Gegend, trotz einer ständig wachsenden Zahl von Kinderwagen, den Charme eines Szene-Außenpostens bewahrt: Zahlreiche Secondhandläden, kleine Restaurants und sanierte Fabrikbauten halten jenes individualistische Klima aufrecht, in dem auch Boutique-Hotels bestens gedeihen.

Pionier war das Williamsburg. Doch das könnte mit seinem unterkühlten Schick in jeder Metropole dieser Welt stehen. Das Wythe dagegen, seit dem Sommer geöffnet, ist eine Art Flaggschiff von Brooklyns neuem Lokalpatriotismus. Viele junge Zugezogene sehen das Viertel nicht mehr wie früher als bezahlbare Alternative zu Manhattan, sondern feiern es nun mit einigem Stolz als aufregende Welt für sich. Produkte made in Brooklyn sind en vogue und haben einen guten Ruf als zugleich ehrlich und originell gemachtes Handwerk.

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In riesigen Lettern aus recycelten Metallteilen hat der Künstler Tom Fruin das Wort Hotel über vier Etagen hinweg an die Fassade des Wythe geschrieben – als hätte dieses Haus einen Alleinvertretungsanspruch im Umkreis. Nachts strahlen die Buchstaben an der Ecke North 11th und Wythe Street in rotem Neon Edward-Hopper-artig in die nur trübe beleuchtete Nachbarschaft aus niedrigen Industriegebäuden älteren Datums.

Die Eingangstür aus gewölbtem Glas ist in ihrer kostspieligen Schlichtheit ein erstes Anzeichen für die puristische Ästhetik des Hauses. Die ehemalige Böttcherei aus dem Jahr 1901 wurde entkernt bis auf ihre Backsteinmauern. Deren makellos sandgeschliffenes Rostrot gibt sowohl außen als auch innen den Ton an. Der liebevolle Perfektionismus, mit dem das fünfstöckige Gebäude von der Lobby bis zur Dachterrasse renoviert wurde, passt ebenso zur Marke Brooklyn wie das sorgfältige Recycling vorgefundener Materialien. Holzbalken des alten Baus finden sich in Decken, Böden und sogar Möbeln des Hotels wieder. Das ist nicht nur ökologisch tugendhaft, es suggeriert zugleich, dass die neu kombinierten Elemente historisch zwingend zusammengehören. Nicht zuletzt kokettiert man hier mit der Cleverness des Dorfschneiders, der aus einem abgewetzten Mantel noch immer einen guten Rock zu nähen weiß.

Nie wieder falsch liegen: Um weitere Hoteltests zu lesen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Nie wieder falsch liegen: Um weitere Hoteltests zu lesen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.   |  © Design Hotels

Von den höher gelegenen Zimmern und von der Dachterrasse aus hat man einen spektakulären Ausblick auf Manhattan oder zumindest über die Williamsburger Dächerlandschaft. In den unteren Etagen befindet man sich auf Augenhöhe mit den zu Wohnungen verwandelten Manufakturen. Doch gleichgültig auf welcher Ebene, die extragroßen Fenster sind die Hauptattraktion aller 72 Zimmer. Von der Großzügigkeit der Glasfronten und den hohen Decken abgesehen, sind die Räume sparsam ausgestattet. Dafür wird auf Qualität geachtet: Handtücher aus hochwertigem Frottee; hausgemachte Eiscreme in der Minibar; kein Teppich, sondern blank polierter und beheizbarer Zementboden; keine großen Fernseher, aber ein Kabel, um das eigene Smartphone an einen Rundumklangkörper anzuschließen. Anstelle von Kunst kleben an vielen Wänden Tapeten der ortsansässigen Firma Flavorpaper: Wythe Toile heißt eine Sonderanfertigung mit brooklynschen Motiven: Fahrräder, deren Vorderrad geklaut wurde, graffitibemalte Briefkästen, alte Wasserspeicher.

Alles ist geschmackssicher und mit Hintersinn ausgewählt, so sehr allerdings, dass man sich bald leicht bevormundet fühlt. Insbesondere, nachdem man festgestellt hat, dass es aus Prinzip keinen Roomservice gibt. Die Hoteliers möchten ihre Gäste damit sanft ermuntern, sich kontaktfreudig ins Restaurant zu begeben – das mit seinen antiken Spiegeln und dem Spektakel einer offenen Küche zugegebenermaßen sehr schön geraten ist.

Information

Wythe Hotel, 80 Wythe Avenue, Williamsburg, Brooklyn, NY 11249, Tel. 001-718/4608000

DZ ab 179 Euro

Der Wunsch, die Hotelgäste zu einer verschworenen Gemeinschaft zu machen, entspricht dem neuen Gemeinschaftsgefühl draußen im Viertel. Er gehört zum ideologischen Paket des streng lokal ausgerichteten Hauses. Made in Brooklyn – das sind nicht nur Dinge wie Duschgel und Möbel, das ist auch ein Selbstverständnis, bei dem progressives Umweltbewusstsein und die Liebe zu traditioneller Gediegenheit zusammenfinden. Dazu passend, serviert der Restaurantbetreiber Andrew Tarlow, der mit dem australischen Hotelier Peter Lawrence hinter dem Projekt steckt, im Restaurant Reynard des Wythe nur Gemüse und Fleisch aus der näheren Umgebung. Das Menu ist entsprechend reduziert, versteht sich aber zugleich als exquisit – wie die »kuratierte« Weinliste und die »handwerklich« produzierten Biere aus der Brauerei nebenan. »Von der Farm auf den Tisch«, »von der Schnauze bis zur Schwanzspitze« – das Reynard und sein freundliches Personal gehorchen diesen Prinzipien mit Frömmigkeit. Komplette Rinder werden bis zum letzten Knöchelchen verarbeitet, und was noch übrig ist, kommt auf die Tageskarte.

Doch so sehr sich das Wythe auch bemüht, als organisch verzahnter Mikrokosmos zu funktionieren: Es kann weder seine Gäste wirklich unter Kontrolle bringen noch die Umgebung, der es mit Leib und Seele angehört. Und so mag es geschehen, dass man für einen Preis zwischen 179 und 495 Dollar eine schlaflose Nacht verbringt, weil in den angrenzenden Straßen das neue Brooklyn bis zum Morgengrauen begeistert feiert.

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